22. September 2019, 20:36 Uhr

Im Klangkaskadenkosmos

Von Beethoven über Dvorák bis zu Anna Clyne. Das HR-Sinfonieorchester tourt im Stadttheater durch die Epochen. Louis Schwizgebel sitzt am Flügel. Ben Gernon steht am Pult.
22. September 2019, 20:36 Uhr
merz_mm
Von Manfred Merz
Konzentrierter Virtuose: Pianist Louis Schwizgebel. (Foto: Borggreve)

Das Beste zu Beginn: Anna Clynes treibender Orchesterhappen »This midnight hour«. Dreizehn Minuten pulsierender Rhythmus, elegische Motive, Interruption. Gedichte von Juan Ramón Jiménez und Charles Beaudelaire standen mitternächtlich-mystisch Pate. Der Engländerin Clyne, Jahrgang 1980, gelingt es, das tonale System expressiv zu nutzen, ohne ins akademisch Theoretische abzugleiten. Ihr moderner Sound lebt, atmet, wogt. In der Mitte des Stücks mogelt sich wodka-selig eine russische Weise in die musikalischen Aphorismen, ehe eine irisch anmutende Melodie und weitere gefühlvolle Zutaten in den Streichern und Bläsern zum zarten Finale führen, das abrupt mit einem Paukenschlag im Wortsinn endet.

Euphorisch beginnt das HR-Sinfonie- orchester am Samstag seinen alljährlichen Abstecher ins Stadttheater. Der große Klangkörper erfüllt mit seiner eigenwilligen Stückauswahl, am Vortag bereits im HR-Sendesaal zu hören und als »magisch« angepriesen, an diesem Abend das Große Haus. Unter der Leitung von Gastdirigent Ben Gernon, der mit den beiden Konzerten sein Debüt am Pult der Frankfurter gibt, wirkt das auf Clyne folgende 1. Klavierkonzert von Ludwig van Beethoven beinahe etwas schulmeisterlich und nüchtern in seinem C-Dur am Anfang. Gleichwohl präsentieren die drei Sätze im Verlauf den jungen Klassiker mit typischem Impetus.

Am Steinway zeigt der 31-jährige Louis Schwizgebel sein beachtliches Können. Nicht nur in der Solokadenz des ersten Satzes imponiert er neben seiner perfekten Technik mit virilem Anschlag, kraftvollen Läufen und der selbstsicheren Ausstrahlung, die Tonsprache des Altmeisters verinnerlicht zu haben. Schwizgebel setzt auf moderate Pedalarbeit. Das perlt. Nach dem lyrischen Largo geht es im Schlussrondo noch einmal zur Sache. Der Schweizer mit chinesischen Vorfahren meistert diesen nicht zu schwierigen Beethoven in virtuosem Selbstverständnis und in Harmonie mit dem Orchester. Beide musizieren zum ersten Mal zusammen. Als Zugabe spendiert der Pianist dem Publikum das sensitive c-Moll Allegretto von Franz Schubert.

Nach der Pause die 8. Sinfonie von Antonín Dvorák, dem großen Seelenstreichler der tschechischen Musik. Wie schon bei Clyne halten die Streicher das Heft in der Hand, während sich die Bläser in betörender Spiellaune befinden. Klangschönheit heißt das Motto aller vier Sätze, so wie es sich für ein Spitzenorchester geziemt, das durch die Romantik schwelgt.

Der Engländer Gernon, Jahrgang 1989, führt seine Musiker den kompletten Abend über stringent, verzichtet beim Beethoven auf den Taktstock, was er gern und am liebsten tut, legt ihn aber beim Dvorák erst im rauschenden Finalsatz aus der Hand. Den Clyne’schen Klangkaskadenkosmos hingegen dirigiert er strikt vom Anfang bis zum Ende mit Stab - für alle Fälle. Tosender Applaus vom voll besetzten Haus.



0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos