03. September 2014, 21:18 Uhr

Messerstiche gegen Mutter vor Gericht

Gießen (sha). Die 64-Jährige hat gerade geduscht. Als sie das Badezimmer verlässt, attackiert ihre Tochter sie mit einem Messer.
03. September 2014, 21:18 Uhr
(Foto: Red)

Die ältere Frau flüchtet ins Treppenhaus. Auch dort sticht die Tochter immer wieder auf ihre Mutter ein. Mehrfach wird die Seniorin von der elf Zentimeter langen Klinge getroffen. Nachbarn eilen dem stark blutenden Opfer zu Hilfe und alarmieren die Polizei.

Was teilweise an Szenen aus Hitchcocks »Psycho« erinnert, ereignete sich im April dieses Jahres in einem Gießener Mehrfamilienhaus. Am Mittwoch war Prozessauftakt vor der Fünften Großen Strafkammer des Gießener Landgerichts. Die klein gewachsene, leicht untersetzte Frau, die in Handschellen in den Gerichtssaal geführt wurde, hat keine Gefängnisstrafe zu befürchten: Sie ist schuldunfähig, leidet laut Anklage an einer Psychose aus dem schizophrenen Formenkreis. Versuchter Mord und gefährliche Körperverletzung werden ihr vorgeworfen. Staatsanwalt Thomas Hauburger geht allerdings davon aus, dass »weitere schwerwiegende Straftaten« von der Beschuldigten zu befürchten sind. In einem Sicherungsverfahren muss die Kammer deshalb prüfen, ob die 31-Jährige weiterhin in einem psychiatrischen Krankenhaus untergebracht bleiben muss.

»Ich habe meine Mutter nicht getötet und wollte das auch nicht«, protestierte die Täterin. »Sonst hätte ich direkt ins Herz gestochen.« Stattdessen habe sie auf die Stirn ihrer Mutter gezielt, und das sei »einfach nur eine Körperverletzung«. Den Grund für diesen Ausbruch lieferte die Frau gleich mit: Sie habe sich »aufgeregt«, weil ihre Mutter 3000 Euro nicht »rausgerückt« habe. Von diesem Geld wollte die Beschuldigte eigenen Angaben zufolge einen Führerschein finanzieren und eine andere Wohnung. In der Anklage stand hingegen, sie habe ihre Mutter angeherrscht, warum sie in die Kirche wolle und aufgefordert, daheim zu bleiben.

»Überall Blut« im Treppenhaus

Die aus Afghanistan stammende Mutter machte vor Gericht von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch. »Sie befürchtet, ihre Tochter mit einer Aussage zu belasten«, übersetzte ein Dolmetscher. Stattdessen sagte die 64-Jährige, sie habe »einen Fehler begangen«, nicht die Beschuldigte.

Offener äußerte sich ein benachbartes Ehepaar, das am frühen Morgen des 13. April eingegriffen hatte. Beide berichteten, dass sie zuvor schon häufiger »Geschrei« aus der über ihnen liegenden Wohnung gehört hätten. Auch ein Telefon sei dort schon einmal aus dem Fenster geflogen. Am Tattag habe sie Mutter und Tochter im Treppenhaus gesehen, berichtete die Zeugin. Die Beschuldigte habe die ältere Frau an die Wand gedrückt und »zugeschlagen«. Erst auf den zweiten Blick habe sie gesehen, dass die 31-Jährige ein Messer in der Hand hielt und sei »geschockt« gewesen. Während sie die Polizei verständigte, habe ihr Mann versucht, der jungen Frau mit einer Stange das Messer aus der Hand zu schlagen, sagte die 54-Jährige. Das Opfer habe sich gewehrt und auch versucht nach dem Messer zu greifen, ergänzte ihr Mann. Die Tochter habe damit auf den Kopf ihrer Mutter gezielt. Im Treppenhaus sei bereits »überall Blut« gewesen. Schließlich habe die Beschuldigte von ihrem Opfer abgelassen und sei zurück nach oben in die Wohnung gegangen. Kurze Zeit später sei die junge Frau »lässig« wieder heruntergekommen und habe dann das Haus verlassen.

Ein Polizeibeamter berichtete, dass die Täterin wenig später in der Nordstadt aufgegriffen wurde. Die erkennungsdienstliche Behandlung (Fotos und Fingerabdrücke) sei »zum Teil recht schwierig« gewesen, weil die Frau sehr unterschiedlich reagiert habe: mal aufbrausend, dann wieder ruhig und manchmal gar nicht. Der Prozess wird mit der Befragung weiterer Zeugen fortgesetzt.



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