06. März 2013, 21:53 Uhr

KiföG-Brief geschrieben – Bouffier am Telefon

Gießen (kw). Seit neun Jahren arbeitet Gaby Bindernagel als Tagesmutter. Nun soll sie wie viele Kolleginnen und Kollegen über 115 Stunden »Nachqualifizierung« leisten; jedenfalls wenn es nach dem bisherigen Entwurf zum Hessischen Kinderförderungsgesetz (KiföG) geht.
06. März 2013, 21:53 Uhr
Gaby Bindernagel freut sich über den Brief, mit dem Ministerpräsident Volker Bouffier ihrer Kritik am KiföG-Entwurf beigepflichtet hat. (Foto: kw)

»Wenn es wirklich so gekommen wäre, hätte ich die Tagespflege aufgegeben«, sagt die Gießenerin. Doch möglicherweise wird dieser Punkt geändert – dank Gaby Bindernagel. Sie schrieb einen Brief an Ministerpräsident Volker Bouffier und erhielt prompt Antwort: Der CDU-Politiker rief sie höchstpersönlich an. »Ich hätte nie gedacht, dass das etwas bringt«, wundert sich die 47-Jährige.

Auf ihre Aufgabe als Tagesmutter hat sich die Gießenerin einst in einer 45-stündigen Qualifizierung vorbereitet, jedes Jahr muss sie mindestens 20 Stunden Fortbildung belegen. 180 Stunden Theorie plus reichlich Erfahrung hat sie mittlerweile aufzuweisen. Laut dem KiföG-Entwurf sollen Tagesmütter und -väter 160 Stunden Ausbildung ableisten – aber nicht nur die künftigen. Auch die bewährten Kräfte sollten so viele Stunden nachholen, dass ihre Grundqualifizierung 160 Stunden beträgt.

Dafür fehle einfach die Zeit, vor allem aber sei diese Forderung nicht sinnvoll, meinte Gaby Bindernagel im GAZ-Gespräch: »Schon jetzt ist es nicht einfach, für Fortbildungen immer neue und interessante Themen zu finden.« Sie wisse von vielen Kolleginnen, die überlegten, bei einer solchen Verpflichtung das Handtuch zu werfen.

Aber wer sollte das der Landesregierung mitteilen? So richtig organisiert seien die Tagesmütter nicht, so die Gießenerin. Also entschloss sie sich selbst zu handeln. Da sie Bouffier gelegentlich bei Basketballspielen in der Gießener Osthalle sieht, wandte sie sich mit ihren Argumenten an ihn. Zunächst schickte sie ihm eine E-Mail. Als die Antwort ausblieb, druckte sie den Text aus und warf den Brief sonntags an Bouffiers Privathaus ein.

Am Dienstag darauf rief sein Büro an und verband sie mit dem Ministerpräsidenten. »Es war ein sehr angenehmes Gespräch. Er hat sich Zeit genommen.« Sie habe recht, diesen Aspekt hätten die Fachleute wohl nicht ausreichend bedacht, sagte Bouffier ihr und versprach, sich für eine Änderung einzusetzen. An Sozialminister Stefan Grüttner schrieb er einen Brief, den er Gaby Bindernagel in Kopie zukommen ließ. Er bat den Parteikollegen, deren Vorschlag im Gesetzentwurf entsprechend umzusetzen. Demnach würden alle Fortbildungsstunden auf die Grundqualifizierung angerechnet. Tagesmütter mit mehr als fünf Jahren Berufserfahrung müssten keine Stunden nachholen, die anderen sollen dafür mehr Zeit bekommen als zunächst vorgesehen. Schließlich sei die Tagespflege ein wichtiger Pfeiler beim Bemühen, genug Betreuungsplätze für Kleinkinder zu schaffen, gab Bouffier zu bedenken.

Ob Grüttner diesem Argument folgt, scheint noch offen zu sein. Es sei »eher die Regel«, dass »Wahlkreisabgeordnete Anregungen der Bürgerinnen und Bürger ihres Wahlkreises aufnehmen und sich für diese einsetzen«, erklärte Esther Walter, Pressesprecherin des Sozialministeriums, auf GAZ-Anfrage. Änderungen an Gesetzen erfolgten auf dem formalen Weg; beispielsweise könne die Anhörung zum Kinderförderungsgesetz am heutigen Donnerstag »kleinere Änderungen ergeben«.

Für Gaby Bindernagel steht jedenfalls fest: Es lohnt sich, sich zu Wort zu melden. Vor allem, wenn man es in der guten alten Papierform tut. Die Mail-Massen könne er nur langsam abarbeiten, hat Bouffier ihr gesagt – den Brief habe er noch am selben Tag gelesen. Der einstige Zeitungswerbung-Spruch gilt eben nach wie vor: »Schwarz auf weiß, das haftet sehr.«

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