05. Februar 2019, 21:20 Uhr

Kunstwerk mit Tiefgang

Im obersten Stockwerk des Wallenfels’schen Hauses gehört ein von buddhistischen Mönchen gestreutes Mandala seit 2006 zu den Attraktionen des Museums. Es wurde schon einmal erneuert. Nun steht die dritte Version an. Und wieder werden Mönche die heilige Zeremonie vornehmen. Einer von ihnen ist Lama Tashi Deldan.
05. Februar 2019, 21:20 Uhr
Lama Tashi Deldan erläutert die Symbolik des Sandmandalas im Oberhessischen Museum. In wenigen Tagen wird es durch ein neues ersetzt. (Foto: hf)

Über seiner rötlichen Mönchskutte trägt Lama Tashi Deldan einen dicken Fleecepullover. Schließlich fällt an diesem Morgen Schnee und auch im dritten Obergeschoss des Wallenfels’schen Hauses ist es eher kühl. Doch das herzliche Strahlen des buddhistischen Mönchs scheint sofort den Raum zu erwärmen. Gemeinsam mit Nonne Ani Konchok Tsechö, die bürgerlich Sabine Tsering heißt, ist der Priester an diesem Tag ins Museum gekommen. Beide gehören als Ordinierte dem in Heuchelheim ansässigen Zentrum Dharmakirti an, einer Gemeinschaft für tibetisch-buddhistische Kultur. Und die hat zwei Mönche aus Deldans im indisch-tibetischen Grenzgebiet liegender Heimat Ladakh eingeladen, um gemeinsam das Mandala in der tibetischen Sammlung des Hauses zu erneuern. Ziel ist es, den interreligiösen Dialog zu fördern, den kulturellen Austausch zu bereichern und zu einem friedvollen Miteinander in der Welt beizutragen.

Dass sich das Sandmandala – aktuell ist es ein Avalokiteshvara-Mandala – schon seit 2006 im Oberhessischen Museum befindet, ist ungewöhnlich. Schließlich sind solche Mandalas im Buddhismus nicht für die Ewigkeit gedacht. Die meditativen Kunstwerke werden meist bei Einweihungszeremonien von Klöstern erstellt und ihr mit einem Segen versehener Sand anschließend an die Menschen verteilt, in Flüsse gestreut oder auf Äckern aufgebracht. Schließlich soll die Kraft des Mandalas auf alle ausstrahlen und bei Krankheiten oder Problemen helfen.

In Gießen ist das religiöse Sandbild, das vor sieben Jahren schon einmal von Mönchen neu gestreut wurde, aber dauerhaft unter einem Glasdeckel geschützt. Erst am Morgen des 14. Februar wird es, begleitet von Friedensgebeten und im Rahmen einer Zeremonie, feierlich aufgelöst. Sein bunter Sand wird in Gläschen verteilt und an Besucher verschenkt. Noch am gleichen Tag werden Lama Tashi Deldan sowie Drubpon Konchok Lhundup (Drubpon bedeutet Meditationsmeister) und Lama Konchok Samten – zwei weitere Mönche aus Ladakh – ihre Arbeit aufnehmen. Bis zur Fertigstellung werden sie sechs Tage benötigen.

Grüne Tara in der Mitte

Entstehen wird ein Mandala mit der grünen Tara in der Mitte. Das Zentrum jeder Mandala-Darstellung enthält eine grundlegende Wahrheit, der man sich in Meditation und Leben schrittweise annähert. Und Tara verkörpert das Mitgefühl aller Buddhas und schützt vor den acht Arten der Angst als Symbole für innere Hindernisse. Ihre zum Aufstehen bereite Sitzhaltung symbolisiert ihre schnelle Reaktion bei der Erfüllung von Wünschen und dem Schutz vor Gefahren.

»Das Mandala ist ein Symbol für Frieden, für die Gemeinschaft aller Menschen«, sagt Tashi Deldan in seiner sympathischen Mischung aus Deutsch und Englisch. »Wir sind alle nur kurz auf der Welt. Es ist wichtig, dass alle Menschen zusammenhalten. Wir sind alle gleich.«

Das neue Mandala wird wieder ein großer Kreis mit bunten Farben und geometrischen Mustern sein. Doch es ist weit mehr als nur ein attraktives Kunstwerk. »Alles hat eine Symbolik«, erläutert Konchok Tsechö beim Blick auf das aktuelle Mandala. Ein Quadrat im Inneren symbolisiert einen himmlischen Palast mit vier Pforten. Auf einer grünen Fläche erkennt man Blumen, Schirme, Bäume und antilopenartige Tiere als Bestandteile des Palastgartens. Wie eine Landkarte sollen Sandmandalas dem Betrachter den Weg zur zentralen Gottheit im Mittelpunkt des Bildes weisen. Zuerst muss er dafür die drei äußeren Ringe überwinden: den Flammenring der Läuterung, den Vajra-Ring der Einweisung in die Lehre und den Lotusring der Reinheit. Dann erst ist der Meditierende bereit, sinnbildlich durch eines der vier Tore in den Palast einzutreten.

Das neue Mandala der Tara werden die drei Mönche in tagelanger Feinarbeit von innen nach außen streuen. »Sie tragen einen Mundschutz, damit beim Ausatmen nichts weggepustet wird«, klärt Konchok Tsechö auf. In kleine Metalltrichter werden die pulverisierten Farben eingefüllt und durch Reiben rieselt das feine Pulver auf die mit einer Vorabzeichnung versehene Platte.

Von Ladakh nach Heuchelheim

Das Streuen eines Mandalas ist eigentlich ein meditativer Prozess. Doch im Museum lassen sich die Mönche gerne über die Schulter schauen. Konchok Tsechö wird Besuchern für Fragen zur Verfügung stehen. Und auch Tashi Deldan gibt bereitwillig Auskunft. Der 31-Jährige wusste schon als Kind in Ladakh, einem Teil des indischen Bundesstaates Jammu und Kashmir, der früher zu Tibet gehörte, dass er Mönch werden wollte. Während seiner Ausbildung im Kloster Tserkarmo in Ladakh war er eines der Patenkinder von Dharmakirti. Bei einer Pilgerreise 2015 in Indien begleitete er Nonne Konchok Tsechö und versprach ihr, ihr im Heuchelheimer Zentrum als neuer Lehrer behilflich zu sein. Seit vier Jahren lebt er bereits in Heuchelheim, besucht an der Volkshochschule Deutschkurse, leitet Meditationen und buddhistische Philosophie. Ob er auf lange Sicht in Heuchelheim bleiben will? Diese Frage kann der Mönch nicht beantworten. »Wichtig ist das, was Jetzt ist. Unsere Zukunft kennen wir nicht«, sagt er voller Gelassenheit. Kein Wunder, denn ganz im Hier und Jetzt zu leben, dazu ermutigt der Buddhismus.

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