11. März 2016, 18:13 Uhr

Kaugummis auf unseren Straßen: Klebrige Katastrophe

(chh)Sie verdrecken Straßen, verpesten Gewässer, erzeugen hohe Entsorgungskosten und töten Tiere: Kaugummis. Auch in Gießen ist der Asphalt damit gepflastert. An der Uni haben sich jetzt Forscher dem Thema gewidmet. Ihr Fazit: Kaugummis sind für die Natur eine klebrige Katastrophe.
11. März 2016, 18:13 Uhr
Etliche Kaugummiflecken pflastern den Asterweg. Durch Abrieb entsteht Mikroplastik, das die Gewässer verseucht. (Foto: Oliver Schepp)

John B. Curtis ist Schuld. Seinetwegen sehen die Gießener Straßen aus, als hätten sie Masern. Der US-Amerikaner war 1848 der erste, der Kaugummis im großen Stil produzierte. Heute, 168 Jahre später, kauen die Deutschen pro Jahr 14 000 Tonnen der klebrigen Masse. Der Großteil landet auf der Straße. Prof. Stefan Gäth und Dr. Janin Schneider von der Justus-Liebig-Universität haben jetzt untersucht, welche Folgen das Spuckverhalten der Gießener hat.

Es ist der 23. April 2013: Zusammen mit einer Handvoll Studenten laufen Gäth und Schneider über den Rathausplatz. Die Oberkörper gebückt, die Augen auf den neu verlegten Boden gerichtet. Sie suchen nicht etwa nach einem verloren gegangenen Schlüssel, sie haben es auch nicht auf Münzgeld abgesehen. Ihre Mission: Kaugummiflecken zählen. »Die umstehenden Leute haben bestimmt gedacht, wir wären bescheuert«, lacht Gäth. Das Ergebnis der Aktion findet er jedoch weniger lustig. »Wir haben die Zählung in regelmäßigen Abständen wiederholt. Am Ende kamen wir zum Ergebnis, dass auf dem Rathausplatz pro Woche 19 neue Kaugummiflecken entstehen. « Das klingt vielleicht nicht sonderlich viel, hochgerechnet bedeutet das aber: In nur einem Jahr sammeln sich annähernd 1000 Kaugummis auf dem Rathausplatz. Und es werden immer mehr. Gäth spricht von der »Broken-Window-Theorie«: Ist eine Fläche erst einmal verdreckt, sinkt die Hemmschwelle für weitere Verschmutzungen rapide.

Mit Kaugummis gepflasterte Straßen sind nicht schön, verklebte Schuhe erst recht nicht. Doch darum geht es den Wissenschaftlern nicht. »Die Kaumasse der Kaugummis besteht zu über 95 Prozent aus Plastik, sogenannten Thermoplasten. Das lässt sich biologisch nicht abbauen und ist dazu noch erdölbasiert. Folglich geht es nicht nur um Abfall, sondern auch um Ressourcenschonung«, sagt Schneider. Der mit Mikroplastik durchsetzte Abrieb werde durch den Regen in die Abwasserkanäle gespült. Da die Kläranlagen die mikrometergroßen Partikel nicht herausfiltern könnten, landeten sie in den Gewässern. Den Fischen. Und somit auch irgendwann wieder in uns Menschen. Gäth: »Zudem werden weggeworfene Kaugummis von Vögeln und Igeln gefressen. Daran können sie ersticken. Ein qualvoller Tod.«

Diese Gefahr lauert überall in Gießen. Das Team um Schneider und Gäth hat nicht nur am Rathausplatz, sondern auch an vielen anderen Orten der Stadt Flecken gezählt. Den Seltersweg zieren demnach im Schnitt neun Kaugummis pro Quadratmeter, vor einer Kneipe in der Ludwigstraße sind es zwölf, an der Bushaltestelle am Berliner Platz 13. Rund um Mülleimer und Kanaldeckel können es über 50 sein. Die »Broken-Window-Theorie« lässt grüßen.

»Am einfachsten wäre es natürlich, die Kaugummiflecken einfach zu entfernen«, sagt Gäth. Doch das sei teuer, die Reinigungskosten beziffert er je nach Methode auf drei bis fünf Euro pro Fleck. »Jeder einzelne Kaugummi muss entweder vereist und abgespachtelt oder mit Heißdampf bearbeitet werden.« Stadtsprecherin Claudia Boje gibt dem Professor Recht. Demnach kommen die Borsten der Kehrmaschinen gegen die klebrige Masse nicht an. »Auch beim Einsatz besonderer technischer Geräte ist ein flächenhaftes Arbeiten nicht möglich.« Daher würden Kaugummis in Gießen seit einigen Jahren nur in besonderen Fällen und nicht flächendeckend entfernt. Der vor zehn Jahren für über 9000 Euro angeschaffte »Gum Buster«, laut Hersteller die weltweite Nummer Eins in der Kaugummientfernung, werde auch nicht mehr eingesetzt. »Er hat sich bei uns nicht bewährt.«

Ein unlösbares Problem? Nein, sagen Gäth und Schneider. Es gebe im Ausland schon Kaugummidosen mit integriertem Müllfach. Präventionsmaßnahmen an Schulen und Plakataktionen hätten die Flecken in einigen Städten um die Hälfte reduziert. »Außerdem arbeitet Wrigleys derzeit an einer neuen chemischen Zusammensetzung«, sagt Schneider. Die Kaugummis sollen dadurch nicht mehr auf dem Boden kleben bleiben und von Kehrmaschinen eingesammelt werden können. Die einfachste aller Lösungen gibt Professor Gäth vor: »Einfach den Kaugummi nicht mehr auf den Boden spucken.«

John B. Curtis hätte übrigens genügend Geld gehabt, jeden einzelnen Kaugummifleck in Gießen zu beseitigen. Die massenhafte Produktion von Chewing Gum hat seine Familie steinreich gemacht.



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