04. November 2019, 21:31 Uhr

Kommissare und Kohlendiebe

04. November 2019, 21:31 Uhr
Gelegentlich blitzt Jürgen Ehlers besonders trockener Humor auf. (Foto: so)

In einem See unweit von Hamburg wird im Jahr 1948 eine Leiche gefunden, verpackt in einen Seesack und mit Schweißdraht verschnürt. Eine ganz normale Leiche: Weiß, männlich, mittelgroß. Augen, Ohren, Haare - alles normal. Keine besonderen Auffälligkeiten, bis auf einen Goldzahn. Niemand scheint den Mann vermisst zu haben. Nachkriegsdeutschland eben. Ein Land und seine Menschen in Bewegung. Strukturen auf dem Weg in eine Neuordnung.

Fast zwei Stunden lang nimmt Jürgen Ehlers im Netanya-Saal mit auf eine Reise in die Vergangenheit. Er entführt mit seinem Krimi »Im Haus der Lügen« um zwei Generationen zurück. Der Weg führt durch die Hamburger Vororte in den späten 1940ern. In die Zeit, in der Kohlen von den Güterwaggons geklaut werden, in der Kartoffeln rationiert sind, in der mit der Währungsreform der vermeintlich neue Reichtum auszubrechen scheint. Nicht immer eine schöne Reise, ungeachtet des Kriminalfalls, der zugrunde liegt. Selbst rechtschaffene Polizisten werden da zu Kohledieben. Und Fragen, wer denn was in den zwölf Jahren des gerade untergegangenen 1000-jährigen Reichs getan hat (oder eben unterlassen hat), schimmern immer wieder durch, wenn Kommissar Berger sich mit seinem eigenen Verhalten im Nationalsozialismus auseinandersetzt.

Jürgen Ehlers stützt sich bei seinen Recherchen gerne auf Zeitungsarchive; etwa das des »Hamburger Abendblatts«. Manch anderes weiß er, Jahrgang 1947, aus Erinnerungen. Und er zeichnet so ein detailgetreues Bild vom Leben nach dem Krieg.

Wer aber ist die Leiche? Woher rühren die Blutspuren in einem Haus unweit des Sees? Hat der Besitzer in seiner Küche wirklich nur Kaninchen und Hühner für den Schwarzmarkt geschlachtet? Was weiß Ruth Blaue, die junge Frau in der Buchhandlung, deren Mann seit 16 Monaten verschwunden ist? Aufgebrochen in die russisch besetzte Zone, um für den Neubeginn mit einem Fuhrgeschäft einen Lastwagen zu kaufen. Hat er auf seiner Reise eine andere Frau kennengelernt? Halten ihn die Russen fest? Das eine ist eine private, das andere eine politische Komponente. Ist’s bei der Leiche im See ebenso? War es eine Beziehungstat? Führen Spuren zurück ins Nazi-Deutschland?

Die Leiche, der Ehlers seinen Kommissar hinterherrecherchieren lässt, hat es wirklich gegeben. Der authentische Fall wurde schon einmal als Krimi aufgearbeitet: Verfilmt unter dem Titel »Das Haus an der Stör« in den frühen 1960ern in der »Stahlnetz«-Reihe. Ehlers ist Wiederholungstäter. Schon mehrfach war er mit historischen Krimis zu Gast beim Gießener Krimifestival. Seitdem der Geowissenschaftler und Eiszeitforscher im Ruhestand ist und seine Passion fürs Schreiben entdeckt hat, sprudeln die Romane nur so aus ihm heraus. Auf der Bühne wirkt er eher introvertiert. Doch auch da blitzt gelegentlich besonders trockener Humor auf.

»Jetzt wollen wir doch mal sehen, ob wir nicht herausfinden können, wer der Tote eigentlich ist«, sagt Jürgen Ehlers nach der Pause bei seiner Lesung. Aber der Autor hilft an jenem Abend auch in weiteren 30 Minuten vergnüglicher Lesezeit nicht weiter: »Mehr sage ich nicht.« Wer’s selbst herausfinden will, dem sei ein Besuch »Im Haus der Lügen« empfohlen.

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