26. Februar 2019, 09:18 Uhr

Otto und Hermes

Logistikzentrum in Gießen: »Prekäre« Arbeitsbedingungen bei Otto-Tochter Hermes?

Verdi-Chef Bsirske bestätigt indirekt die Linken-Kritik im Gießener Stadtparlament an der geplanten Ansiedlung des Otto-Logistikzentrums. Im Mittelpunkt steht die Konzerntochter Hermes.
26. Februar 2019, 09:18 Uhr
Transporter des Paketdiensts Hermes, der wegen der Arbeitsbedingungen für seine Boten in der Kritik steht. (Foto: dpa)

Freie-Wähler-Fraktionschef Heiner Geißler regte sich über eine »üble Beleidigung« des Investors Otto auf, sein Pendant von den Grünen, Klaus Dieter Grothe, verwies auf andere Branchen und die SPD ging auf das Thema erst gar nicht ein. Allein auf weiter Flur stand am vergangenen Donnerstagabend im Stadtparlament Matthias Riedl, Fraktionsvorsitzender der Gießener Linken, mit seiner heftig vorgetragenen Kritik an den »prekären« Arbeitsbedingungen in der Logistikbranche und insbesondere beim Paketzusteller Hermes, der zum Otto-Konzern gehört und in drei Jahren den Warenumschlag des geplanten »Logistikzentrums Gießen« umsetzen soll.

36 Stunden, nachdem das Stadtparlement auch mit den Stimmen der Linksfraktion grünes Licht für die riesige Ansiedlung gegeben hatte, durfte sich Riedl in seiner Kritik bestätigt fühlen. Kein Geringerer als Verdi-Chef Frank Bsirske sorgte mit Aussagen zu den Arbeitsbedingungen bei den Paketdiensten für Schlagzeilen. In einem Interview sprach Bsirske von »teils mafiösen Strukturen« und nannte in diesem Zusammenhang das Unternehmen Hermes. »Unternehmen wie Hermes engagieren Firmen, die wiederum andere Firmen beauftragen, die dann Menschen aus der Ukraine, aus Moldawien oder aus Weißrussland in die Lieferfahrzeuge setzen«, sagte Bsirske und sprach von Stundenlöhnen in Höhe von 4,40 oder sechs Euro.

 

Mindestlohn soll steigen

Hermes, eine 100-prozentige Otto-Tochter, widersprach noch am Wochenende der Darstellung des Verdi-Vorsitzenden und betonte, dass sich das Unternehmen von seinen Servicepartnern zusichern lasse, dass die sich »vollumfänglich an die gesetzlichen Vorgaben – insbesondere die Verpflichtung zur Zahlung des gesetzlichen Mindestlohns – halten«, heißt es in einer Stellungnahme. Hermes zahlt gegenwärtig 9.50 Euro, will den Mindestlohn in diesem Jahr auf zehn Euro und laut der Stellungnahme »perspektivisch auf mindestens 12 Euro« anheben.

Bei der Debatte im Stadtparlament ging es um den Entwurf des Bebauungsplans »Alter Flughafen III« und die Besiedlung des früheren AAFES-Areals mit einem Logistikzentrum. In der Antragsbegründung des Magistrats heißt es: »Das Verteilzentrum wird eine mittlere Position im Warenumschlag-Prozess der Firma Hermes einnehmen.«

Grünen-Fraktionschef Klaus Dieter Grothe verwies auf andere Branchen wie die Gastronomie und Minicar-Unternehmen, wo es ebenfalls prekäre Beschäftigung gebe. Es köne aber nicht die Aufgabe eines Kommunalparlaments sein, diese Missstände zu beheben. Mit Otto habe man jedenfalls einen »verhältnismäßig sozialen« Investor für das AAFES-Gelände gefunden. Linken-Fraktionschef Riedl hatte zuvor darauf verwiesen, dass Hermes wiederholt in Berichten über miserable Arbeitsbedingungen genannt worden sei. »Hermes kommt da immer wieder vor«, sagte Riedl.

 

Razzia in Logistikzentrum

So hatte zum Beispiel der Zoll im August vergangenen Jahres im Hermes-Logistikzentrum Langenhagen bei Hannover eine Razzia bei einem Subunternehmen von Hermes durchgeführt. Verdacht: Illegale Beschäftigung osteuropäischer Kurierfahrer sowie Unterschlagung von Sozialversicherungsbeiträgen. Die Hannoversche Allgemeine berichtete: »Zollbeamte überprüften mehr als 60 Fahrer. Von den Männern aus Litauen, Weißrussland, Rumänien, Bulgarien und der Ukraine waren nur 14 ordnungsgemäß angemeldet. Bei 16 Litauern besteht der Verdacht der Scheinselbstständigkeit. Zwei Weißrussen und 31 Ukrainer hielten sich illegal in Deutschland auf.«

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