24. August 2019, 10:00 Uhr

Lützellinden: Ein Dorf macht mobil

In Lützellinden formiert sich massiver Widerstand gegen die Pläne der Stadt, ein weiteres Gewerbegebiet am Dorfrand zu entwickeln. Zu einer Bürgerversammlung strömen über 300 Bewohner.
24. August 2019, 10:00 Uhr
Überfüllter Gemeindesaal. (Fotos: mö)

Am evangelischen Gemeindehaus in Lützellinden ist es am Donnerstag um kurz vor 20 Uhr schwer, zwischen den vielen Fahrrädern noch einen Parkplatz für das eigene zu finden. Aus allen Wohnstraßen strömen Fußgänger Richtung Hörnsheimer Straße, im Dorfkern herrscht ein »kleines Verkehrschaos«, wie Ortsbeiratsmitglied Michael Borke bemerkt. Schätzungsweise gut 300 Lützellindener drängen sich im brechend vollen Gemeindesaal, etliche sitzen draußen vor den offenen Türen auf herbeigeschafften Bänken. Das ist etwa so, als würden zu einer Versammlung in der Gesamtstadt Gießen knapp 10 000 Menschen kommen.

Es ist der knapp zehn Jahre alte und nun reaktivierte Plan des Magistrats, auf der Westseite der Rheinfelser Straße ein weiteres, 30 bis 40 Hektar großes Gewerbegebiet zu entwickeln, der die Dorfgemeinschaft mobilisiert hat. Zu der Versammlung hat Ortsvorsteher Markus Sames geladen. Der Landwirt gehört der CDU an, aber Parteizugehörigkeiten spielen in Lützellinden momentan keine Rolle. Zwischen die drei Fraktionen im Ortsbeirat passt in der Frage »Gewerbepark Lützellinden« kein Blatt Papier. Sames freut sich nicht nur über den riesigen Zuspruch, sondern auch über die vielen Jüngeren im Saal: »Es geht um eure Zukunft.«

»Es geht um eure Zukunft«

Auf dem Podium sitzt sein Vorgänger Hugo Görlach, ein Urgestein der Ortspolitik, der seit den 1970er Jahren miterlebt hat, wie Gewerbegebietsplanungen für die weiten Felder im Südwesten des Dorfs kamen und gingen. »Die Begehrlichkeiten gab es immer«, erzählt der frühere CDU-Stadtverordnete. Er erinnert er an die hochfliegenden Pläne des SPD-Oberbürgermeisters Manfred Mutz, der sich um die Jahrtausendwende mit der »Großgewerbefläche Lützellinden« um den Bau eines BMW-Werks bewarb. Angesichts solcher Riesenplanungen hatten die Lützellindener schließlich zugestimmt, dass auf der Ostseite der Rheinfelser Straße auf gut 30 Hektar das Gebiet Rechtenbacher Hohl entsteht. »Das war unser Beitrag für die Gewerbeflächenentwicklung der Stadt Gießen. Der jetzt geplante Sprung über die Landesstraße ist vielen von uns unheimlich«, sagt Görlach und macht eine Rechnung auf: 30 Hektar plus 40 macht 70 Hektar Gewerbegebiet. So groß sei die gesamte Wohnfläche von Lützellinden. »Ein solch ungesundes Verhältnis gibt es nirgends im Kreis Gießen.«

SPD-Ortsbeiratsmitglied Borke bringt die Versammelten auf den Stand der Dinge: Im Regionalplan Mittelhessen seien 135 Hektar Lützellindener Gemarkung als Vorrangfläche Industrie und Gewerbe ausgewiesen, von denen die Stadt nun die ersten 40 anpacken wolle, weil die Gewerbeflächen in Gießen knapp geworden seien. Die 2010 vom Stadtparlament begonnene Bebauungsplanung werde jetzt wieder aufgegriffen. Borke kritisiert den Verbrauch von Natur und Landschaft als klimaschädlichen »Flächenfraß«.

Zwei Stunden lang folgt vom Podium ein Argument nach dem anderen gegen das Vorhaben. Ex-Ortsbeiratsmitglied Dr. Reiner Hofmann hat zum Gebiet Rechtenbacher Hohl recherchiert und kommt zum Ergebnis: Viele große Hallen, aber nur ganz wenige der versprochenen »hochwertigen« Arbeitsplätze. Ansiedlungspolitisch sei das eine »ganz schwache Leistung« der Stadt.

Gute Böden trotzen Klimawandel

Bodenkundler Prof. Jan Siemens von der Justus-Liebig-Universität spannt einen großen Bogen von der Lage der Welternährung zur Situation vor Ort. Die Äcker bei Lützellinden seien mit die wertvollsten in Hessen. Der Löß sei tiefgründig und speichere Wasser gut. Siemens: »Das sind Böden, die auch in den Zeiten des Klimawandels stabile Erträge liefern können«.

Zum Schluss zählt Wolfang Turba vom örtlichen Naturschutzbund (Nabu) die »Leitarten im Zielgebiet« auf, darunter auch bedrohte wie Steinkauz, Feldlerche und Rebhuhn. »Jeden Tag sterben x Arten aus, nicht nur am Amazonas, sondern auch vor unserer Tür«, sagt Turba.

Im Saal herrscht große Einigkeit. Die Frage, wie es weitergeht, beantwortet Sames. Nächster Schritt soll die Gründung einer Bürgerinitiative am 12. September sein. Ortsbeiratsmitglied Elke Koch-Michel (Bürger für Lützellinden) wird sich um das Thema Bürgerantrag kümmern, eine Homepage geht demnächst online.

Der Ortsbeirat wird sich am kommenden Donnerstag, 20 Uhr, mit dem Thema befassen und erwartet, dass der Magistrat Stellung bezieht. Ob der Platz im Sitzungssaal im Backhaus ausreicht, ist fraglich.

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