03. November 2018, 09:00 Uhr

Stadt Gießen

Menschliche Intensivmedizin im St. Josefs Krankenhaus Gießen

Auf Intensivstationen hat man erkannt, wie wichtig neben der »Apparatemedizin« die menschliche Zuwendung ist. Das Team des St. Josefs Krankenhauses erklärt, was das in der Praxis heißt.
03. November 2018, 09:00 Uhr
Notfall-Simulation an einer Puppe: Bei Oberarzt Ulrich Dessureault und sein Team sitzt jeder Griff. (Foto: pm)

Es ist schon über 30 Jahre her, doch noch heute hat die 85-Jährige manchmal Albträume: Sie wähnt sich im Krankenhaus. Auf der Intensivstation. Niemand ist bei ihr. Die Geräte neben ihrem Bett piepsen. Der Tag-Nacht-Rhythmus ist aufgehoben. Morgens schimpft die Schwester, weil die schwerstkranke Patientin ihre Körperfunktionen nicht kontrollieren kann und ins Bett gemacht hat. »Diese Wochen waren die schlimmsten meines Lebens«, sagt die alte Dame. »Ich hoffe sehr, dass so etwas der Vergangenheit angehört«.

Sie war kürzlich der Einladung des St. Josefs Krankenhauses Balserische Stiftung gefolgt, die Arbeit auf der neu installierten Station kennen zu lernen. Oberarzt Ulrich Dessureault war dankbar für den Bericht der Besucherin. »Das zeigt anschaulich, wie es einmal war und wie es auf keinen Fall sein darf«. Heute stehe der Patient im Vordergrund, der Mensch mit seinen Ängsten und seinem Willen. Noch vor einigen Jahren habe dieser in der Intensivmedizin eine untergeordnete Rolle spielt: Getan wurde alles, was Medizin und Hightech-Geräte ermöglichten. Das hat unter anderem für die große Angst vor der »Apparatemedizin« gesorgt: Viele Menschen fürchten sich davor, ihr hilflos ausgeliefert zu sein.

Niemand muss heute mehr Angst vor der Apparatemedizin haben

Ulrich Dessureault, Oberarzt

Heute sei das anders, betont auch Chefärztin Dr. Cordula Thörmer. Durch die Kommunikation mit Patienten und Angehörigen suche man gemeinsam nach dem richtigen Weg; Transparenz sei eine wichtige Voraussetzung für Vertrauen. Familie und Partner spielten eine besonders große Rolle, wenn der Patient sich nicht mehr äußern könne. »Die Zeiten, in denen über den Kopf der Patienten hinweg entschieden wird, sind vorbei«. Das gelte auch für das Lebensende. »Wir tun alles zum Wohle des Patienten und respektieren den Tod, wenn er unausweichlich ist«, sagt Thörmer.

Das St. Josefs Krankenhaus hat erst seit Anfang dieses Jahres eine Intensivstation. Daran erinnerte Chefarzt Dr. Ahmet Akinci. Bisher hatte man eine Intermediate Care Station, auf der Patienten nach einer Operation überwacht wurden und besondere Pflege erhielten. Eine intensive, auch längerfristige Versorgung schwerstkranker Patienten war jedoch nicht möglich, so dass diese stets in ein anderes Krankenhaus verlegt werden mussten. »Eine unhaltbare Situation, die wir schon lange ändern wollten.« Für ein Krankenhaus, das sich auch an der Notfallversorgung in der Region beteiligen will, war die Einrichtung der Intensivstation unerlässlich.

Nach gründlicher Vorbereitung und Schulung hat das Team im Januar seine Arbeit aufgenommen. Es stehen acht Betten zur Verfügung, es gibt drei Krankenschwestern bzw. Pfleger pro Schicht, so dass keiner mehr als 2,5 Patienten zu versorgen hat, schildert die Stationsleiterin Isabel Hanis-Heyer. Auf Normalstationen liegt das Verhältnis (je nach Krankenhaus) bei etwa 1:20. Zudem ist immer ein Arzt präsent. Auch die Stationsleiterin hebt die Bedeutung der Angehörigen hervor: »Besucher sind bei uns kein Störfaktor, sondern sehr willkommen, da sie zur emotionalen Stabilisierung beitragen«. Die offenen Besuchszeiten haben sich in den ersten Monaten bereits sehr bewährt. Die Familie wird ermutigt, sich von piepsenden Geräten, von Schläuchen und blinkenden Monitoren nicht abschrecken zu lassen.

Bei uns sind Angehörige kein Störfaktor, sondern sehr willkommen

I. Hanis-Heyer, Stationsleiterin

Partner oder Kinder können dennoch nah beim Patienten sein. Sie dürfen ihn streicheln, beim Essen oder bei der Körperpflege unterstützen, seine Lieblingsmusik mitbringen oder vorlesen. In Absprache mit dem Pflegepersonal ist vieles möglich, um die Situation für den Patienten angenehmer zu gestalten. Die Angehörigen werden zu Co-Pflegern: Nicht wegen des Fachkräftemangels, sondern wegen ihres heilenden Einflusses.

Ähnliche Wege wie im St. Josefs Krankenhaus werden derzeit fast überall in Deutschland beschritten, die Intensivstationen befinden sich in einem Umbruch. In kleinen Häusern gelingt die Umstellung vielfach besser als in großen Kliniken, die Kommunikation ist einfacher, der Personalschlüssel günstiger. Ohne die Vielzahl medizinischer Geräte könnten die Patienten nicht überleben, ohne Zuwendung auch nicht. Studien belegen beispielsweise, dass Verwirrtheitszustände nach einer schweren OP schneller zurückgehen oder gar nicht erst auftreten, wenn die Patienten liebevoll umsorgt werden. Dessureault: »Dass in Stresssituationen der Ton auch mal barscher wird, kann passieren. Aber wir arbeiten daran«.

Zusatzinfo

Hilfe für lebensbedrohlich Erkrankte

Eine Intensivstation (Abkürzungen: ITS von Intensivtherapiestation, IPS von Intensivpflegestation, ICU von Intensive Care Unit) ist eine Station im Krankenhaus, auf der Patienten mit schweren bis lebensbedrohlichen Krankheiten oder Verletzungen intensivmedizinisch behandelt werden. In Gießen haben das EV und St. Josef Balserische Stifung eine Intensivstation, das Klinikum als Haus der Maximalversorgung hat drei Intensivstationen.

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