08. August 2019, 14:00 Uhr

Selbsthilfegruppe

Konsumlos glücklich

Gute Zeiten für Nachhaltigkeit und Co., könnte man meinen. Zwei Gießenern geht das nicht weit genug. Sie haben jetzt eine Selbsthilfegruppe gegründet: die anonymen Konsumentis.
08. August 2019, 14:00 Uhr
Für die »anonymen Konsumentis« ist ein Einkauf wie ein Spießrutenlauf: Überall lauern Verlockungen. (Symbolfoto: dpa)

Man ist nie zu alt, um in seinem Leben eine Vollbremsung hinzulegen, auszusteigen und in die entgegengesetzte Richtung zu gehen. Ein Gießener und eine Gießenerin in den Fünfzigern haben das jetzt getan: Die beiden Selbständigen trennen sich gerade von ihrem beruflichen Standbein und wollen sich voll und ganz einem Leben ohne Konsum widmen. Um diesen Weg nicht alleine zu gehen, haben sie eine Selbsthilfegruppe gegründet: Die anonymen Konsumentis. Die trifft sich mittwochs um 19 Uhr im Freiwilligenzentrum in der Ludwigstraße 6.

Der Name der Gruppe erinnert an ein Angebot für Süchtige, die sich gegenseitig anonym beim Weg aus der Abhängigkeit unterstützen wollen. Die Parallele ist von den Gießenern bewusst gewählt. Der Mann, dessen Name hier keine Rolle spielen soll, hat Selbsthilfe-Erfahrung. 1994, erzählt er, sei er als Drogensüchtiger in Zentralamerika auf so eine Gruppe gestoßen. Dank der Hilfe, die er dort erfahren habe, sei er seitdem »clean«. Der Gießener sieht Ähnlichkeiten zwischen einem Drogenabhängigen und dem Zustand der Gesellschaft. »Wir sehen nicht, wie rücksichtslos wir alles um uns herum zerstören. Wir behandeln unsere Welt wie Süchtige.«

Konsum schadet Mensch und Natur

Konsum - das ist für die beiden Gießener der alltägliche Einkauf und der Wunsch nach dem neuesten Luxusprodukt wie einem Smartphone. Wir konsumieren, sagen sie, weil wir glauben, dies befriedige unsere menschlichen Bedürfnisse. Dabei würden wir mit dem »Dauerkonsum« nur uns, anderen Menschen und der Natur schaden. Die Folge: Die Menschen stumpften ab, vereinsamten, ernährten sich falsch, seien egozentriert. »Auf globaler Ebene sind es Umweltzerstörung, Artensterben, Ressourcenkriege«, sagen sie. Die wahren menschlichen Bedürfnisse sind für sie das Gefühl, willkommen zu sein, Geborgenheit, das Respektieren der Grenzen anderer und die Zugehörigkeit. »Diese Wünsche hat der Obdachlose genauso wie der Banker«, betonen sie.

Die beiden Gießener wissen, dass sie alleine nicht den Lauf der Dinge oder die Welt, wie sie ist, ändern können. »Wichtig ist aber, dass Menschen eine Utopie haben, aus der sich etwas entwickeln kann«, sagt die Frau. In ein Flugzeug steigen die beiden zum Beispiel schon lange nicht mehr. Es gehe vielmehr darum, das konsumlose Leben in den Alltag zu übertragen. Auch wenn die beiden wissen, dass dies nicht so einfach ist. »Ich schaffe es zum Beispiel oft nicht, meinen eigenen moralischen Ansprüchen zu genügen«, sagt er. Der Käse im Supermarkt zum Beispiel: Zum einen sei er in Plastik eingepackt, zum anderen degradiere die Lebensmittelindustrie die Tiere zu reinen Nutzwesen. »Oft schaffe ich es, daran vorbeizugehen. Aber dann kaufe ich den Käse doch irgendwann.« Darüber zu reden, sich gegenseitig auf dem Weg ins konsumlose Leben zu bestärken - dafür ist die Selbsthilfegruppe gedacht.

