13. Dezember 2018, 22:01 Uhr

Lischper und die Lust am Lesen

Gute Bücher lassen Leser in andere Welten eintauchen. Uwe Lischper hilft dabei, dieses Erlebnis noch ein Stück authentischer zu machen. Sein Krimifestival treibt selbst Lesemuffel in die Schlange vor den Ticketshops. Lischpers Lebensgeschichte ist wie ein gutes Buch: Sie überrascht mit spannenden Wendungen.
13. Dezember 2018, 22:01 Uhr
Uwe Lischper hat mit dem Krimifestival eine einzigartige Veranstaltungsreihe geschaffen. (Foto: Schepp)

Mensch Gießen

Jeden Tag begegnen wir Gießenern, die uns zwar vertraut sind, die wir aber nicht kennen. Das wollen wir ändern: In unserer Serie »Mensch, Gießen« wollen wir einige dieser Gießener vorstellen.

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Schreib den ersten Satz so, dass der Leser unbedingt auch den zweiten lesen will. William Faulkner hat das mal gesagt. Man könnte diese Weisheit auch auf das Vorlesen übertragen: Sorge dafür, dass deine Zuhörer an deinen Lippen hängen. »Exzellente Sprecher können das«, sagt Uwe Lischper. »Durch ihre Stimme, die Atemtechnik und die Akzentuierung können sie einer Geschichte Dramatik verleihen.« Und wenn die Suche nach dem Mörder in einem Bestattungsinstitut vorgetragen wird, kann den Zuhörern schon mal ein Schauer über den Rücken laufen. Als Vater des Gießener Krimifestivals sorgt Lischper schon seit vielen Jahren dafür, dass das Vorlesen zu einem Erlebnis wird. Der Gießener hegt bereits sein ganzes Leben eine Leidenschaft fürs Lesen. Dass er damit eines Tages sein Geld verdienen sollte, war jedoch so unvorhersehbar wie die Wendung eines guten Krimis.

Lischper ist 1952 in einem kleinen Dorf in der Lüneburger Heide auf die Welt gekommen. Doch der Umzug an die Lahn ließ nicht lange auf sich warten. »Mein Vater war Soldat. Ende der 50er ist er nach Gießen versetzt worden.« Schon lange vor dem ersten Schultag, Lischper war gerade mal vier Jahre alt, hatte er sich dank der vielen Bücher seiner vier Geschwister das Lesen selber beigebracht. Kein Wunder, dass er sich in der ersten Klasse langweilte. Während seine Mitschüler fleißig Buchstaben ausmalten, ging er in die Stadtbibliothek und lieh sich Sagengeschichten aus. Lischper muss schmunzeln, wenn er davon erzählt, wie er mit dem Finger Wort für Wort abfuhr.

Heute braucht er den Finger nur noch zum Umblättern der Seiten, die Leidenschaft fürs Lesen ist aber geblieben. »Ich habe immer gelesen, immer. Zeitungen, aber vor allem Bücher, Bücher, Bücher.« Und nicht, wie man vermuten könnte, nur Krimis. Die liest er zwar auch, vor allem aber aus beruflichen Gründen. »Wenn ich Krimis lese, geht es in meinem Hinterkopf schon los: Wo könnte man das veranstalten, wie ist der Text einsetzbar, wie zu präsentieren?« Privat bevorzugt Lischper eher Satire. Vor allem aber Reisegeschichten. Was auch daran liegt, dass er in jungen Jahren viel herumgekommen ist.

Nach seinem Abitur hat Lischper zunächst Wirtschaft studiert. »Das hat mir aber nicht gefallen. Weil die Menschen dort nicht so waren, wie man sein sollte, wenn man etwas über andere Menschen erfahren will.« Also wechselte er zu den Geisteswissenschaftlern und studierte Soziologie, Politik, Pädagogik und Psychosomatik. Zu seinem Studium gehörte auch ein längerer Auslandsaufenthalt. Lischper ging für 15 Monate nach Nigeria und arbeitete als Aufseher auf einer Baustelle. Auch Marokko bereiste er. Noch heute schwärmt der Gießener vom schwarzen Kontinent, umso mehr beschäftigt ihn die Ausweglosigkeit der Menschen und die Ausbeutung durch die Industrienationen. »Aber das ist ein anderes Thema«, sagt Lischper. Und erzählt lieber, wie er vom Soziologiestudenten zum Krimifestival-Organisator wurde.

