07. Oktober 2018, 20:37 Uhr

Messerscharfer Sound

Wenn die Bigband des HR im Stadttheater gastiert, dann freuen sich Jazzfreunde aus ganz Mittelhessen auf einen Leckerbissen. Wenn dann auch noch dem »James Dean des Jazz« gehuldigt wird, ist der Hörgenuss programmiert.
07. Oktober 2018, 20:37 Uhr
Solist Bert Joris und die Saxophon-Riege der HR-Bigband. (Foto: sag)

Jazz-Trompeter-Legende und Sänger Chet Baker (1929-1988) – bekannt für seinen lyrisch-melodischen Ton, in jungen Jahren als »James Dean des Jazz« zum Popstar und Frauenschwarm avanciert, später durch Drogen und Affären ein illustres, ruinöses Wrack – starb vor 30 Jahren rätselhaft durch einen Sturz aus einem Amsterdamer Hotelfenster, und auch noch an einem Freitag, den 13. (Mai). Was bis heute bleibt, ist die Erinnerung an ein zwischen Romantik wie Coolness und Exzessen wie Selbstzerstörung wankelndes Genie. Aus Anlass des Todestages hat die hr-Bigband unter der Leitung des belgischen Trompeters Bert Joris und zusammen mit dem bekannten italienischen Jazzpianisten Enrico Pieranunzi mit ihrem Programm »Ode to Chet Baker« am Samstagabend im Stadttheater zu einer spannenden musikalischen Hommage geladen.

Die war nämlich keineswegs als biographischer Reigen durch die Diskographie Bakers mit einem Wiederhören solcher Standards und Klassiker wie »My funny Valentine« oder »Everything Happens To Me« angelegt, sondern war eine Hommage ganz aus der Feder Pieranunzis. Der hatte 1979/1980 zusammen mit Chet Baker das Album »Soft Journey« aufgenommen, also in Bakers letztem Lebensjahrzehnt und Comeback-Zeit vor allem auf europäischem Boden. Stücke daraus sowie weitere Pieranunzi-Kompositionen hatte Bert Joris ins Bigband-Format umarrangiert. Mal hüllte sich eine wohlig-bettende, orchestrale Wolke um einen reduzierten Quartett-Sound (Trompete, Piano, Bass, Schlagzeug), mal hielten konträre Charakterzüge Einzug, mal schoss impulsiv die pure Expressivität durch. Wer wollte, konnte aus der Gesamtheit der Arrangements den mit Chet Baker verbundenen Glamour, die lässige Bar-Atmosphäre wie das umtriebige-exzessive Wesen lautmalerisch hineinprojizieren.

Allen voran übernahm Bert Joris die solistische Hauptrolle als Trompeter und Flügelhornist. Allein schon mit seinem ebenfalls lyrischen, gehauchten und auch mal ziemlich brüchig-wackeligen Ton war er – ohne Baker und seine Aura kopieren zu wollen bzw. zu können – ein passabler Protagonist, ob in den »Soft Journey«-Stücken »Fairy Flowers« (Ballade) oder dem mit Bigband nochmals aufputschten, flotten »Brown Cat Dance« oder Pieranunzis, angeblich an einem traurigen Tag verfassten Ode namens »Chet« samt schwebend wirkender orchestraler Umgarnung. Der aalglatte, messerscharfe Sound der vier Bigband-Trompeter war dagegen der reinste Kontrast. Überhaupt behauptete sich die hr-Bigband wieder einmal als eingespielter Erste-Sahne-Klangkörper. Da sitzt jeder Akzent, jeder rasante Lauf kommt aus einem perligen Guss.

Einer klatscht vergeblich

Interessant gleich zu Beginn kommt Joris‹ Arrangement von Pieranunzis »From E. To C.« daher: Das originäre walzerartige Duo-Stück (Pieranunzi/Piano, Jim Hall/Gitarre) wird hier nun von einem zackigen Marschrhythmus und swingenden Treiben durchbrochen. Pieranunzi selbst fügt sich als Pianist ins große Gefüge ein, meist am Flügel, manchmal am E-Piano, gefällt hier und da mit seinen gewohnt melodischen Soli. Auch die Bigband-Musiker kommen teilweise als Solisten zum Zuge. Etwa beim einzigen Joris-Stück des Sets, dem flotten »Lucky Thirds«, lässt Trompeter Axel Schlosser einmal sein Drehventil-Flügelhorn sanft-jubilierend singen. Und Bassist Hans Glawischnig lässt in »Echoes« selbst die eigenen Mitmusiker staunen. Als Youngster der Runde machen Stefan Karl Schmid – ebenfalls bei »Lucky Thirds« – als beeindruckender Tenorsaxofonist sowie mit eher zaghaftem Ton Posaunist Raphael Klemm bei »With My Heart in a Song« eine gute Figur. Großes Aufbegehren wird dem swingenden Stück »Night Bird« zu Teil, das wohl auch Chet Baker lieb gewonnen haben soll.

Die Jazzfreunde hatten jedenfalls den Abend genossen und zumindest eine Zugabe herbeiapplaudiert, auch wenn ein Zuhörer nach dem Abgang der Musiker eisern und vergeblich eine weitere klatschend ersehnte.

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