29. Oktober 2018, 09:04 Uhr

Direktmandat

Landtagswahl: Frank-Tilo Becher gewinnt Direktmandat für Wahlkreis Gießen I

Das Ergebnis für den Wahlkreis 18, der auch die Stadt Gießen umfasst, ist da: Frank-Tilo Becher von der SPD gewinnt das Rennen nach Erststimmen gegen Klaus Peter Möller von der CDU.
29. Oktober 2018, 09:04 Uhr

Landesweit ging die hessische SPD bei der Landtagswahl am Sonntag durch ein Tal der Tränen, aber für die Genossen in Gießen gab es ein Trostpflaster. Im ersten Anlauf gewann Frank-Tilo Becher das Direktmandat im Wahlkreis 18 (Gießen I) knapp vor Klaus Peter Möller (CDU) und setzte die Erfolgsserie des scheidenden SPD-Landtagsabgeordneten Gerhard Merz fort, der den Wahlkreis dreimal in Folge gewonnen hatte. »Ich bin unendlich glücklich und dankbar für mein Team. Das Erststimmen-Ergebnis zeigt, dass sich der Einsatz gelohnt hat«, sagte Becher in einer ersten Reaktion.

Allerdings blieben die beiden Kandidaten der sogenannten Volksparteien deutlich unter 30 Prozent. Becher kam auf 26 Prozent, Möller auf 24,3 Prozent. Mit über 20 Prozent hätte die Grüne Katrin Schleenbecker aus dem Zwei- fast noch einen Dreikampf gemacht. Von den restlichen fünf Kandidaten kam nur Arno Enners (AfD) mit 10,9 Prozent auf ein zweistelliges Ergebnis. Ihm folgten Francesco Arman (Linke(7,8 Prozent), Manuela Giorgis (FDP/5,1 Prozent), Diego Semmler (Freie Wähler/3,8 Prozent) und Angelo Biemer (Die Partei/1,7 Prozent).




Bei den absoluten Stimmen lag Becher, der frühere Dekan der evangelischen Kirche, gut 1000 Stimmen vor dem CDU-Landtagsabgeordneten. Der trug die Niederlage mit Fassung: »Der Wahlkreis ist für uns schwer. Ich konnte mich nicht auf das Direktmandat verlassen«, sagte der Gießener Partei- und Fraktionschef; ein Wiedereinzug über die Landesliste war von vorneherein ausgeschlossen. Den schafften wohl die Heuchelheimerin Katrin Schleenbecker von den Grünen und ganz sicher der Gießener Arno Enners von der AfD.

Der Wahlabend im Konzertsaal des Rathauses verlief chaotisch. Technische Probleme sorgten über viele Stunden für Verwirrung, was die Ergebnisermittlung im Wahlkreis 18 betraf. Erst gegen 19.40 Uhr tauchten die ersten Zahlen auf den Großbildleinwänden auf, und holprig ging es über Stunden weiter. Grund war laut der Gießener Wahlsachbearbeiterin Tabea Heipel, dass auf Weisung des Landeswahlleiters erstmals eine neue, internetgestützte Software eingesetzt werden musste. Früh am Abend indes seien die Server in Wiesbaden »zusammengebrochen«, sodass lange Zeit die Ergebnisse der Stadt Gießen mit denen aus den fünf weiteren Wahlkreis-Kommunen Heuchelheim, Wettenberg, Biebertal, Lollar und Staufenberg nicht zusammengeführt werden konnten. Erst nach 22 Uhr flutschte es dann, gegen 23 Uhr lag das vorläufige Endergebnis vor. Zu diesem Zeitpunkt waren die Kandidaten und Zaungäste der Ergebnis-Präsentation längst bei Wahlpartys ihrer Parteien oder zu Hause.

Wir haben gegen eine bundespolitische Wand geredet

MdL Gerhard Merz (SPD)

Für die meisten der Gäste war der spannendste Moment ohnehin die 18-Uhr-Prognose im Fernsehen. »Oh je«, entfuhr es dem SPD-Stadtverordneten Felix Döring, als der rote Balken bei 20 Prozent anhielt. Und als später SPD-Landeschef Thorsten Schäfer-Gümbel im HR-Fernsehen die Große Koalition in Berlin hauptverantwortlich für die schwere Niederlage machte, sagte GroKo-Kritiker Döring in den Bildschirm: »Ihr habt sie doch miteingetütet.« Später kam auch noch der hörbar geladene SPD-Landtagsabgeordnete Merz ins Rathaus. »Das ist nicht unser Ergebnis, das nehmen wir auch nicht auf unsere Kappe. Wir haben drei Wochen lang gegen eine bundespolitische Wand geredet.« Erst später besserte sich seine Stimmung, als sich der Sieg für seinen Nachfolger im Wahlkreis abzeichnete. Seine Ministerambitionen indes, die wird Merz wohl begraben müssen.

Für Aufregung sorgten rund 20 Demonstranten aus der Gießener Linksszene, die im Rathaus lautstark (»Gießen hasst die AfD«) gegen den Einzug der AfD in den Landtag demonstrierten. Hausherrin Dietlind Grabe-Bolz (SPD) sprach von einem »legitimen und von der Polizei gut begleiteten Protest«.

Kommentar

Dank Becher kein SPD-GAU

Geschichte wiederholt sich. Auch bei der vorgezogenen Landtagswahl 2009 schien der SPD-Kandidat nach Ypsilantis Wortbruch auf verlorenem Posten zu stehen, aber Gerhard Merz holte sensationell das Direktmandat im Wahlkreis Gießen I. Spätestens, als am Sonntagabend die 18-Uhr-Prognose für Hessen über die Bildschirme flimmerte, schien das Direktmandat für seinen Nachfolger Frank-Tilo Becher ebenfalls außer Reichweite. Am Ende aber ging die parteiintern nicht unumstrittene Rechnung von »TSG«, einen prominenten Kirchenmann als Quereinsteiger ins Rennen zu schicken, auf. Es ist ein Sieg auf bescheidenem Niveau – und doch bemerkenswert, wenn man die Differenz zwischen Erst- und Zweitstimmen bei der SPD sieht und das bärenstarke Ergebnis von Grünen-Kandidatin Katrin Schleenbecker berücksichtigt. Die Heuchelheimerin, die vom bundesweiten Höhenflug ihrer Partei profitiert hat und nun wohl doch über die Landesliste in den Landtag einziehen wird, ist von den Zahlen her die Gewinnerin. Aber der eigentliche Sieger heißt Frank-Tilo Becher: Nach dem Verlust des Bundestags-Mandats hat er den GAU für die Gießener SPD abgewendet. Von Burkhard Möller

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