Um ein Haar wäre aus Lischper Dr. Lischper geworden. Nach seiner Magisterarbeit wollte er eigentlich promovieren. »Damals verdiente ich mein Geld als Taxifahrer. Als ich dann mit der Doktorarbeit angefangen habe, kam meine Tochter auf die Welt. Und dann wurde das Geld knapp.« Und so absolvierte der Gießener eine Zusatzausbildung zum PR-Berater. Zunächst arbeitete er in einer Agentur im Taunus. Doch dann besuchte er das Krimifestival in Marburg. »Ich war so angetan, dass ich mit dem Marburger Veranstalter im nächsten Jahr auch Lesungen in Gießen angeboten habe. Im darauf folgenden Jahr habe ich mich selbstständig gemacht und für Gießen ein eigenes Krimifestival organisiert.« Das war 2004. Und der Beginn einer Erfolgsgeschichte.

Lischper hat schon Lesungen in Waschstraßen veranstaltet, in den Räumen der Druckerei dieser Zeitung, in Unterführungen, Werkstätten oder Ausnüchterungszellen. Solch außergewöhnliche Orte hätten gleich zwei Pluspunkte: »Ein spannender Veranstaltungsort hat eine besondere Anziehungskraft. Es kommen mehr Besucher.« Aber auch die Lesung an sich profitiert. Wenn die Zuhörer in einer Sattlerei sitzen und der Geruch von Leder oder Schmierfett in der Luft liegt, werden mehr Sinne befeuert als beim Lesen auf dem eigenen Sofa. Und wenn die Gäste beim Betreten des Saales zunächst an einer Reihe Särge vorbei schreiten müssen, ist der noch eine Stufe authentischer.

Der Erfolg der Veranstaltungen steht und fällt aber immer noch mit den Vorlesern, sagt Lischper. Dass es inzwischen viele Wiederholungstäter gibt, hat sicherlich auch mit Lischpers Art der Betreuung zu tun. »Neun von zehn Lesern hole ich am Bahnhof ab. Und damit sie eine Verbindung zur Stadt Gießen bekommen, zeige ich ihnen zum Beispiel das Mathematikum, das Elefantenklo oder das Stadttheater.« Um die ein oder andere Bausünde der Stadt besser einordnen zu können, erzählt Lischper den Gästen auch oft von den dramatischen Geschehnissen aus der Bombennacht vom 6. Dezember 1944.

Der Mensch hat ein Bedürfnis nach dem Unbekannten, Bösen, dem Fremden und Morbiden. Deswegen werden Crime-Stories auf den Internetseiten der Zeitungen mit Abstand am häufigsten geklickt, deswegen schalten jeden Sonntag Millionen Menschen den Tatort an. Und das ist auch der Grund, warum Kriminalromane die mit Abstand erfolgreichste Gattung der Belletristik sind. Krimis bieten den Lesern die Möglichkeit, auf Verbrecherjagd zu gehen – ohne sich dabei selbst in Gefahr zu begeben. Nimmt man noch die speziellen Vorlesungsorte und die Wahl der hochkarätigen Vorleser hinzu, ist es kaum verwunderlich, dass es Lischper schafft, jedes Jahr lange Schlangen vor den Vorverkaufsstellen zu produzieren.

Nein, campiert hat vor den Ticketshops noch niemand. Trotzdem könnte man an den Tagen des Verkaufsstarts denken, die neueste Generation des iPhones würde hier verschenkt. Wobei sich Lischper für ein Telefon niemals in eine Schlange stellen würde. Man kann es sich kaum vorstellen, aber der Mann, der neben den Krimifestivals in Gießen und Fulda auch »Einer liest...« veranstaltet, im Literarischen Zentrum Gießen aktiv ist und obendrein Veranstalter der Bilderbuchtage ist – wobei er sich bei diesem Format aus Zeitgründen zurückziehen will –, besitzt kein Handy. »Das würde mich nur vom Arbeiten abhalten.« Auch bei den Lesungen stört es ihn immens, wenn die Besucher auf dem Display herumwischen. »Nicht nur wegen der Helligkeit. So geht auch die Aufmerksamkeit verloren.«

Smartphones können aber auch Aufmerksamkeit erzeugen. Das ist auch der Grund, warum Lischper seit einem guten Jahr immer häufiger auf das Display seiner Ehefrau schaut. Nämlich dann, wenn seine Tochter Fotos und Videos von der Enkeltochter verschickt. »Das 13 Monate alte Kind hat schon jetzt eine Affinität zu Büchern«, sagt Lischper. Er lächelt dabei.

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