Gießen (has). »Mit seiner Berufung nach Gießen zum Wintersemester 1904/05 auf den Lehrstuhl für mittelalterliche Geschichte der großherzoglich-hessischen Landesuniversität Gießen gingen für Johannes Haller seine unsteten Wanderjahre mit ihren prekären beruflichen Perspektiven und Provisorien zu Ende.« Dies stellte Prof. Herbert Zielinski in seinem Vortrag über den Mediävisten Johannes Haller am Mittwochabend im Netanyasaal des Alten Schlosses fest.

Gekommen war der Gießener Hochschullehrer auf Einladung des Oberhessischen Geschichtsvereins, für den Vorstandsmitglied Eva-Marie Felschow die Begrüßung übernahm. Sie stellte den in Herne geborenen Referenten, der in Gießen studierte, promovierte und seit 1971 an der Justus-Liebig-Universität in Forschung und Lehre tätig war, als einen Kenner der Biografie Hallers und seiner Gießener Zeit vor. Den wohl wetterbedingt nicht allzu zahlreich erschienenen Besuchern versprach sie spannende Einblicke in die sonst fernab der Öffentlichkeit erfolgenden Vorgänge bei der Besetzung einer Professorenstelle.

Zielinski, der ähnlich wie Haller in seiner beruflichen Tätigkeit häufig in Italien weilte, ging zunächst auf das Leben des Professors ein, der von 1865 bis 1947 lebte, und zählte ihn »in der Zwischenkriegszeit zu den bekanntesten und meistgelesenen deutschen Historikern«, wobei er ausdrücklich auf die 1923 publizierten »Epochen der deutschen Geschichte« verwies und Hallers Alterswerk, die Geschichte des Papsttums, »als Meisterwerk der Darstellungskunst« bezeichnete. Haller entzog sich dem wachsenden Russifizierungsdruck in Estland durch Auswanderung ins Deutsche Reich und verzichtete, wie Zielinski hervorhob, auf die Erfüllung seines Lebenstraums, Berufsmusiker zu werden.

Die folgenden Jahre war Haller in Berlin, Heidelberg, Rom und Basel, wobei er Berlin als »hässliches Nest« bezeichnete. Er habilierte sich 1897 in Basel und kam 1902 als Extraordinarius für mittelalterliche Geschichte und Historische Hilfswissenschaften nach Marburg, wobei sich Haller über den provisorischen Charakter seiner Marburger Zeit im Klaren gewesen war.

Hallers Bewerbung in Gießen nach dem Tod des bisherigen Lehrstuhlinhabers Konstantin Höhlbaum fand unter anderem die Unterstützung von Paul Friedrich Kehr, dem Direktor des Historischen Instituts in Rom. Von der Gießener Berufungskommission war es nicht zuletzt der Germanist Otto Behaghel (1854–1936), der sich für den Bewerber einsetzte, der aber schon zu dieser Zeit als »schwierig« galt. Der Referent unterstrich: »Mit seiner kompromisslosen Art blieb Haller Zeit seines Lebens ein Außenseiter in der Historikerzunft.« Deutlicher wird sein Kritiker Aloys Schulte, der äußerte: »Zum großen Werk kommt ein ganz kleiner Mensch.« Trotz aller Vorbehalte ging Hallers Bewerbung als Ordinarius relativ glatt über die Bühne, sowohl in der Fakultät als auch im Senat. Ein besonderer Vorzug von Zielinskis Vortrag war, dass er fast alle beteiligten Hochschullehrer im Bild vorstellte, egal, ob es sich um Förderer oder Gegenspieler Hallers handelte, der unter den Mitbewerbern fachlich der beste gewesen sei.

Otto Behaghel war »Ziehvater«

Anschaulich zeigte Zielinski auf, dass Haller nie so recht in Gießen heimisch wurde. Noch 1905 schrieb der mittlerweile verheiratete Professor, dass sie sich in Gießen noch nicht eingelebt hätten und sich fürchteten, es noch zu werden. Wenig positiv auch der Vergleich: Das Ambiente von Gießen sei noch viel unangenehmer als das Marburgische. »Wäre dieser Ort nicht gar so hässlich« ist ebenfalls keine für den Gießen-Tourismus nutzbare Aussage. Der Referent stellte aber auch heraus, dass Haller den Wechsel von Marburg nach Gießen wie den vom Pferd auf einen Esel angesehen habe, doch sei die Gießener Zeit auf jeden Fall für Hallers Karriere fruchtbar gewesen.

Die Berufung nach Tübingen habe »der Schwierige« aber durchaus als Befreiung empfunden. Allerdings habe er in Tübingen auch Heimweh nach Gießen gehabt, nicht zuletzt, weil ihm die Studentenschaft mit ihrer Mischung aus biederen Oberhessen und lebensfrohen Rheinländern näherstand als die typischen Schwaben. Selbstverständlich ging Zielinski auch auf das von Haller selbst so gewertete »hässliche Finale« seiner Gießener Zeit ein. Bei der Frage nach seinem Nachfolger gab es fast einen Bruch Hallers mit seinem »Ziehvater« Behaghel. Das Ergebnis seiner Lektüre von über 400 Seiten Akten im Universitätsarchiv fasste der Gießener Hochschullehrer nachvollziehbar zusammen. Sein Vortrag erlaubte einen Blick in eine dem Nichtakademiker sonst unzugängliche Welt. (Foto: has)

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