10. Dezember 2016, 12:00 Uhr

Kaum Zeit für die Patienten

Die Gewerkschaft schlägt Alarm. Mehr als 1000 Überlastungsanzeigen wurden in nur zwei Jahren am Uni-Klinikum dokumentiert. Die Mitarbeiter stehen kurz vor einem Streik. Was ist da los? Beschäftigte sagen, dass es viel zu wenig Personal gibt. Sie möchten im Krankheitsfall keine Patienten dort sein.
10. Dezember 2016, 12:00 Uhr
Zwischen 11.15 und 11.30 Uhr kommen die ersten Patienten aus dem OP. Die Schwester auf der Intensivstation muss sich um drei Frischoperierte gleichzeitig kümmern. Umbetten, Infusionen legen, Vitalfunktionen überprüfen. Und zudem noch nach anderen Patienten schauen. »Wir werden unseren Patienten schon lange nicht mehr gerecht«, sagt ein Pfleger. Er ist 59 Jahre alt und seit 21 Jahren auf einer Intensivstation tätig. »Ich mache mir manchmal Sorgen um jüngere Kollegen.« Die Jungen gingen mit viel Idealismus in den Beruf und seien nach kurzer Zeit am Rande ihrer Kräfte.
Warum ist das so? Sie sind für zu viele Patienten zuständig, erklärt der Pfleger. Wo eine 1:1-Betreuung notwendig sei, sei das Verhältnis 1:3 oder 1:4. Das berge ein Risiko für die Kranken und mache zudem die Pflegenden krank. Im Kollegenkreis sei die Fluktuation groß, der Krankenstand steige. Stimmt es, dass oft keine Zeit zum Bettenmachen und für die Körperpflege bleibt? Oder sind das Märchen? Resigniertes Schnauben in der Runde. »Natürlich stimmt das, es ist leider normal«, sagt der 59-Jährige. Die Patienten müssen warten, warten, warten. Auch auf Getränke oder wenn sie mal zur Toilette müssen. Die Kollegen nicken. Wer sich nicht selber helfen kann oder keine Angehörigen hat, ist arm dran im Uni-Klinikum.
Auch die Physiotherapeuten kennen das. Sie müssen ebenfalls Patienten warten lassen. An einem Arbeitstag zwischen 7 und 15.30 Uhr stehen bei jedem 19 Patienten auf dem Programm. Sich den Einzelnen so zu widmen, wie es wünschenswert wäre, geht nicht, sagen die drei Kollegen – ein Mann und zwei Frauen zwischen 30 und 50. Oft schaffen sie gar nicht alle vorgesehenen Behandlungen, die werden dann auf die folgenden Tage verschoben, was die Situation weiterverschärft. »Wir müssen nach Dringlichkeit entscheiden, das sorgt für Enttäuschung und Ärger.« Physiotherapeuten leisten wichtige Arbeit, zum Beispiel nach Schlaganfällen oder Operationen. Aber Wertschätzung erfahre ihre Arbeit nicht, klagen die »Physios«. Sie hasteten von Station zu Station, die äußeren Bedingungen seien miserabel: Statt eigener Behandlungsräume hätten sie Mehrzweckräume ohne Fenster und Waschbecken. Bei der Arbeit im Krankenzimmer würden Mitpatienten gestört. Die nötigen Hilfsmittel schleppen sie oft mit sich herum. »Das interessiert aber keinen«, sagt eine der Frauen. Ideal wäre es, wenn die medizinische und physiotherapeutische Behandlung aufeinander abgestimmt und miteinander verzahnt wäre. Davon sei man aber weit entfernt.
Ein Vollzeit-Physiotherapeut verdient etwa 2800 Euro Brutto. Das sei mehr als in niedergelassenen Praxen, aber dennoch für eine examinierte Kraft zu wenig. Ungefähr so viel verdient auch eine Krankenschwester bzw. ein Pfleger. Das niedrige Gehalt ist aber nicht das Hauptärgernis der Beschäftigten. Sie wünschen sich, dass sie ihren verantwortungsvollen Job richtig und gut machen können. »Wir sind ja mal angetreten, um für Menschen da zu sein. Das geht aber nicht, wenn man 25 Dinge auf einmal tun soll.«
Frustriert von den Arbeitsbedingungen ist auch der Kollege, der als Versorgungsassistent die Stationen mit den notwendigen Materialien vom Pflaster bis zum zu OP-Equipment beliefert. Durch die kurze Verweildauer der Patienten habe sich der Materialverbrauch im letzten Jahr um ein Vielfaches erhöht, was dazu führe, dass er und seine Kollegen mit den Auslieferungen kaum nachkommen. Als »schnelle Abfertigung« bezeichnet ein medizinisch-technischer Radiologieassistent (MTRA) bedauernd seine Arbeit. 40 Patienten hat er pro Tag, alle acht Minuten einen. Zu 90 Prozent sind es Krebspatienten, die zur Bestrahlung kommen. »Das sind schwerstkranke Menschen, viele von ihnen alt und voller Ängste.« Zeit für ein Gespräch oder ermunternde Worte bleibe nicht. Aber nicht nur das: Die Eile könne zulasten der Sorgfalt gehen, zum Beispiel dann, wenn übersehen wird, dass ein Patient Fieber hat oder einen Infekt und keiner Strahlung ausgesetzt werden darf.
Die UKGM-Geschäftsleitung weist darauf hin, dass sie schon seit zwei Jahren im Dialog mit Verdi zu Fragen der Arbeitsbedingungen stehe. 2015 habe es eine Mitarbeiterbefragung zu psychischen und physischen Belastungen gegeben. Nach der Auswertung habe man mit ersten Veränderungsschritten begonnen. Im Ergebnis zeige sich eine vergleichbare Belastungssituation mit anderen Kliniken. In einer paritätisch besetzten Arbeitsgruppe seien die Ergebnisse besprochen und bereits einige Initiativen zur Förderung der Mitarbeitergesundheit gestartet worden, erklärte der Vorsitzende der Geschäftsführung, Dr. Gunther K. Weiß.
Die Beschäftigten wünschen sich ein Gesundheitswesen, in dem der Mensch im Mittelpunkt steht und nicht nur Zahlen. Und dass ihr Arbeitgeber die Spielräume nutzt, die ein großer Krankenhauskonzern ihrer Meinung nach durchaus hat. Dann würden sie ihren Familien auch gerne das UKGM empfehlen. Denn eines wissen sie sehr genau: Dort arbeiten hervorragende Mediziner und viele kompetente Mitarbeiter. (Foto: dpa)

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