25. Oktober 2017, 19:18 Uhr

Mit Genuss bei der Sache

Mit dem Erwachsenwerden hadert Liedermacher Götz Widmann, wie er im Interview verrät. Rund drei Jahre nach seinem Album »Krieg & Frieden« kommt er jetzt als »Sittenstrolch« daher. Nach dem Covershooting sei ihm klar geworden, dass es nur diesen Titel tragen könne. Live zu erleben morgen um 20 Uhr im Jokus.
25. Oktober 2017, 19:18 Uhr
THH
Götz Widmann wandelt derzeit auf Solopfaden. (Foto: pm)

Ihr aktuelles Studio-Album heißt »Sittenstrolch«. Wie sind Sie auf diesen Titel gekommen?

Götz Widmann: Ich wollte das Album zuerst »Viva la Evolución« nennen. Das Coverdesign sollten Fotos von Tieren sein, die wie Hippies aussehen. Eines von den Tieren sollte ich sein. Ich habe mich dafür äußerlich wochenlang total verwildern lassen. Dann haben wir das Fotoshooting gemacht und als ich die Bilder gesehen habe, wusste ich sofort: das ist kein Hippie, das ist ein Sittenstrolch! Da das auch gut zu den meisten Songs auf dem Album passte, haben wir uns spontan entschlossen, den Titel zu ändern.

Welchen Hintergrund hat das Eröffnungsstück »Latina«?

Widmann: In erster Linie ist es ein albernes Lied über ein sehr ernstes Thema. Ich habe mich gefragt, was die Ursachen für Fremdenfeindlichkeit sind, und bin zu dem Schluss gekommen, dass sexuelle Frustration dabei in vielen Fällen eine Rolle spielt. Schauen Sie sich die Wutbürger bei den PEGIDA-Aufmärschen an: Menschen, die genug Liebe bekommen, sehen anders aus.

Und was hat es mit dem Song »Burkiniqueen« auf sich?

Widmann: Als ich am Tegeler See in Berlin spazieren war, musste ich feststellen, dass das Schönste an der Einwanderung für mich die Frauen mit Migrationshintergrund sind. Am nächsten Morgen habe ich in der Zeitung gelesen, dass ein CSU-Politiker mal wieder über ein Burkiniverbot schwadronierte. Ich glaube wirklich nicht, dass man durch Kleidungsverbote die Integration fördern kann – etwas Dümmeres habe ich noch nie gehört. Diese Aussage hat mich sehr wütend gemacht, aber um nicht genauso zu sein wie der Politiker, habe ich dazu ein Liebeslied geschrieben.

Aber warum wollen Sie »bei aller Liebe keine 20 mehr sein«?

Widmann: Ach, die Leute jammern immer so über das Älterwerden. Ich habe mich gefragt, ob es mir als jungem Mann tatsächlich besser ging als heute – und die Antwort war eindeutig »Nein«! Wenn ich an damals denke, empfinde ich eher so etwas wie Mitleid.

Resultiert daraus auch Ihre Hommage an die »Männer ab 50«?

Widmann: In dem Song geht es primär um Sex. Vielleicht sehen Männer mit Mitte 20 besser aus, aber mental ist ein Mann in meinem Alter attraktiver. Männer ab 50 sind nicht mehr so irre und triebgesteuert, sondern mit mehr Genuss bei der Sache. Das ist eine Tatsache, die vielen Frauen gar nicht bewusst ist. Also musste ich ein aufklärerisches Lied darüber schreiben.

Wie viel Punk steckt noch in einem Liedermacher jenseits der 50?

Widmann: Der Punk ist ein relevanter Bestandteil meiner Gesamtpersönlichkeit und hat jetzt sogar mehr Freiheiten. Damals mit 40 dachte ich noch, ich müsste mal erwachsen werden. Mittlerweile habe ich eingesehen, dass das bei mir wohl nichts mehr wird.

Was darf man jetzt auf der Bühne von Ihnen erwarten?

Widmann: Ich gehe jetzt wieder solo auf die Bühne. Ich liebe die Freiheit, die ich dadurch habe, wenn ich ganz spontan reagieren kann. Mein Repertoire ist solo unendlich viel größer, als es mit jeder Band sein könnte. Und die Texte kommen so live auch besser durch.



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