Heraus aus der Selbständigkeit

Auch die Aufgabe ihrer beruflichen Tätigkeit ist für die beiden Gießener lediglich ein konsequenter Schritt raus aus dem »Hamsterrad«: »Wir haben als Selbständige unsere Mitarbeiter ausgebeutet, unsere Konkurrenten belauert. Damit ist jetzt Schluss.« Natürlich, sagen sie, hätten sie Angst, was nach der Geschäftsaufgabe auf sie zukommen werde. Aber sie sind sich sicher, dass sie ihre Sorgen in der Selbsthilfegruppe aufarbeiten könnten. Außerdem sei so genug Zeit, Aktionen zu planen. Zum Beispiel können sich die beiden vorstellen, in einem Supermarkt die Kunden zu animieren, den Müll im Laden zu lassen.

Was aber ist die Alternative? Wo bekommen die beiden Gießener ihr Essen her? »Containern«, sagt er, »ist die Königslösung.« Unter »Containern« versteht man die Mitnahme weggeworfener Lebensmittel aus Abfallcontainern. Ein weiteres Mittel der Wahl sei die Selbstversorgung, beispielsweise über die solidarische Landwirtschaft. Dort tragen mehrere private Haushalte die Kosten eines landwirtschaftlichen Betriebs, um im Gegenzug einen Teil der Ernte zu erhalten.

Aber um zu leben, braucht man in der Regel Geld. Stimmt so nicht, sagen die beiden Gießener. Was das Wohnen angeht, wissen sie noch nicht, wie weit sie gehen wollen. »Hier gibt es geldfreie Alternativen und emanzipatorische Konzepte, aber kurzfristig sind wir in einer WG, in der wir uns wohlfühlen, und zahlen Miete.« Eine Leerstands-Hausbesetzung lasse sich derzeit schwer umsetzen. Auch beim Thema Krankenkasse hätten sie noch keine Lösung gefunden. »Wir haben die Selbsthilfegruppe ja auch nicht gegründet, weil wir schon alle Antworten haben, sondern um uns auf den Weg zu machen.«

»Vor Konsumrückfällen schützen«

So radikal, wie die beiden Gießener aktuell ihr Leben neu sortieren, müsste das in der Selbsthilfegruppe niemand machen. »Wir wollen niemanden zwingen oder missionieren«, betonen sie. »Jeder investiert das, was er kann und bereit ist zu geben.« Dazu gehört auch, dass die Selbsthilfegruppe nicht nur für Menschen interessant sein soll, die sich vor »Konsumrückfällen schützen wollen«. Sondern auch für Menschen, die »vom System als unbrauchbar deklariert worden sind«, sagen sie. Darunter fielen Gefängnisinsassen, Langzeitarbeitslose, Obdachlose und Psychiatrieinsassen. »Die Abgehängten«, sagen die beiden Gießener, »haben oftmals einen kleineren ökologischen Fußabdruck als die, die vorne mitspielen.«

Die Grünen hangeln sich bei Wahlen von Erfolg zu Erfolg, selbst Discounter machen jetzt auf Bio. Müssten die beiden Gießener nicht optimistisch auf die Gegenwart blicken? Er schüttelt mit dem Kopf. »Die Menschen glauben, sie gehen in den Biomarkt und haben damit ihren Anteil getan. Aber sie halten das System aufrecht, eben nur in grüner Farbe.«

Jeden Mittwoch Treffen

In Anlehnung an Selbsthilfegruppen wie die anonymen Alkoholiker startet ein Treffen der anonymen Konsumentis mit einer sogenannten Emorunde. Hier erzählen alle Teilnehmer kurz, wie sie sich fühlen. Es folgt eine ausführliche Runde, in der jeder, der will über seine Erlebnisse und seine Verfassung reden kann. Während den letzten Treffen sprachen die Teilnehmer - der jüngste ist 30, der älteste über 60 - über Grundbedürfnisse.

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