18. Juli 2019, 19:00 Uhr

Feldversuch

Ist moderates Düngen gut für das Klima?

Seit 65 Jahren wachsen auf einem Feld in Gießen Pflanzen ohne jeglichen Dünger. Die Justus-Liebig-Uni erhofft sich durch diesen Feldversuch wichtige Erkenntnisse, auch für den Klimaschutz.
18. Juli 2019, 19:00 Uhr
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Von Christoph Hoffmann
Bernd Honermeier mit seinem Team auf dem Versuchsfeld. Seit 65 Jahren gewinnt die Universität dort wichtige Erkenntnisse. (Foto: Schepp)

Bernd Honermeier läuft über einen Acker im Westen der Stadt. Seine Finger gleiten durch die Ähren. Es ist nicht irgendein Feld, durch das der Professor gerade stapft, und es ist nicht irgendein Weizen, der darauf wächst. Honermeier ist Leiter der Professur für Pflanzenbau an der Justus-Liebig-Universität. Unter der Regie der JLU laufen am Rande des Elektrizitätswerk mehrere Untersuchungen, darunter seit 65 Jahren einen Dauerfeldversuch. »Wir haben Parzellen, auf denen seit 1954 nicht gedüngt wurde«, sagt Honermeier. Dieser Boden werde dann mit Varianten verglichen, auf denen organischer und/oder mineralischer, also auf Basis von chemischen Stoffen hergestellter Dünger, eingebracht wurde. »Durch die langfristigen Versuche können wir die Veränderungen im Boden sehr gut abbilden«, sagt Honermeier. Mit teils erstaunlichen Ergebnissen.

Die wissenschaftliche Komponente beim Getreideanbau wird immer wichtiger. Kein Wunder: Die Weltbevölkerung wächst und hat Hunger, gleichzeitig verschwinden immer mehr landwirtschaftliche Flächen. Der Einsatz von Düngermittel hat daher eine große Bedeutung für die Landwirtschaft. Welchen Folgen das langfristig für den Boden hat, darüber liefert der Dauerfeldversuch der JLU wichtige Erkenntnisse.

Die Fläche im Westen der Stadt umfasst 60 Parzellen mit jeweils 40 Quadratmetern. Die einzelnen Areale sind willkürlich angeordnet, damit äußere Faktoren das Ergebnis nicht verfälschen können. Bereits seit 1954 wird hier eine dreijährige Fruchtfolge angebaut: Zuckerrübe, Winterweizen, Sommergerste. Regelmäßig werden Proben entnommen. Die Forscher wollen zum Beispiel herausfinden, welchen Einfluss organische (z.B. Stallmist) oder mineralische (Stickstoff, Phosphor und Kalium) Düngung auf die Bodenbeschaffenheit und den Pflanzenertrag hat. Oder welcher Bewirtschaftsungsform eine bessere Ertragsstabilität liefert. Honermeier und sein Team ermitteln aber auch den Kohlenstoffgehalt im Boden. »Und hier gibt es eindeutige Ergebnisse«, sagt der Professor.

Demnach ist der Kohlenstoffgehalt in Böden, die weder organisch noch mineralisch gedüngt wurden, im Laufe der Jahre leicht gesunken. Anders verhält es sich bei Böden, die sowohl organisch als auch mit Stickstoff, Phosphor und Kalium gedüngt wurden. Hier ist der Kohlenstoffgehalt deutlich gestiegen. »Es scheint also ungünstig für den Boden zu sein, nicht zu düngen«, sagt Honermeier. Denn Kohlenstoff verbessere nicht nur die Struktur des Bodens und erhöhe den Nährstoffanteil, er sorge auch dafür, dass mehr Wasser gehalten werde. Nicht zuletzt werde durch einen höheren Kohlenstoffgehalt mehr Biomasse gebildet.

Maßvolles und angepasstes Düngen ist nach Meinung des Gießener Wissenschaftlers also gut für den Boden. Profitiert somit auch das Klima? Schließlich landet der im Boden gebundene Kohlenstoff nicht als CO2 in der Luft. »Theoretisch ja«, sagt Honermeier. »Angemessenes Düngen ist gut für den Boden und das Klima.« Allerdings müsse man das Thema in seiner Gesamtheit betrachten. Denn durch die Herstellung und Anlieferung von Dünger würde ebenfalls CO2 produziert, genauso wie bei der Aufbringung auf das Feld durch die Fahrt mit dem Traktor.

Gerade die industrielle Landwirtschaft wird von Umweltschützern häufig an den Pranger gestellt. Grund sind die hohen Emissionen an Treibhausgasen. Zudem werden für Ackerland auf der ganzen Welt Wälder abgeholzt, wodurch große Mengen an Kohlendioxid in die Atmosphäre gelangen. Auch Honermeier sieht darin ein Problem. »Klar ist, dass Dauerkulturen wie Wälder die beste Möglichkeit sind, CO2 zu binden.« Bei regelmäßig geernteten Pflanzen wie zum Beispiel Mais sei der Effekt weitaus geringer.

Dem Vorwurf, Landwirte würden die Boden zerstören, will Honermeier aber nicht gelten lassen. Vielmehr hätten die Bauern ein Interesse an gesunden Böden, schließlich seien sie ihre Lebensgrundlage. Auch zum von Kritikern verteufelten Einsatz von Pestiziden hat der Gießener Wissenschaftler eine klare Meinung: »Ich kenne kein Pflanzenschutzmittel, dass die Böden per se schädigt.« Zumindest gelte das für die in Deutschland zugelassenen Produkte.

Lange wird Honermeier nicht mehr durch das Weizenfeld schlendern können. In wenigen Tagen steht die Ernte an. Das Korn wird dann beprobt, zum Beispiel auf den Proteingehalt. Ein geringer Anteil wird an andere Forschungseinrichtungen verschickt, der große Rest landet im Handel. »Wir müssen uns ja irgendwie finanzieren«, sagt Honermeier lächelnd. Denn schließlich sollen auch nachfolgende Generationen Schlüsse aus dem ungedüngten Weizen ziehen können.



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