18. Juli 2013, 22:28 Uhr

Masernimpfung oft später als empfohlen

Gießen (kw). In Stadt und Kreis Gießen werden 96 Prozent der Kinder mindestens einmal gegen Masern geimpft, 92 Prozent zweimal – viele von ihnen allerdings später als empfohlen. An diesen Quoten hat sich in den vergangenen Jahren nicht viel geändert.
18. Juli 2013, 22:28 Uhr
Nur 59 Prozent der Kinder in Stadt und Kreis Gießen erhalten vor dem zweiten Geburtstag zwei Masernimpfungen. (Foto: dpa)

Das geht hervor aus dem gestern vorgestellten bundesweiten »Versorgungsatlas« der Kassenärzte sowie den offiziellen Daten. Die Zahl der Impfskeptiker oder -gegner scheine sich kaum zu verändern, sagt Dr. Jörg Bremer, stellvertretender Leiter des Geundheitsamts.

Der Versorgungsatlas hat deutlich niedrigere Impfquoten ermittelt. Demnach erhalten im Kreis Gießen 84 Prozent der Kinder die erste Impfung und sogar nur 59 Prozent die zweite. Die Zahlen seien so unterschiedlich, weil verschiedene Zeiträume erfasst wurden, erklärte auf Anfrage Barbara Ritzert für das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung. Dessen Studie erfasste die Kinder nur bis zum Alter von zwei Jahren. Das Gesundheitsamt ermittelt die Quoten anhand der Impfausweise bei der Schuleingangsuntersuchung, in der Regel bei Fünfjährigen.

Wahrscheinlich würden also viele Kinder später immunisiert, als es die ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt, erläuterte Bremer im Gespräch mit der Gießener Allgemeinen Zeitung. Eigentlich soll die erste Impfung im Alter zwischen 11 und 14 Monaten – bei Kita-Besuch schon ab 9 Monaten – erfolgen und die zweite zwischen 15 und 23 Monaten. Dies sei auch sinnvoll, denn gerade kleine Kinder seien besonders gefährdet. Der einzige Masernfall im Kreis Gießen der letzten Jahre betraf 2011 ein Baby im ersten Lebensjahr.

Ein einziger Fall seit 2009 bei einer Krankheit, die bis in die siebziger Jahre sehr viele Kinder hatten – sind die Masern überhaupt so ein großes Problem? »Wir halten sie für eine sehr ernstzunehmende Infektionskrankheit«, betont Bremer. Nicht nur der unmittelbare Verlauf könne schwer sein, möglich seien auch gravierende Spätfolgen. Vor Kurzem haben Forscher der Universität Würzburg bekanntgegeben, dass die Gehirnentzündung subakute sklerosierende Panenzephalitis (SSPE) häufiger als Folge von Masern auftritt als bisher angenommen. Bremer selbst war vor acht Jahren beteiligt an der Aufklärung eines Todesfalls bei einer Jugendlichen aus dem Wetteraukreis. Auch da war eine Maserninfektion die Ursache.

Die Risiken der Impfung seien »extrem gering«, die der Erkrankung ungleich höher, so Bremers Fazit. Es gebe aber einige Impfgegner, die sich davon nicht überzeugen ließen. Sie seien häufig Anhänger der Waldorfpädagogik – fast alle größeren Masernausbrüche der letzten Jahre in Deutschland gab es an entsprechenden Kindergärten oder Schulen. Im Kreis Gießen gebe es auch einen Kinderarzt, der die Impfung skeptisch sehe. Zwar dürfe er nicht direkt davon abraten, aber wenn Eltern Bedenken hätten, bestärke er sie darin eher. Das Gesundheitsamt könne das an den Impfquoten erkennen. Mit diesem Arzt »diskutieren wir«, so Bremer. Denn so lange nicht 95 Prozent der Bevölkerung zweimal geimpft sind, könne man die Masern nicht ausrotten. Eine Impfpflicht lehne er persönlich aber ab: »Wir sind ein freies Land.«

Laut Versorgungsatlas sind die Impfquoten dort eher gering, wo besonders viele gut ausgebildete Frauen leben. Das könnte erklären, dass die »Durchimpfung« rund um die Hochschulstadt Gießen nicht ganz so hoch ist wie in den Nachbarkreisen. Insgesamt scheine die Impfskepsis anzusteigen, so die Untersuchung. Hartnäckig halte sich zum Beispiel die längst widerlegte Behauptung, die Masernimpfung könne Autismus auslösen. Solcher Vorbehalte seien auch ein Grund dafür, dass viele Eltern die Impfung hinauszögerten.



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