19. November 2014, 22:18 Uhr

Kritik an Plänen für Einkaufs-Sonntage 2015

Gießen (mö). Die christlichen Kirchen und die Gewerkschaften in Gießen sind momentan auf die Stadt nicht gut zu sprechen. Grund ist die Planung für vier verkaufsoffene Sonntage im kommenden Jahr.
19. November 2014, 22:18 Uhr
An der »Neujahrsbegrüßung« entzündete sich dieses Jahr die Debatte um verkaufsoffene Sonntage. (Foto: juw)

Denn diese wurden auf zwei kirchliche Fest- und Feiertage, außerdem auf den internationalen Frauentag und den Sonntag nach dem 1. Mai (Tag der Arbeit) gelegt.

Der evangelische Stadtpfarrer Klaus Weißgerber nahm auf Anfrage der Gießener Allgemeinen Zeitung kein Blatt vor den Mund und warf Stadt und Stadtmarketing Wortbruch vor. Denn im Zusammenhang mit der Debatte um die Gestaltung der verkaufsoffenen Sonntage im Jahr der Landesgartenschau sei Kirchen und Gewerkschaften – die im Februar eine Allianz für den freien Sonntag gegründet hatten – versprochen worden, sie bei der Planung künftig einzubinden. Dies sei nicht geschehen. Die nun vorliegende Planung »widerspricht allem, was abgesprochen war«, sagte Weißgerber.

Die Planung des Stadtmarketings sieht für 2015 vier verkaufsoffene Sonntage am 8. März, am 3. Mai sowie am 4. Oktober (Erntedankfest) und am 1. November (Allerheiligen) vor. Die Terminierung auf den jeweiligen Monatsbeginn dürfte darauf abzielen, dass Löhne und Gehälter in der Regel am Monatsende ausgezahlt werden.

Wie Silja Papenguth von der Gießen Marketing GmbH sagte, handele es sich bei den beiden Sonntagen im Herbst um Traditionsveranstaltungen, die im Grunde auch unstrittig seien. Mit vier Sonntagen werde die bisherige Gießener Praxis nicht ausgeweitet. Beim »Frühlingserwachen« am 8. März soll der aus Linden bekannte Tuchmarkt in der Innenstadt stattfinden, bestätigte Papenguth. Kritiker sehen darin den Versuch, den verkaufsoffenen Sonntag im März rechtlich abzusichern, denn die Genehmigungsgrundlage für die Ladenöffnung ist ein Marktgeschehen als Rahmen.

Appell an »Magistratsdamen«

Weißgerbers Zorn richtet sich gar nicht so sehr gegen die Händler, deren Interesse es natürlich sei, auf die vermeintlich umsatzstärksten Sonntage zu gehen. Auch für das Stadtmarketing als Dienstleister des Einzelhandels bringt Weißgerber ein gewisses Verständnis auf. Das endet dann freilich beim Magistrat der Stadt, der die Stadtmarketing-Gesellschaft gehört und die die verkaufsoffenen Sonntage genehmigt. »Wir erwarten von der städtischen Politik, dass sie sich zu solchen gesellschaftlichen Fragen endlich einmal positioniert«, sagte der Stadtpfarrer und fügte hinzu: »Unsere Magistratsdamen moderieren in Merkel-Manier immer freundlich, aber wenn mal klar Position bezogen werden müsste, tauchen sie ab.« Dabei böte das Thema die Gelegenheit, »über gesellschaftliche Werte zu reden«. Allenthalben werde über Werteverlust und die Folgen geklagt, aber wenn sich die Gelegenheit biete, in diesem Sinne praktisch zu handeln, passiere nichts, sagte Weißgerber. So wäre es ein »wichtiges Signal« gewesen, auf einen verkaufsoffenen Sonntag zu verzichten.

Der katholische Cityseelsorger Klaus Tuchscherer beklagte, dass mit der Ladenöffnung »der Grundgedanke des Sonntags ausgehöhlt wird«. Es handle sich bei Allerheiligen schließlich um einen »uralten Feiertag«, an dem katholische Christen die Eucharistie feierten. Über den einzelnen Sonntag mag Tuchscherer nicht mehr streiten, schon gar nicht juristisch, ihm geht es um die »Tendenz«. Der Gottesdienst am Sonntagvormittag werde schrittweise zu einem Rückzugsgebiet für die Gläubigen, mithin zum »religiösen Biotop« degradiert.

Die beiden Stadtpfarrer gehören zu den zehn Gründungsmitgliedern der Gießener Allianz für den freien Sonntag, in der sich die evangelische und katholische Kirche, der DGB und die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi zusammengeschlossen haben.

Joachim Haucke, bei Verdi zuständig für den Einzelhandel, sagte, dass es speziell bei seinen Kolleginnen ganz großen Unmut über die Belegung des Internationalen Frauentags mit einem verkaufsoffenen Sonntag gebe. »Das hat die Frauen richtig in Wallung gebracht.« So gebe es auch einen Beschluss der Verdi-Bezirkskonferenz, wonach »alle politischen und juristischen Möglichkeiten« ausgeschöpft werden sollen, um dies zu verhindern, sagte Haucke. Dies schließe auch eine einstweilige Verfügung gegen die Ladenöffnung am 8. März ein. In Wallau in Südhessen sei einem solch kurzfristig eingereichten Antrag vom Verwaltungsgericht stattgegeben worden. Haucke: »Da haben wir in Gießen dann am 8. März einen schönen Tuchmarkt, aber die Geschäfte bleiben zu.«

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