01. November 2019, 14:00 Uhr

Mensch, Gießen

Jürgen Becker, der gesellige Helfer

Jürgen Becker weiß aus eigener Erfahrung, wie hilflos man sich fühlt, wenn das Leben nicht rund läuft. Deshalb hilft er jenen, die sich nicht selbst helfen können. Etwa als Behindertenbeauftragter.
01. November 2019, 14:00 Uhr
Wie überwindet oder beseitigt man Barrieren? Das ist sowohl beruflich als auch privat ein Thema in Jürgen Beckers Leben. (Foto: Schepp)

Wenn andere Rentner morgens in die Gänge kommen, hat er seinen Frühsport schon hinter sich. »Mein Stammtisch«, sagt Jürgen Becker und lacht. Der 69-Jährige geht dreimal in der Woche ins Hallenbad Ringallee. Nicht immer, aber oft schwimmt er 500 Meter - und hält nebenbei gerne ein Schwätzchen. Das ist typisch für ihn: Die meisten Dinge des Lebens machen ihm gemeinsam mit anderen noch mehr Spaß. »Ich bin gerne mit Menschen zusammen«, sagt Becker. Das gilt sowohl für den privaten als auch für den beruflichen Bereich. Nun wird es ein wenig kompliziert, denn Becker ist schon lange im Ruhestand. Eigentlich. Und uneigentlich ist er mit einer viertel Stelle Behindertenbeauftragter der Stadt, und er ist gesetzlicher Betreuer von zehn bis 12 Personen. Auch ehrenamtlich hat sich der Wiesecker viele Jahre engagiert, er war Vorsitzender des VdK-Ortsvereins, er gehörte zwölf Jahre dem Ortsbeirat an und war 15 Jahre CDU-Stadtverordneter. Auch in mehreren Vereinen war er aktiv. »Das ist ideal zur Kontaktpflege und hat mir immer viele Türen geöffnet«, sagt er. Dass er sich politisch betätigte, hat seinen Ursprung tatsächlich in einem Stammtisch-Gespräch. Als in seinem damaligen Gesangverein über den Unsinn lamentiert wurde, den »die da« in der Politik ständig verzapfen, hat er interveniert und gesagt: »Moment mal, ›die da‹, das sind wir alle«. Er nahm das zum Anlass, sich mit den Parteiprogrammen näher zu befassen und entschied sich schließlich für die CDU. Was mit seinen christlichen Grundwerten, aber auch mit der Familiengeschichte zu tun hat. Der Vater war Unternehmer in Lanzingen im Main-Kinzig-Kreis, daher war die Familie Becker politisch schon immer bei den Christdemokraten zu Hause.

Apropos zu Hause. Becker fühlt sich schon lange als Gießener und Wiesecker, er hält aber auch seiner ursprünglichen Heimat und den Freunden dort die Treue. 1978 kam er nach Gießen, der Liebe wegen. Seine Frau Lissy hatte er 1970 bei einem Fastnachtsfest kennen gelernt. Als er acht Jahre später nach Wieseck zog, kannte er niemanden. Doch einem geselligen, kontaktfreudigen Typen wie ihm gelang die »Integration« sehr gut. Die »Wissicher« akzeptierten ihn bald als einen der ihren. Becker stammt aus einer großen Familie, er war das jüngste von fünf Geschwistern. Aufeinander acht zu geben, zu teilen, sich einzufügen, Nähe zu suchen - und zu ertragen - lernte er von klein auf. Auch heute ist die Familie ein wichtiger Anker in seinem Leben. Seine Tochter Ruth mit ihrer Familie lebt im selben Haus, und auch Sohn Peter wohnt nicht weit weg. Durch seine Frau Lissy weiß Becker sehr genau, was eine körperliche Einschränkung bedeutet. Marie-Luise Becker ist gehbehindert. Die Beckers erleben in ihrem Alltag, wie mühsam es ist, Barrieren zu überwinden - dazu gehören hohe Bordsteine und unzugängliche Toiletten in der Stadt. Aber genauso die Ignoranz oder Gleichgültigkeit von Mitmenschen oder Entscheidern in Behörden. Da Jürgen Becker diesen Kampf sehr gut kennt, kann er sich auch gut in Ratsuchende hineinversetzen, die zu ihm in die Sprechstunde ins Rathaus kommen. Becker kennt sich aus im Dschungel der Bürokratie und weiß, was zu tun ist, wenn ein Antrag auf Rente, auf eine Reha oder ein Hilfsmittel abgelehnt wurde. Und er weiß, wie den Menschen zumute ist.

