01. August 2019, 21:34 Uhr

»Live lernt man Songs neu kennen«

Niels Kristian Hansen ist mit seiner Band Revolverheld einer der Haupt-Acts des Gießener Kultursommers. Im Interview erzählt der Gitarrist, warum er sich ganz besonders auf den Open-Air-Auftritt auf dem Schiffenberg freut und warum die Musiker nach so vielen Jahren im Geschäft noch immer gute Freunde sind.
01. August 2019, 21:34 Uhr

Revolverheld scheint mit dem neuen Album »Zimmer mit Blick« in den Texten politischer geworden zu sein. Es geht auch um Klimaschutz, das Hinschauen statt Wegsehen und nicht mehr nur um persönliche Befindlichkeiten: Wie kommt das?

Niels Kristian Hansen: Es ist wohl eine normale Entwicklung. Wenn man älter wird und das Leben so voranschreitet, hat man andere Themen als in seiner Sturm-und-Drang-Phase mit Anfang Zwanzig. Wenn man vielleicht auch Familie hat und sich überlegt, welche Welt wir der Generation nach uns überlassen wollen. Das geht wohl vielen Leuten so, die wie wir auf die 40 zugehen.

Man zieht dann eine erste Bilanz des Lebens und das Thema Verantwortung übernehmen, rückt in den Fokus?

Hansen: Richtig. Mittlerweile haben zwei der Band-Mitglieder Kinder. Und da ist das mit der Verantwortung eben noch mal eine ganz andere Geschichte.

Und zugleich befindet man sich in einer Zeit des Umbruchs. Stichwort: Trennungen. Das schlägt sich auch in der Musik nieder. Ist es einfacher, traurige Liebeslieder zu spielen als fröhliche? Die klingen doch sehr schnell wie Schlager?

Hansen: Das kann man nicht pauschal sagen. Es spiegelt wider, was man erlebt oder hört und was sich eben auch im Songwriting abbildet. Wir sind viel unterwegs, kommen entsprechend rum und treffen viele Menschen, haben Freunde in verschiedenen Städten - und da hört und erlebt man so vieles, dass immer mal wieder Ideen aufpoppen, was man in einem Song bearbeiten kann. Entsprechend groß ist auch unsere Bandbreite.

Was ist denn Ihr Lieblingssong auf der neuen Platte?

Hansen: Das wechselt tatsächlich. Ich bin immer stark von den Live-Konzerten inspiriert. Das ist eine ganz besondere Atmosphäre und man lernt Songs ganz anders kennen. Bei unserer Arena-Tour haben wir zum ersten Mal »Unsere Geschichte ist erzählt« gespielt. Ich finde den Text, den Johannes geschrieben hat, unglaublich auf den Punkt. Der löst bei mir extrem etwas aus, berührt mich sehr.

In diesem Sommer lief »Liebe auf Distanz« quasi in Dauerschleife im Radio. Weiß man als Musiker, wenn ein Song ein echter Ohrwurm und Erfolg werden wird?

Hansen: Wir haben natürlich auch schon beim Songwriting unsere Ohrwürmer: Wenn wir ins Studio gehen und die Sachen aufnehmen, gibt es immer auch Songs, die als Ohrwurm kleben bleiben. Aber so richtig planen lässt sich ein Erfolg nicht. Wir hatten auch schon Titel, die wir veröffentlicht haben und dachten, das wird ein Riesenohrwurm - und es ist nicht wirklich etwas geworden. Andererseits haben uns auch Songs überrascht, etwa wenn man bei Live-Konzerten merkt, dass etwas Besonders gut ankommt. Planbar ist das alles nicht. Aber natürlich haben wir eine Tendenz bei der Einschätzung, wenn wir die Songs schreiben.

Revolverheld macht immer wieder durch solche besonderen Duette von sich reden. Ist bei solchen Konstellationen in der Regel erst die Musik da und dann wird die passende Sängerin gesucht, oder ist das eher umgekehrt der Fall?

Hansen: Das kann man nicht pauschal sagen. Mit Antje Schomaker und »Liebe auf Distanz« hatten wir zuerst den Song. Wir standen zunächst unter Druck, das Album fertigzubekommen. Als wir uns dann noch mal in Ruhe mit ihm auseinandergesetzt haben, ist ihr Name ganz schnell aufgetaucht. Wir kennen sie schon lange, finden, dass sie eine ganz tolle Künstlerin ist, und sie wohnt wie wir in Hamburg. Wir haben sie angerufen und sie hatte Lust drauf.

