15. Juli 2016, 18:23 Uhr

Mini-Car Otto gibt nach fast 40 Jahren auf

Gießen (mac). Seit 1. Juni setzt die AOK in Gießen bei Dialysefahrten auf ein einziges Unternehmen. Die restlichen Mini-Car-Firmen gehen leer aus. Das hat dazu geführt, dass Mini-Car Otto den Laden nach fast 40 Jahren am 31. Juli dicht machen muss.
15. Juli 2016, 18:23 Uhr
Am 31. Juli verschwinden die Autos des Familienbetriebs Otto aus dem Stadtbild, (Foto: Schepp)

Wenn Heidi Otto in diesen Tagen den Telefonhörer abnimmt, kommen ihr beinahe die Tränen. Mit schwerer Stimme informiert die Gießenerin die Stammkunden von Mini-Car Otto, dass am 31. Juli Schluss ist. Das Unternehmen, das schon in den 70er Jahren aus dem legendären »Mini-Car Charly« – eines der erste Mini-Car-Unternehmen der Stadt – hervorgegangen ist und seitdem tausende Gießener von A nach B und wieder zurückgefahren hat, trägt sich nicht mehr, da die AOK die Dialysefahrten rund um Gießen seit 1. Juni an eine einzige Firma vergeben hat. »Uns sind so auf einen Schlag 6500 Euro Umsatz weggebrochen. Ich habe versucht, das durch weniger Autos aufzufangen, aber dadurch waren die Fahrer am Limit. Wenn wir das so gemacht hätten, hätte die Qualität gelitten und vor allem die Sicherheit unserer Gäste. Das will ich nicht. Wir mussten die Reißlinie ziehen«, sagt Juniorchef Carsten Otto. Auch ihn trifft das Aus mitten ins Herz.

Seit Carsten Otto denken kann, dreht sich sein Leben um das Personenbeförderungsgeschäft. »Als Jugendlicher habe ich auf dem Hof Autos gewaschen, als 18-Jähriger erste Päckchen ausgefahren«, sagt er. Am Donnerstag brachte er einen Gast zum Flughafen. Es war eine seiner letzten Fahrten. 2001 hat er die Firma mit seiner Mutter Heidi übernommen. Sein Vater Hans-Joachim, der seit 1978 Mini-Car gefahren war und sich in der harten Branche aufgerieben hatte, ging damals in den Ruhestand. »Man ist ständig angespannt. Man schläft schlecht, weil man immer damit rechnen muss, dass ein Auto liegen bleibt oder ein Fahrer ausfällt. Selbst im Urlaub war ich in Gedanken immer im Betrieb«, sagt Carsten Otto. »Die Firma war mein Leben. Aber es bringt nichts, daran festzuhalten. Das wäre ein teures Hobby.«

Den Großteil seiner etwa 15 Fahrer konnte der 33-Jährige beim befreundeten Unternehmen Lahn-City-Car unterbringen. Dafür ist er dankbar. Richtig wütend wird Carsten Otto aber, wenn er über die Umstände der Vergabe der Dialysefahrten an das Gießener Unternehmen Taxi Blitz denkt. Hier geht es – laut Recherche des Hessischen Rundfunks – um einen mittleren sechsstelligen Betrag im Jahr. Die Vergabe könne – sagt Carsten Otto – nicht sauber abgelaufen sein. Er wirft Mitbewerber Uwe Müller von Taxi Blitz unlauteren Wettbewerb vor. »Er hatte als Vorsitzender des Fachverbands Wissensvorsprung und hat den nicht weitergegeben.« Müller sagt: »Alles Quatsch!«

Die Fakten: Ab 23. September 2015 war die Ausschreibung der AOK im Europäischen Amtsblatt einzusehen. Ralf Metzger, Sprecher der Krankenkasse, bestätigt: »Wir halten uns an die Vorgaben im Vergaberecht und haben keinen Kanal ausgelassen, der vorgeschrieben und regulär üblich ist. Wir gehen davon aus, dass derart wichtige Informationen wie Ausschreibungen von den Marktteilnehmern rezipiert werden, denn jeder hat einen Zugang zu den bekannten und öffentlich zugänglichen Kanälen. « Am 24. September 2015 habe die AOK – laut Metzger – dann den Pkw-Fachverband über die Ausschreibung informiert.

Jetzt wird es unübersichtlich: Nach Aussage von Carsten Otto ist die Information von dort nie zu den Mitgliedern gelangt. »Wir haben erst von Fahrgästen erfahren, dass sie zukünftig nicht mit uns fahren dürfen. Natürlich hätten wir uns beworben«. Gegenüber dem »HR« bestätigten drei weitere Gießener Mini-Car-Unternehmen, nicht vom Fachverband informiert worden zu sein. Im Vorstand des Fachverbands sitzt Uwe Müller. Sein Unternehmen Taxi Blitz soll das einzige aus Gießen gewesen sein, das sich bei der AOK um die Dialysefahrten beworben hat – und den Zuschlag erhielt. Müller sagt, er habe von der Ausschreibung nicht über den Fachverband erfahren, sondern aus dem Internet. »Wer einen Betrieb führen will, muss sich dort darum bemühen«, sagt er. Darüber hinaus gebe es im Verband einen Geschäftsführer, der – wenn überhaupt einer – für die Weitergabe von solchen Infos verantwortlich sei. Welche Partei Recht hat, wird wohl nie bewiesen werden können. Sicher ist: Mini-Car Otto steht vor dem Aus – und das ist traurig. Mit den gelben Otto-Aufklebern verschwindet auch die 2660, die ganz alte Nummer von Charly, endgültig. »Ich bin sicher, wenn Sie diese Nummer aus den 70ern heute wieder freischalten würden, es würde hin und wieder klingeln«, sagt Carsten Otto – auch er hat dabei eine schwere Stimme.

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