19. Januar 2019, 15:00 Uhr

Mensch, Gießen

Ingke Günther: Volle Kanne Kunst

Es gibt wohl niemanden in Gießen, der mehr Gießkannen in den Händen gehalten hat als Ingke Günther. Dabei hat sie nicht mal einen Garten. Die Künstlerin ist Kuratorin des Gießkannenmuseums.
19. Januar 2019, 15:00 Uhr

Mensch Gießen

Jeden Tag begegnen wir Gießenern, die uns zwar vertraut sind, die wir aber nicht kennen. Das wollen wir ändern: In unserer Serie »Mensch, Gießen« wollen wir einige dieser Gießener vorstellen.

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Alle Künste sind gut, ausgenommen die langweilige Kunst. Der französische Philosoph Voltaire soll das mal gesagt haben. Vermutlich hat er dabei nicht an das Ausstellen von Gärtnerutensilien gedacht. Trotzdem passt sein Spruch ziemlich gut zum Gießener Gießkannenmuseum. Denn auch Alltagsgegenstände können Kunst sein. Und langweilig wird es in der Sonnenstraße erst recht nicht. Entscheidenden Anteil daran hat Ingke Günther. Doch auch wenn ihr die Leitung des Museums wohl die größte Aufmerksamkeit beschert, ist es beileibe nicht ihre einzige künstlerische Tätigkeit.

Günther ist eine geborene Gießenerin. Hier hat sie den Großteil ihres Lebens verbracht. Die Stadt an der Lahn zu verlassen, stand für die 50-Jährige nie wirklich zur Debatte. »Es gab einfach keine ausreichend guten Gründe zu gehen.« Zumal die Stadt nicht nur eine renommierte Universität beheimatet, sondern auch eine lebendige Kulturszene. Und Kunst hat Günther schon immer interessiert. »Das war schon als Kind so«, sagt die Gießenerin, die heute in Lützellinden lebt.

 

Künstlerische Ausbildung

Nach der Schule studierte sie daher Kunstpädagogik und Kunstgeschichte mit dem Schwerpunkt zeitgenössische Kunst. Im Anschluss machte sie sich mit einem eigenen Atelier als bildende Künstlerin selbstständig. »Meine künstlerischen Arbeitsfelder sind relativ breitgefächert. Ich arbeite mit Collagen, Arbeiten aus und auf Papier und Mix Media. Es geht um kontextbezogene Projekte und Kunst, die sich mit Alltagsphänomenen beschäftigt.« Im Fokus stehe dabei die Auseinandersetzung mit Sprache. Vor allem die explizite. Ihr Projekt »Fadentiraden«, bei dem sie Schimpfwörter mit Nadel und Faden auf Büttenpapier gestickt hat, wurde auch überregional zur Kenntnis genommen. »Gerade Schimpfwörter haben eine große bildhafte Kraft«, sagt sie und nennt als Beleg den guten alten Schweinepriester. Seit 15 Jahren sammelt sie nun schon Kraftausdrücke, mit der Zeit sind über 2200 zusammengekommen. Und es werden immer mehr. »Die Leute denken sich schließlich immer etwas Neues aus«, sagt Günther. »Zum Beispiel Achselhippie, ein Begriff aus der Jugendsprache.«

Schimpfwörter haben eine große bildhafte Kraft

Ingke Günther

Was Schimpfwörter angeht, ist Günther also Expertin. Das hat aber nichts mit ihrer Zeit im Knast zu tun. Nach dem Studium hat Günther in den Gefängnissen von Gießen und Butzbach mit den Insassen an Kunstprojekten gearbeitet. Die malerische Ausgestaltung eines Zellentrakts hat aber nicht nur den Horizont der Gefangenen erweitert. »Auch für mich war es eine spannende Zeit. Ich habe Menschen und Milieus kennengelernt, mit denen ich sonst nie in Kontakt gekommen wäre.«

Die Vermittlung von Kunst war also schon immer Bestandteil von Günthers Arbeitsleben. Auch mit Schülern hat sie schon zusammengearbeitet. Mit ihrem Ehemann Jörg Wagner, mit dem sie nun schon gut 18 Jahre verheiratet ist, lehrte sie zudem in einer Gastprofessur an der JLU. Mit Wagner ist sie auch in dem Künstlerkollektiv gärtnerpflichten aktiv, das das Museum ins Leben gerufen hat. Nun leiten die beiden die Einrichtung federführend. Viel Zeit, die das Paar gemeinsam verbringt. »Das hat natürlich alles Vor- und Nachteile«, sagt Günther mit einem Lächeln. Sie betont aber, das die Vorzüge deutlich überwiegen. »Man muss gut zusammen funktionieren, damit das klappt. Das tun wir. Es hilft natürlich sehr, dass wir ein großes gemeinsames Interesse haben.« Ihr Sohn habe es hingegen nicht so mit der Kunst, sagt Günther, das Museum gefalle ihm aber trotzdem sehr gut. Kein Wunder: Er ist in der Umweltbildung tätig.

 

Projekt der Landesgartenschau

Günther und Wagner haben aus dem anfangs von einigen Leuten belächelten Landesgartenschau-Projekt ein überregional beachtetes Museum geschaffen, das seit seinem Umzug vom Neustädter Tor in die Sonnenstraße auch endlich im Herzen der Stadt angekommen ist. »Die Arbeit bereitet nach wie vor große Freude und passt gut zu dem, was wir sonst künstlerisch machen«, sagt Günther. Das auf den ersten Blick Banale in einen Kontext setzen, damit daraus ein Mehrwert entsteht.

Bei den Gießkannen spiele dabei die Geschichte dahinter eine große Rolle. Zum Beispiel jene des gelben Huhns, das im Regal der DDR-Kannen steht. Eine Freundin des Museums hatte sie auf einem Flohmarkt in Bremen entdeckt und für die Gießener Einrichtung gekauft. Nach zähen Verhandlungen mit ihrer Tochter, die von der putzigen Kanne ebenfalls ganz angetan war, konnte sie in Gießen ausgestellt werden. »Oder da vorne«, sagt Günther und zeigt auf dem Tisch neben dem Eingang, auf dem große klobige Gießkannen stehen, die wegen ihrer ungewöhnliche Gestalt glatt als Skulpturen durchgehen könnten. »Die stammen aus dem Frankreich des 18. Jahrhunderts. Es sind unsere ältesten Stücke.«

Das Museum hat diese kleine Ausstellung »Gießen wie Gott in Frankreich« genannt. Voltaire, der seinen Lebensabend mit der Bewirtschaftung eines Landguts verbrachte, hätte das bestimmt gefallen. (Foto: ep)

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