16. April 2014, 23:08 Uhr

Kindermedizin: Auch in Gießen Unterfinanzierung

Gießen (if). Vater mit einem kranken Kind im Arm vor verschlossener Tür. Wo der Eingang zur Kinderstation war, hängt ein Schild. »Wegen Geschäftsaufgabe geschlossen.« Mit einer Plakataktion machen Kinderärzte und Elternverbände derzeit auf die bedrohte Krankenhausversorgung von Kindern und Jugendlichen aufmerksam.
16. April 2014, 23:08 Uhr
Mit einer spektakulären Plakataktion wird auf die unbefriedigende Situation in der Kinder- und Jugendmedizin hingewiesen. (Foto: if)

Nahezu jede fünfte Abteilung für Kinder- und Jugendmedizin ist verschwunden, vier von zehn »Kinderbetten« sind gestrichen worden. Wird der Schwund weitergehen? Alle Fernsehkanäle schlagen Alarm. Hessens größtes Zentrum für Kinder-und Jugendmedizin befindet sich in Gießen. Wie sieht die Situation hier aus? Die Gießener Allgemeine Zeitung fragte Prof. Klaus-Peter Zimmer, Leiter der Abteilung »Allgemeine Pädiatrie-Neonatologie«.

»Wir haben im Uniklinikum Gießen genau dieselben Unterfinanzierungsprobleme wie sie beispielsweise Esslinger und Tübinger Kliniken im Fernsehen beklagen«, stellt Zimmer, Vorstandsmitglied der renommierten Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin und einer der raren Pädiater, die in Deutschland auf Magen- und Darmerkrankungen spezialisiert sind, fest. Sein Beispiel: 200 Kinder kommen jährlich zu Magen- und Darmuntersuchungen nach Gießen. In der Regel bedarf eine solche Untersuchung der dreifachen Zeit und eines deutlich höheren Personalaufwandes als bei Erwachsenen: Kinder sind keine Erwachsene. Doch die »Fallpauschalen«, die die Krankenhäuser dafür bekommen, tragen dieser Tatsache nicht Rechnung. Kein Wunder, dass Kinderärzte und -kliniken bei der mittlerweile eingetretenen Kommerzialisierung im Gesundheitswesen als Verursacher »roter Zahlen« in vielen Verwaltungen einen schweren Stand haben.

Personalkosten sind Kernproblem

Die DRGs sind eine »australische Erfindung«. Doch deutsche Ärzte, die in australischen Kinderkliniken gearbeitet haben, haben noch nie davon gehört. Des Rätsels Lösung: Fallpauschalen gelten »down under« lediglich für Erwachsene.

Weiter erschwerende Probleme: Die Kinder- und Jugendmedizin hat zwar enorme Fortschritte gemacht, »doch wir brauchen nicht nur Ärzte und Schwestern, sondern auch Psychologen, Sozialarbeiter Ernährungsberater und Pädagogen. Die Personalkosten sind unser Kernproblem.«

Inzwischen hat sich die Zahl der Entbindungen in Gießen nahezu verdoppelt - die Zahl der Säuglinge, die unverzüglicher medizinischer Betreuung bedürfen, ist gewachsen. Frage an Prof. Zimmer: »Müssen Sie bald wieder Kinder nach außerhalb verlegen?« »Das müssen wir leider schon heute, obwohl wir über 175 Betten verfügen.«

Um Kinderkliniken, Kinderfachabteilungen sowie der Kinderchirurgie »Perspektiven zu verschaffen«, fordern die Kinderärzte nachdrücklich den Erhalt des Berufsbildes der Kinderkrankenschwester, das gefährdet scheint, sowie den Erhalt sozialpädagogischer Zentren und Spezialambulanzen. Sie plädieren für einen »Sicherstellungzuschlag« für die Leistungen der Kinderkliniken, die »durch das DRG-System nicht kostendeckend zu finanzieren sind«. Die Länder werden aufgefordert, bei den kommende Woche beginnenden »Bund-Länder-Gesprächen zur Strukturreform der Krankenhausversorgung« das spezielle Problem der bevorstehenden Insolvenz von Kinderkrankenhäusern anzuschneiden. In diesem Sinne liest sich auch ein Brief, der bereits vor einiger Zeit an die hessische Staatskanzlei ging. Der prominente Gießener Absender: Es wäre sinnlos, Kräfte in Kämpfen mit Verwaltungen zu vergeuden, um einem Kind in Deutschland bestmögliche Medizin anbieten zu können. Liest es sich nicht wie »Ich werfe hin«? (Foto: csk)

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