Das ist auch zu Hause so. Wenn seine Frau wieder einmal von Schmerzen geplagt wird, sieht er ihr das an. Er versucht dann, mit ihr gemeinsam den Blick auf andere, auf freudigere Dinge zu lenken. »Wir nehmen vieles mit Humor, das hilft oft«, sagt der 69-Jährige. Und mit kreativem Pragmatismus. Schon vor Jahren haben sie einen »Travel Scooter« für sich entdeckt. Das kleine, leichte Elektrodreirad hilft im Alltag und geht sogar mit auf Reisen. Für Beckers sind Kreuzfahrten eine ideale Art, Urlaub zu machen, denn diese ermöglichen in ihrer Mobilität eingeschränkten Menschen, die Welt zu erkunden. »Man muss sich zu helfen wissen«, sagen Beckers.

Man muss sich aber auch helfen lassen. Es gab eine Zeit, in der musste Jürgen Becker sehr deutlich daran erinnert werden. Es ist nicht leicht zu akzeptieren, dass man am Ende seiner Kräfte ist. Schon gar nicht für einen Mann, der beruflich ein erfolgreicher Macher war. Becker hat nach einer kaufmännischen Ausbildung BWL studiert und war anschließend bei Leitz in Wetzlar tätig. Der junge Ökonom erlebte dort einen schnellen Aufstieg, aber mit dem Niedergang der Firma auch einen Abstieg. Er verlor seine Führungsposition. Es war Zeit für einen Wechsel. Der gelang Becker rasch, er arbeitete für eine Sparte von ABB, die Systeme für Roboterlösungen entwickelte. Becker war viel unterwegs, er war erfolgreich, er verdiente viel Geld. Bis der Konzern den Zweig abstieß und der Familienvater arbeitslos wurde. Das war hart, auch wenn die Trennung mit einer anständigen Abfindung einherging. Doch Becker rappelte sich beharrlich wieder auf. Einige Zeit war er für das Jobcenter tätig und unterstützte SGB2-Empfänger bei der Arbeitsplatz-Vermittlung. Das war einerseits spannend, andererseits auch frustrierend. Becker hatte ständig das Gefühl, zwischen allen Stühlen zu sitzen. Er war nicht mit sich im Reinen, er wurde krank, ohne es zu merken. Bis seine Familie ihm die Pistole auf die Brust setzte und eine Kehrtwende verlangte. Becker holte sich Hilfe, endlich gestand er sich seine Sorgen und Verletzungen ein. »Ich hatte damals Angst, mit dem innerlichen Gammeln anzufangen«, sagt er. Damit meint er die Furcht, sich selbst aufzugeben, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Der 69-Jährige zog die Notbremse, 2011 beantragte er die Rente.

Und stellte schnell fest, dass er mit seinem Wissen und seiner Empathie durchaus noch gebraucht wird. »Ich verspüre eine Riesendankbarkeit, dass der liebe Gott mir das Handwerkszeug mitgegeben hat, anderen zu helfen und positiv durchs Leben zu gehen«. Seine Aufgabe als Betreuer schätzt er sehr, für seine »Schützlinge« nimmt er sich gerne viel Zeit. Das ist auch der Grund, warum er seine Tätigkeit als Behindertenbeauftragter im Frühjahr 2020 aufgibt. Es freut ihn, dass er gemeinsam mit anderen einiges erreichen konnte in Sachen Barrierefreiheit. »Aber es liegt auch viel im Argen. Da kann man mit einer viertel Stelle nur dran kratzen«, weiß er. Es ärgert ihn immer wieder, dass viele Verantwortliche noch nicht begriffen haben, dass Barrierefreiheit bei jedem neuen Bauprojekt frühzeitig berücksichtigt werden muss. Was Teilhabe aller an der Gesellschaft bedeutet, sei in vielen Köpfen noch nicht angekommen.

Wer Jürgen Becker kennt, der weiß, dass er auch in Zukunft nicht Nein sagen wird, wenn ihn jemand um Hilfe bittet. Wenn er nicht gerade im Schwimmbad, auf Reisen oder mit dem Rad unterwegs ist, wird er das ganz sicher tun.

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