27. Oktober 2019, 17:38 Uhr

Kippen auf dem Spielplatz

In einigen Bundesländern und Kommunen ist Rauchen auf Spielplätzen verboten. Zum Schutz der Kinder und zur Müllvermeidung . Die Gießener Linke hat nun ein Verbot auf Gießener Spielplätzen gefordert - und eine Absage erhalten. Begründung: Kaum Erfolgsaussichten.
27. Oktober 2019, 17:38 Uhr
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Von Christoph Hoffmann

Eltern, die schon mal mit dem Nachwuchs auf dem Spielplatz waren, werden es bezeugen: Sandkästen sind ein Sammelbecken für Kippen. Neugierig, wie Kinder nun mal sind, heben sie die Filter auf, manchmal landen sie im Mund. Wie soll ein Zweijähriger auch wissen, dass in den Stummeln giftige Chemikalien stecken? Da der Passivrauch von Zigaretten ebenfalls schädlich ist, haben Brandenburg, Bremen, Nordrhein-Westfalen und das Saarland das Rauchen auf Spielplätzen untersagt. In einigen hessischen Kommunen, wie Frankfurt, Hanau oder Marburg gibt es ebenfalls Verbote. Schweden hat in diesem Sommer sogar alle Spielplätze zu rauchfreien Zonen erklärt. Ein guter Schritt, findet Martina Lennartz. Die Politikerin der DKP, die für die Fraktion Gießener Linke im Stadtparlament sitzt, hat daher in der jüngsten Sitzung solch ein Verbot für Gießen gefordert. Allerdings ohne Erfolg.

Katrin Schaller, Expertin für Tabakkontrolle vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg (DKFZ), hat eine eindeutige Meinung zu diesem Thema. »Grundsätzlich wäre ein bundesweites Rauchverbot auf Spielplätzen aus mehreren Gründen sinnvoll.« Es schütze vor Passivrauchen und unterstütze die Vorbildfunktion der Eltern. Zudem helfe es dabei, Zigarettenmüll zu vermeiden, der vor allem für Kleinkinder gefährlich sei. Das Verschlucken der Kippen könne zu Vergiftungen mit Übelkeit, Erbrechen und Durchfall führen.

Diese Argumente führte auch Lennartz im Stadtparlament an. »Dass auf Spielplätzen nicht geraucht wird, sollte eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein. In Gaststätten wird nicht mehr geraucht, aber auf Kinderspielplätzen soll es legitim sein?«, betonte die Politikerin und fügte an: »Kinder sind den Rauchern ausgeliefert, kennen die Konsequenzen nicht, können nicht frei entscheiden und sind deshalb besonders zu schützen. Das ist unser aller Pflicht.«

Der Antrag umfasste nicht nur ein Rauchverbot an allen Kinderspielplätzen der Stadt, sondern auch eine Kennzeichnung mit entsprechenden Hinweisschildern. Auch hierbei bezog sich Lennartz auf die Heidelberger Forscher. Denn eine Studie des Zentrums kam bereits vor zehn Jahren zum Ergebnis, dass Rauchverbote ohne Hinweisschilder nicht viel bringen. Für die Studie wurden ausgewählte Spielplätze in Würzburg, Mannheim und Heidelberg untersucht. Demnach wurden dort, wo das Rauchen zwar verboten, aber nicht darauf hingewiesen wird, fast genauso viele Kippen gefunden wie auf Spielplätzen ohne Verbot. Dort, wo es sowohl ein Verbot als auch sichtbare Hinweisschilder gab, lag die Zahl der gefundenen Kippen hingegen nur bei etwa einem Drittel.

Doch das Anliegen der Gießener Linke wurde vom Stadtparlament abgelehnt. Allerdings nicht, weil die Gefahren durch Passivrauch und Kippenstummel unterschätzt würden, wie SPD-Fraktionschef Christopher Nübel betont. Vielmehr könne ein Rauchverbot nicht hinreichend kontrolliert werden, sagt der Sozialdemokrat gegenüber dieser Zeitung: »Die Einführung eines nicht überprüfbaren Verbotes, dessen Einhaltung nicht sichergestellt werden kann, bringt keine Verbesserung für die Betroffenen und wäre daher rein symbolisches Handeln.« Hinzu komme, dass die meisten Zigaretten-Abfälle auf Spielplätzen nicht von Erziehungsberechtigten, sondern von anderen Gruppen stammten, wie zum Beispiel Jugendlichen. »Diese Personengruppen dürfen sich aktuell schon nicht auf Spielplätzen aufhalten. Die dazugehörige Beschilderung existiert bereits«, betont Nübel. » Aber auch hier zeigt sich, dass eine Kontrolle kaum realisierbar ist.« Und auch mit der von Lennartz angeführten Studie hatte die Koalition ihre Probleme. Nübel verweist darauf, dass es sich um eine »deskriptive Untersuchung« handele und somit kein Rückschluss auf einen grundsätzlichen kausalen Zusammenhang zulässig sei. Weitere Faktoren seien in der Studie ebenfalls nicht berücksichtigt worden. »Valide Aussagen zur Wirksamkeit einer Beschilderung von Spielplätzen sind daher nicht möglich«, sagt Nübel.

Trotzdem haben sich andere Kommunen für ein Rauchverbot ausgesprochen. In Marburg ist es zum Beispiel schon seit 2013 verboten, auf Spielplätzen zu rauchen. Eine Pressesprecherin betont, dass man durchweg positive Erfahrungen gemacht habe. Die 418 Kinderspielplätze in Frankfurt sind seit Mai 2018 offiziell rauchfrei. Laut einer Sprecherin wird zudem auf die toxische Wirkung von Kippen auch für Boden und Grundwasser hingewiesen. Wer das Verbot missachtet und erwischt wird, muss knapp 130 Euro zahlen.



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