Es gibt jede Menge erfolgreiche Deutsch-Pop-Bands und Sänger. Wie schwierig ist es, sich da mit einem Alleinstellungsmerkmal, als »Marke«, zu behaupten?

Hansen: Diese Gedanken machen wir uns nicht. Als wir angefangen haben, war die deutschsprachige Landschaft eben noch nicht so vielfältig. Da bekamen wir eher Gegenwind. Viele Plattenfirmen fanden, dass es mit deutschen Texten schwierig ist und wir schnell in die Schlagerecke kommen könnten. Mittlerweile finde ich es extrem gut, dass die deutsche Sprache, die ja unsere Muttersprache ist, für Bands normal geworden ist und es eine große Bandbreite quer durch alle Genres gibt. Man muss einfach seinen eigenen Weg gehen.

Wenn Sie alleine im Auto unterwegs sind und Musik hören. Was läuft da im Radio oder CD-Spieler?

Hansen: Das ist ganz unterschiedlich. Wenn wir gerade an etwas arbeiten, laufen die Rough-Mixes und ich höre immer wieder rein. Zwischendrin spiele ich Musik von verschiedenen Playlisten ab, querbeet, je nach Stimmung. Wenn ich es ruhig mag, gerne Singer-Songwriter-Sachen, ansonsten Gitarristen wie John Mayer oder Bluesiges von Joe Bonamassa.

Aktuell kocht die Diskussion über das Urheberrecht und Artikel 13 hoch. Wie stehen Sie als betroffener Musiker dazu?

Hansen: Das muss man differenziert betrachten. Ich finde es grundsätzlich gut, dass man sich endlich mal an das Thema herangewagt hat. Bei aller öffentlicher Kritik ist es nun einmal so, dass große Konzerne wie Google oder YouTube ihr Geschäftsmodell teilweise so aufgebaut haben, dass sie urheberrechtliche Sachen verwenden und damit Geld verdienen, ohne dass beim Urheber etwas ankommt. Insofern war es an der Zeit, da etwas zu unternehmen. Jetzt ist erst mal eine Verpflichtung aufgekommen. Doch wie das umgesetzt wird, muss man abwarten. Der Feinschliff muss noch gemacht werden. Unternehmen und Politik sind gefragt, eine akzeptable Lösung zu finden. Da bin ich gespannt.

Revolverheld sind seit 16 Jahren im Geschäft. Geht man sich als Band-Mitglieder nicht auch mal gewaltig auf den Keks? Oder ist da immer noch so eine Art Klassenfahrtgefühl?

Hansen: Es ist tatsächlich immer noch so eine Art Klassenfahrtgefühl. Das liegt aber auch daran, dass wir uns damals als Freunde zum Musikmachen zusammengetan haben und diese Freundschaft ist nie abgerissen. Sie ist sogar immer intensiver und besser geworden. Wir haben uns über die Jahre so gut kennengelernt. Und wenn es mal Dinge gibt, die einen stören, hilft Kommunikation. Das hat über die Jahre gut funktioniert und wir sind gerne miteinander unterwegs. Wir betrachten das als ein großes Privileg. Wie toll ist das denn, dass man sein Hobby als Beruf machen kann?! Dafür sind wir sehr dankbar.

Gibt es vor Konzerten ein bestimmtes Ritual zur Einstimmung?

Hansen: Wir haben kein Spektakuläres. Aber ein Ritual gibt es. Wir machen so eine Art Fußballerrunde. Wir fassen uns an den Schultern und sprechen uns gegenseitig Mut zu. Wenn das nicht passiert, sind wir abergläubisch und denken, dass die Show nicht gut werden kann.

Revolverheld waren 2008 im Rahmen der Chaostheorie-Tour in den Gießener Hessenhallen. Haben Sie noch irgendwelche Erinnerungen an das Konzert oder andere Verbindungen zu Gießen?

Hansen: Ich erinnere mich noch daran. Aber mit Gießen verbinde ich zuerst die Band Juli. Ich habe mir die Kultursommer-Location auf dem Schiffenberg mal angeschaut. Das sieht wunderschön aus. Da freue ich mich ganz besonders drauf. Das wird sicher ein prägendes Erlebnis. Solche Locations hat man schließlich nicht häufig. Wir freuen uns ganz besonders auf diesen Sommer.

Der Gießener Kultursommer ist open air. Spielen Sie lieber unter freiem Himmel oder in Hallen oder Clubs?

Hansen: Open air bei gutem Wetter, die Sonne geht unter, die Leute sind gut drauf, haben ein Getränk in der Hand, freuen sich auf ein cooles Konzert - das ist die perfekte Kombination. (Foto: B. Schnermann)



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