23. Februar 2015, 12:53 Uhr

Krieg im Klassenzimmer bei »Frau Müller muss weg«

»Das ist die harte Realität«. Mit diesem Satz bringt es eine Besucherin der umjubelten Premiere von »Frau Müller muss weg« auf den Punkt. Das neue Schauspiel im Stadttheater zeigt den alltäglichen Kampf im Klassenzimmer – gnadenlos, mit viel Biss und urkomisch.
23. Februar 2015, 12:53 Uhr
»Frau Müller muss weg«, da sind sich fast alle Eltern einig (v. l. Kyra Lippler, Roman Kurtz, Marie-Luise Gutteck, Beatrice Boca und Tom Wild). (Fotos: Friese)

Generationen von Eltern lebten in der Hoffnung, dass es ihren Kindern einmal bessergehen würde als ihnen selbst. Doch heute glauben viele das nicht mehr. Bildung und damit Karrierechancen sind die Mitgift, die wir unserem Nachwuchs mit auf den Weg geben wollen. Aber was ist, wenn Janine nun einmal nicht das Potenzial hat, aufs Gymnasium zu kommen, oder Lukas ein Schläger wird, weil er in Wirklichkeit »hochbegabt« ist – oder vielleicht doch ADHS hat? Da werden Grundschuleltern zu Löwen und kämpfen verbissen um gute Noten für ihre Töchter und Söhne. Der Druck ist groß, vor allem der selbst gemachte.

Einen solchen Elternabend zeigt Lutz Hübner in seinem Schauspiel »Frau Müller muss weg«, das nun landauf landab die Theater füllt und parallel – verfilmt von Sönke Wortmann – im Kino zu sehen ist. In Gießen hat sich Intendantin Cathérine Miville des Stücks angenommen und inszeniert es im Großen Haus des Stadttheaters: pointenreich, punktgenau und hart an der Realität. Ein Muss für Eltern wie Lehrer.

Wenn die Mannschaft vom Abstieg bedroht ist, wird der Trainer ausgetauscht. Das wollen auch die fünf Eltern der Klasse 4b, die Lehrerin Frau Müller zum außerordentlichen Elternabend herzitiert haben, denn die Leistungen der Schüler sind deutlich abgesackt. Schaffen sie es aufs Gymnasium oder droht die Realschule? Wird ihr Nachwuchs zu den Gewinnern oder Verlierern der Gesellschaft gehören? Das sind die Sorgen, die die Eltern umtreiben. Schuld ist ihrer Meinung nach Frau Müller, und daher soll sie die Klasse abgeben. Doch die Pädagogin erweist sich als wehrhafter als gedacht.

Hübner hat den alltäglichen Wahnsinn an deutschen Schulen präzise beobachtet. Seine Figuren stehen stellvertretend für die unterschiedlichen Elterntypen: die resolute Karrierefrau, die ihre Tochter mit Elektronik und »Bravo«-Lesen ruhigstellt; der arbeitslose Vater, der seine Tochter mit Lernen bis zum Umfallen trietzt; oder die harmoniebedürftige Museumspädagogin, deren Sohn zwar gute Noten nach Hause bringt, aber leicht autistische Züge hat. Und dann gibt es da noch das Ehepaar, das seinen Beziehungsstress auf dem Rücken des Kindes austrägt und dessen Fehlverhalten mit einer angeblichen Hochbegabung, sprich schulischen Unterforderung, rechtfertigt. Diese Typen kennen Eltern wie Lehrer im wahren Leben nur allzu gut – und die Szenen, die sich beim Elternabend abspielen, eben auch.

Im stilisierten Klassenzimmer, das Lukas Noll für die Bühne entworfen hat (Kostüme: Thurid Goertz), findet man all die Utensilien, die den Grundschulalltag prägen: die gebastelten Kastanienmännchen, die Kästen mit Sprudelwasser und die bunten Plastikbecher, aber auch die Plakate mit Sprüchen wie »Wir schreien einander nicht an« oder »Wir hören einander zu«. Das Kammerspiel – eine Art Fortsetzung von Yasmina Rezas »Gott des Gemetzels« – funktioniert in dieser Kulisse auch auf der großen Bühne. Die Zuschauer sind beim Krieg im Klassenzimmer unmittelbar dabei.

Miville, selbst Mutter, weiß, wie Eltern reagieren, wenn es »um die eigene Brut« geht und bleibt mit ihrer Inszenierung hart an der Realität. Die 2010 in Dresden uraufgeführte Fassung Hübners passt sie behutsam an hiesige Verhältnisse an. Mittelhessen, »das ist quasi Ausland« für das Münchener Ehepaar, das es beruflich in die Provinz verschlagen hat. Solche Sätze garantieren Lacher im Publikum, das an diesem 90-minütigen Abend ohne Pause durchgehend seinen Spaß hat. Doch zum Gag-Gewitter lässt die Regisseurin das Schauspiel nicht verkommen. Sie führt die Mittelstandseltern, die sich in der Sorge um die Zukunft ihrer Kinder selbst verrückt machen, aber im Gegenzug auch von der nur an Leistung orientierten Gesellschaft ohne klare Werte und Moralvorstellungen im Stich gelassen werden, nicht vor, sondern zeigt sie in ihrer Not. Auch wenn das Publikum über deren Hysterie lacht: Wir alle sind ein Stück weit auch solche Eltern.

Die Besetzung sei quasi ein Wunschkatalog gewesen, hatte Miville vor der Premiere erzählt. Und es bleiben keine Wünsche offen. Carolin Weber als engagierte Lehrerin Frau Müller ist in ihrer konsequenten Grundschullehrerinnen-Attitüde die Inkarnation einer engagierten Pädagogin. Gelingt es ihr, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen, dank ihrer Naivität oder dank ihrer Gerissenheit? Man weiß es nicht. Kyra Lippler ist ganz die forsche Karrierefrau, die als Elternbeiratsvorsitzende voranprescht – und der im Verlauf des Abends die Felle immer mehr davonschwimmen. Auch Roman Kurtz überzeugt als cholerischer Vater, der sein eigenes Scheitern mit ungeheurem Leistungsdruck bei seiner Tochter wettmachen will. Beatrice Boca als alleinerziehende Museumspädagogin ist mit Lockenkopf und Flatterkleid perfekt besetzt. Und dann gibt es da noch Thomas Wild und Marie-Louise Gutteck, die ihre Szenen einer kaputten Ehe im Klassensaal mit viel Wut und Tränen durchexerzieren. Sie alle spielen so hart an der Realität, dass man kaum glauben kann, dass noch keiner vom Ensemble in Wirklichkeit an einem tatsächlichen Elternabend teilgenommen hat.

Weitere Vorstellungen von »Frau Müller muss weg« gibt es im Stadttheater am 14. und 22. März, 1. April, 8., 17. und 24. Mai, 14. Juni, 3. und 10. Juli. Und am heutigen Dienstag packt das Ensemble Bühnenbild, Kostüme und Requisiten ein und spielt in der Gesamtschule Ost für Elternbeiräte und Eltern – besser kann Theater kaum im Leben der Menschen ankommen. Karola Schepp

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