24. März 2019, 14:00 Uhr

Hein-Heckroth-Preis

Manuel Gerst erhält den Förderpreis

Die neue Hein-Heckroth-Preisträgerin Katrin Brack hat ihn vorgeschlagen: Manuel Gerst wird im April den Bühnenbild-Förderpreis überreicht bekommen. In Gießen ist er ein alter Bekannter.
24. März 2019, 14:00 Uhr

So schließen sich Kreise. Karl-Ernst Hermann war der zweite Preisträger des Hein Heckroth-Bühnenbildpreises 2005. Seine einstige Assistentin am Schauspielhaus Bochum Mitte der 80er Jahre, Katrin Brack, ist in diesem Jahr Preisträgerin. Und ihr satzungsgemäßer Vorschlag für den Heckroth-Förderpreis bringt einen aus der sogenannten »Gießener Schule« zur Preisverleihung ins Stadttheater, den Performer und Bühnenbildner Manuel Gerst. Er ist Mitbegründer und Motor der Gruppe Monster Truck, die 2005 in Gießen gegründet wurde.

Das Institut für Angewandte Theaterwissenschaften (ATW) gilt seit seiner Anfangszeit unter dem kürzlich verstorbenen Andrzej Wirth als Talentschmiede. Einige Abgänger haben es in der Theaterszene zu großer Bekanntheit gebracht, etwa der Regisseur René Pollesch. Erstaunlich viele Gruppen sind darunter, wie die erst kürzlich geehrten She-She-Pop oder das reaktivierte Rimini Protokoll, vor Jahren sorgte Gob Squad für Furore und Monster Truck erhielt spätestens ab 2010, mit ihrem »Comeback« genannten Stück im Frankfurter Mousonturm, gebührende Aufmerksamkeit. In ihren Anfangsjahren traten sie in Gießen beim ATW-Diskurs-Festival und Veranstaltungen der freien Theaterszene auf, waren vorwiegend Insidern bekannt.

 

In Gießen ATW studiert

 

Das freie Theaterkollektiv Monster Truck macht seinen Weg, in wechselnder Besetzung. Manuel Gerst und Sahar Rahimi sind fast kontinuierlich dabei. Sie befassen sich »mit Bildern, Räumen und Strukturen, die das gesellschaftliche Unbewusste ebenso prägen wie das vermeintliche Bewusstsein. In der Dekonstruktion solcher Mechanismen und Repräsentationen treffen Science-Fiction-Sets auf vergangene Epochen, Hollywood-Blockbuster-Ästhetiken auf die Schausteller-Praxis des 19. Jahrhunderts, Kunst-Konventionen auf Naturkunde, Politik und Entertainment.« Sie inszenierten das provozierende Stück »Dschingis Khan« mit Behinderten (Down-Syndrom) vom inklusiven Theater Thikwa. Manuel Gerst selbst hat eine seltene Genkrankheit, das TAR-Syndrom, wodurch seine Unterarme verkürzt sind. Was er in diesem Stück sichtbar werden lässt, als bittere Satire auf das Schönreden in Inklusionstheatern.

 

Mitbegründer von »Monster Truck«

 

Seit 2013 agieren die Monster Trucker nicht mehr selbst auf der Bühne, sondern inszenieren mit anderen. Die Aufgabenteilung beschrieb Gerst vor gut einem Jahr in einem Zeitungsinterview so: »Seit 2013 beschränken wir uns auf Konzept, Ausstattung, Musik und Regie. Die Ausführung erarbeiten wir jeweils mit Schauspielern vor Ort.« Gerst wird als Spezialist für Gesamtkonzept und Text bezeichnet, das Bühnenbild wird gemeinsam entwickelt. Demnächst erarbeitet das Kollektiv das Stück »Marat/Sade« von Peter Weiss am Schauspielhaus Bochum, Premiere ist am 29. Juni. Es ist ihre erste Inszenierung mit einem deutschen Stadttheaterensemble.

Manuel Gerst wurde 1979 in Edenkoben geboren, absolvierte ein Semester an der Freien Kunstschule in Herxheim (1999), schloss sich dann der Theatergruppe »Die freundlichen Egoisten« in Berlin an. 2003 nahm er sein ATW-Studium an der Universität Gießen bei Prof. Heiner Goebbels auf und schloss 2008 mit dem Bachelor ab. Diverse Bühnenarbeiten mit Monster Truck folgten, bis er 2011 in Basel zum ersten Mal solo als Bühnenbildner arbeitete. Das freie Projekt »Let’s pretend to be human« (Regie: Marcel Schwald) gastierte sogar beim Beijing Festival in China.

Seine Intention beschreibt Gerst so: »Mir ist wichtig, dass das Bühnenbild den Raum strukturiert und verändert.« Als Beispiel nennt er »Enfants terribles«, wo ein fünfzackiger Stern, aus Zwiebacken gelegt, mit der Zeit von den Spielern zertrampelt wird, so dass am Ende nur noch Zwiebackstaub übrig ist.

Er entdeckte die Arbeit von Katrin Brack und fand ihren Ansatz so spannend, dass er 2012 ein Zweitstudium an der Kunstakademie München begann, wo Katrin Brack Bühnenbild und Kostüm lehrt. Im Februar 2017 findet man ihn in der Gruppenausstellung der Diplomabgänger. Derzeit ist er am Theater Aachen zuständig für die Ausstattung von »Die Verwandlung« nach Kafka, Premiere ist am 13. April, also eine Woche nach der Preisverleihung in Gießen.

Die Verleihung der Hein-Heckroth-Bühnenbildpreise erfolgt am 7. April um 11 Uhr im Stadttheater. Es ist eine öffentliche Veranstaltung, Eintritt wird nicht erhoben.

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