02. Januar 2019, 11:00 Uhr

Jobticket

Jeder zweite in der Gießener Stadtverwaltung will es

Das Landesticket hat sich in seinem ersten Jahr nicht nur Freunde gemacht. Dennoch fällt die Bilanz in Gießen insgesamt positiv aus. Nun kommt das Jobticket für Stadtbedienstete.
02. Januar 2019, 11:00 Uhr
13 000 Landesbedienstete arbeiten in Gießen. Ihr Pauschal-Freifahrtschein hat in diesem Jahr spürbar mehr Fahrgäste in die Busse gebracht. Jetzt kommt das Jobticket der Stadt hinzu. (Foto: Schepp)

In Bus und Bahn steigen, ohne vorher einen Fahrschein ziehen zu müssen: Gerade Jüngere sind daran von klein auf gewöhnt. Sie besitzen als Jugendliche bei längeren Schulwegen Zeitkarten oder das Schülerticket; Studierende nutzen das Semesterticket. Und nun soll die Fahrt zur Arbeit richtig Geld kosten? Diese Frage »spielt eine große Rolle« bei der Entscheidung für eine Stelle, weiß Stadträtin Gerda Weigel-Greilich. Das Jobticket der Stadt, das seit dem 1. Januar gilt, sei auch ein Faktor im Wettbewerb um die begehrten Fachkräfte. Im Vordergrund stehe aber der Umweltschutz.

580 der 1200 Verwaltungsbediensteten hätten das Jobticket bisher beantragt, berichtet die Grünen-Politikerin im GAZ-Gespräch. Natürlich nutzten alle, die schon bisher mit öffentlichen Verkehrsmittel zur Arbeit kamen, die günstige Flatrate. Doch angesichts der guten Busanbindung des Rathauses und der attraktiven Bedingungen (Details im Kasten) sei es auch zum Testen oder für die Freizeit interessant.

Im Schnitt wird bei der Einführung eines Jobtickets ein Plus von elf Prozent Mitarbeitern prognostiziert, die mit Bus und Bahn zur Arbeit fahren. Weigel-Greilich erwartet bei der Stadt eher mehr.

 

Bürgerticket für alle als Ziel

»Der Luftreinhalteplan macht diese freiwillige Leistung zur Pflicht«, unterstreicht Weigel-Greilich den ökologischen Nutzen. Auch verkehrspolitisch sei die Maßnahme sinnvoll. Bei der Einführung des Landes- tickets vor einem Jahr fragte mancher Zeitgenosse: »Warum ist meine Fahrkarte so teuer, und gut verdienende Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes zahlen (fast) nichts?« Dieses Grummeln kann die Stadträtin zwar nachvollziehen, merkt jedoch an: »Bei einer Kantine meckert keiner.« Langfristig solle es ein »Bürgerticket« für alle geben. Die nächsten Vorhaben im schwarz-grün regierten Hessen: Nahverkehr zum Schnäppchenpreis für Rentner und Ehrenamtler.

 

Zwei neue Buslinien

Die Gerechtigkeitsfrage mag leiser werden – handfest sind Sorgen, dass es in den Bussen zu Stoßzeiten noch enger wird. Man habe mit den neuen Buslinien 15 und 17 bereits nachgebessert und plane den weiteren Ausbau des Nahverkehrs, erläutert Weigel-Greilich. Das gehe nicht so schnell wie gewünscht: »Erdgasbusse sind über Jahre vorbestellt.« Erleichtert zeigt sich die Umweltdezernentin darüber, dass bei Studierenden »die Bereitschaft gewachsen ist, das Fahrrad zu nehmen, auch bei ungünstigem Wetter«. Unter anderem das Leihradsystem der Hochschulen begünstigt die Entscheidung für das schnelle Rad statt den vollen Bus.

Uni, THM, Schulen, Justiz, Regierungs- und Polizeipräsidium, Finanzamt etcetera etcetera – in der Verwaltungsmetropole Gießen haben vor einem Jahr 13 000 Landesbedienstete einen Freifahrtschein ausgehändigt bekommen. Als Tarifleistung über Gehaltsverzicht finanziert, wurde es laut der Landesregierung »in vielfältiger Weise« genutzt und vorerst bis Ende 2019 verlängert. Genaue Zahlen kann Michael Schaich, Sprecher des Innenministeriums, noch nicht nennen; derzeit laufe eine Befragung.

 

Studierende fahren mehr Rad

Im Lauf des ersten Jahrs habe sich das Landesticket zunehmend auf den Stadtbusverkehr ausgewirkt, erklärt Stadtwerke-Sprecher Matthias Acker. Spürbar wurde die Zunahme der Fahrgastzahlen gerade in den Linien, die Landesbehörden anfahren. »An einer Haltestelle stehengelassen wurde aber niemand.« In den nächsten Monaten wollen die Stadtwerke ein Zählsystem in den Bussen installieren, um bloße Eindrücke mit Daten zu untermauern.

Die Landesbehörden vor Ort haben die Nutzung nicht erfasst, melden aber auf Nachfrage unisono zufriedene Reaktionen. Mit 4900 Bediensteten ist die Justus-Liebig-Universität die größte betroffene Einrichtung in Gießen. Sprecherin Caroline Link berichtet: »Wir hören durchaus, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter häufiger den Bus oder den Zug nutzen.« Ein Kollege habe sein Auto wegen des Landestickets verkauft. Die JLU freue sich über die Möglichkeit zur klimafreundlichen Mobilität, besonders mit Blick auf die Umgestaltung des Philosophikums, die das verstärkte Pendeln zwischen den Campusbereichen erfordert. Die erneute Ausgabe der Fahrscheine in diesen Wochen sei eine logistische Herausforderung.

Ministeriumssprecher Schaich weist darauf hin, dass das »bundesweit einmalige« Ticket nur möglich war, weil das Land Hessen 2004 aus der Tarifgemeinschaft der Länder ausgetreten ist.

Info

Jobticket: Stadt-Mitarbeiter zahlen Beitrag

Im Gegensatz zum Landesticket kostet das Jobticket der Stadt die Nutzer Geld; deshalb bekommen es auch nur diejenigen, die es beantragen. Knapp die Hälfte der 1200 Verwaltungsmitarbeiter haben das getan. Der Eigenbetrag beläuft sich auf 60 Euro im Jahr. Dafür gibt es einen Fahrschein, der für das gesamte Gebiet des Rhein-Main-Verkehrsverbunds – also den Großteil Hessens mit einigen Randgebieten – gilt. Abends und an den Wochenenden ist die Mitnahme eines Erwachsenen und beliebig vieler Kinder erlaubt. Für stadteigene Betriebe wie Stadtwerke und Wohnbau gilt die Regelung nicht. Die Stadt bezahlt für diese Sozialleistung für ihre Mitarbeiter knapp 200 000 Euro im Jahr an den RMV, das sind pauschal 13,90 Euro pro Mitarbeiter, egal ob dieser das Ticket anfordert. Ein Platz im Parkhaus Roonstraße kostet Beschäftigte derzeit 33 Euro im Monat.

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