10. Oktober 2019, 06:00 Uhr

Leben im Alter

Impulse für seniorengerechte Stadt

Dank der Universität ist Gießen eine junge, bunte Stadt. Aber lässt es sich hier auch im Alter gut leben? Die Stadt will von ihren Senioren wissen, was gut ist und was besser werden muss.
10. Oktober 2019, 06:00 Uhr
Ines Müller und Friederike Stibane mit dem Altenhilfeplan 2013. Auch für die Fortschreibung wünschen sie sich Bürgerbeteiligung.

Altenhilfeplan - schon allein mit dem Begriff ist niemand glücklich. Denn seine Botschaft ist, dass Alter und Hilfsbedürftigkeit miteinander einher gehen. Das Gegenteil ist jedoch der Fall. Noch nie haben so viele Menschen die Jahre nach dem Erwerbsleben in guter Gesundheit und materiell abgesichert erlebt wie heute. Und noch nie waren die Bedürfnisse und Wünsche der Senioren so unterschiedlich wie heute.

Deshalb sprechen Ines Müller (Leiterin des Amtes für soziale Angelegenheiten) und Friederike Stibane (Gleichstellungsbeauftragte der Stadt) lieber von einem Prozess, bei dem die Stadt ihre Bürger begleiten will: »Älter werden in Gießen«. Sie gehören dem »Runden Tisch« an, der sich vor mehr als sechs Jahren gegründet hat, um gemeinsam Weichen zu stellen für eine seniorengerechte Infrastruktur in der Stadt. In diesem Gremium sitzen Vertreter von Sozialverbänden, Institutionen und Vereinen, die sich mit dem Alter beschäftigen. Der regelmäßige Austausch, so Stibane, sorgte in den vergangenen Jahren für wichtige Impulse. Immer wieder sei es gelungen, innovative Projekte zu unterstützen, meist in Kooperation mit dem Bündnis für Familien. Dazu gehört der Demenzwegweiser, das Ziegenprojekt der Arbeiterwohlfahrt, die Ausstattung mit Tablets im Pflegeheim und aktuell der Aufbau eines Besuchsdienstes beim Freiwilligenzentrum.

Stolz auf Seniorenmesse

Zu den größten Erfolgen zählt die Organisation der Seniorenmesse. Diese findet in zweijährigem Turnus in der Kongresshalle statt. Über 50 Aussteller rund um Wohnen, Verkehr, Pflege, Freizeit, Sport und Kultur präsentieren dort ihr Angebot. Die Organisation der ersten Messe war eine Art Versuchsballon und hat sich seitdem bestens bewährt. Viele Besucher nutzen die Ausstellung zur Information und zum Austausch. Mit dem finanziellen Erlös wird im jeweils »messelosen« Jahr die monatliche Veranstaltungsreihe »Wolkig bis heiter« organisiert, in der Themen aufgegriffen werden, die für ältere Menschen relevant sind. »Da wir nur ein geringes Budget zur Verfügung haben, freut uns diese effiziente Lösung besonders«, sagt Stibane.

Apropos Budget. Dem geringen Budget ist es auch geschuldet, dass viele Wünsche und Handlungsempfehlungen, die im Altenhilfeplan gegeben werden, nicht realisiert werden können. So wurde bei der Stadt zum Beispiel keine Stelle für einen Koordinator geschaffen, der sich in der Kommune eigens um die Erfordernisse des demografischen Wandels kümmert. Im Amt für soziale Angelegenheiten, das traditionell für die städtischen Seniorentreffs und die Seniorenarbeit zuständig ist, hat man diese Aspekte aber im Blick. Dort wurde auch der neue »Fachdienst Wohnen« installiert. Dessen Aufgabe ist es, das Wohnraumversorgungskonzept der Stadt umzusetzen. Eine Erkenntnis des Altenhilfeplans 2013 war der eklatante Mangel an Wohnraum. Nach damaligen Berechnungen fehlen 4000 kleine, bezahlbare Wohnungen in der Stadt. Daran hat auch der Bauboom nicht viel geändert. Laut Müller entstehen in Kürze 409 neue Sozialwohnungen. Wie viele davon barrierefrei oder barrierearm sein werden, ist derzeit nicht bekannt. Auch bei nicht preisgebundenem Wohnraum fehlt bislang ein Überblick über diese Information - die Stadt ist hier auch auf die Mithilfe der Vermieter angewiesen.

Begrenzter Einfluss der Stadt

Wie begrenzt die Einflussmöglichkeiten einer Kommune sind, zeigt sich beim Thema Pflege. Ein großes Problem für viele pflegebedürftige Senioren und deren Angehörige ist der Personalmangel bei den ambulanten Diensten. Sowohl bei haushaltsnahen Dienstleistungen als auch bei der ambulanten Pflege ist der Markt leer gefegt. Eine Kostenübernahmeerklärung durch die Kassen nützt nichts, wenn es niemanden gibt, der den Job übernehmen kann.Verbände wie Caritas oder Arbeiterwohlfahrt würden Personal einstellen, finden aber keines. Versuche der Stadt, Qualifizierungen zu unterstützen scheiterten am Bewerbermangel. Ein großes Plus in Gießen sind die Beratungs- und Koordinierungsstelle (Beko) sowie der Pflegestützpunkt. Die Expertinnen sind bestens vernetzt und Ratsuchenden eine große Hilfe. An den Rahmenbedingungen können aber auch sie nichts ändern. (Foto: Schepp)

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