26. Februar 2009, 19:34 Uhr

Jacquelines Zustand war "weit ab von jeder Norm"

Gießen (ti). Am fünften Verhandlungstag vor der Fünften Großen Strafkammer des Gießener Landgerichtes um den schrecklichen Tod der 14 Mnate alten Jacqueline erstatteten der Rechtsmediziner Prof. Manfred Riße und Kinderarzt Dr. Hartwig Lehmann ihre Gutachten.
26. Februar 2009, 19:34 Uhr

Sie wog nur noch 5996 Gramm. Ihre Haut war ausgesprochen faltig und trocken, obere und untere Gliedmaßen wiesen Schwellungen auf. Die Rippen des 14 Monate alten Mädchens zeichneten sich ab. Sie litt unter einer Extremform der Windeldermatitis. Alles in allem Zeichen extremer Vernachlässigung beziehungsweise Kindesmisshandlung, die am 24. März 2007 zum Tod der kleinen Jacqueline aus Bromskirchen führte. Ihre Eltern müssen sich seit Anfang Februar wegen Mordes durch Unterlassen und Misshandlung Schutzbefohlener verantworten. Zum zweiten Mal. Der Bundesgerichtshof in Karlsruhe hatte ein erstes Urteil des Marburger Landgerichtes vom Januar 2008 im vergangenen September aufgehoben. Am gestrigen fünften Verhandlungstag vor der Fünften Großen Strafkammer des Gießener Landgerichtes erstatteten der Rechtsmediziner Prof. Manfred Riße und Kinderarzt Dr. Hartwig Lehmann ihre Gutachten.

»Letzlich ist Jacqueline verhungert und verdurstet«, sagte der Oberarzt des Gießener Institutes für Rechtsmedizin, Prof. Manfred Riße. Die Todesursache sei ein ausgeprägte Nahrungs- und Flüssigkeitsmangel gewesen, die der Experte auf »extreme Vernachlässigung« zurückführte. Er sprach sogar von einer »passiven Kindesmisshandlung«.

Riße diagnostizierte bei Jacqueline eine Kombination aus trockenem und feuchtem Hunger. Will heißen: Das Mädchen wies bei der Obduktion einerseits Schwellungen an oberen und unteren Gliedmaßen auf, so genannte Hungerödeme. Diese Wassereinlagerungen seien ein Zeichen des Feuchthungers und brachten die Verwandten möglicherweise zu der Annahme, dass mit dem Kind alles in Ordnung sei. Dem gegenüber stünden starke Austrocknungserscheinungen, ein greisenartige Gesicht, zurückgebildete Organe sowie ein hochgradiger Schwund des Fettgewebes.

»Das Letzte, was schmilzt, ist das Nierengewebe. Und auch das war weg«, so der Mediziner, der zudem von einer massiven Hirnschwellung und einer Extremform der Windeldermatitis berichtete, »wie ich sie nie wieder gesehen habe«. Kinderarzt Dr. Hartwig Lehmann pflichtete ihm bei: Das Ausmaß sprenge jeden üblichen Rahmen.

Ebenso wie das Gewicht des Kindes, das mit 5996 Gramm zwei Kilo unter der untersten Normgrenze lag. Jacqueline hatte zum Zeitpunkt ihres Todes nur 66 Prozent des im Verhältnis zur Körpergröße angemessenen Gewichtes. »Das Kind ist sehr unterernährt gewesen«, sagte Lehmann, der dazu auch den Body-Mass-Index von 11,26 anführte. »Das ist extrem« und fünf Standarabweichungen unter der Norm. Dabei sei das Gewicht aufgrund der Wassereinlagerungen an den Gliedmaßen noch geschönt. Dass die Mutter bei ihrer polizeilichen Vernehmung angegeben hatte, die Kleine habe ein bis zwei Fläschchen am Tag bekommen, hielt der Kinderarzt für abwegig. »Dann wäre es nie dazu gekommen.«

Eingesetzt haben muss der Verhungerungs- und Verdurstungsprozess - das Missverhältnis zwischen Nahrungsbedarf und -zufuhr - laut Lehmann irgendwann zwischen Dezember 2006 und März 2007. In den Augen des Kindarztes hatte die Misshandlung des Mädchens aber schon nach dem dritten Lebensmonat begonnen, denn bereits damals vernachlässigten die beiden Angeklagten laut Lehmann ihre elterlichen Pflichten: Sie gingen mit Jacqueline nicht mehr zum Arzt und brachten das Kind so um die notwendige medizinische Versorgung. In den letzten Monaten sei sogar für die Grundbedürfnisse des Kindes nicht mehr gesorgt gewesen. Abgesehen von der Mangelernährung sei die Kleine nur noch über Babyphone beaufsichtigt worden, teilweise sogar noch nicht einmal das. Lehmann stellte klar: »Kinder müssen lernen, sie brauchen Stimulation.« Das sei wichtig für ihre motorische und sprachliche Entwicklung. Ebenso wie Liebe und Zuwendung.

Hätte nun all das in Jacquelines Umfeld auffallen müssen? Auf die Erkennbarkeit der äußeren Anzeichen für ein ungeschultes Auge angesprochen erklärte der Mediziner: »14 Tage vor dem Tod sieht man es ganz sicher.« Die Mimik der Kinder sei nicht mehr so ausgeprägt, ihre Augen wirkten matt. Zudem seien sie ruhiger und ihre Haare würden stumpf.

Die Verhandlung geht am Dienstag, 3. März, weiter. Neben weiteren Zeugenaussagen wird das erste psychiatrische Gutachten erwartet.



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