11. April 2019, 21:32 Uhr

Mit Leichtigkeit und Demut

Seine Gitarren verkaufen sich weltweit. Musiker wie Gregor Meyle schwören auf ihre Lakewood und verzücken mit ihr auf Konzerten ihre Fans. Kein Grund, abzuheben, findet Martin Seeliger. Der 61 Jahre alte Geschäftsführer des in Rödgen ansässigen Betriebs besticht stattdessen durch Demut – und Leichtigkeit.
11. April 2019, 21:32 Uhr
Martin Seeliger und seine Gitarren. Er sagt, jedes einzelne Instrument sei beim Bau das wichtigste der Welt. (Foto: khn)

Martin Seeligers Leidenschaft kann man schwer greifen. Es gibt dieses Sprichwort, der Urheber ist umstritten: Über Musik zu diskutieren ist wie zu Architektur zu tanzen. Aber es gibt viele Menschen, die zu einer der Gitarren greifen, die der 61-Jährige in Rödgen produziert. Die beim Spielen Glück empfinden, die sich mit dem Kauf einer handgefertigten, zum Teil nicht billigen Stahlsaitengitarre einen lang gehegten Wunsch erfüllen. »Es ist ein Luxusprodukt«, sagt Seeliger, »aber für viele Menschen eine Bereicherung für ihr Leben.« Diesen Umstand macht der Geschäftsführer von Lakewood Guitars sich und seinen Mitarbeitern immer wieder klar. Ein bisschen Erdung kann in solchen Sphären nicht schaden. Und diese Sichtweise hat Seeliger auch auf andere Bereiche des Lebens übertragen.

Wer dem 61 Jahre alten Rödgener begegnet, erlebt einen entspannten, in sich ruhenden Mann. Hier sitzt jemand, der mit sich im Reinen ist. Seine Stimme trägt zur Wohlfühlatmosphäre bei, die sich einstellt, wenn man mit Seeliger die ersten Worte wechselt: Warm und tief. »Ich bin nicht auf der Suche, sondern zufrieden mit dem, was ich habe«, sagt er. »Ich jage nicht dem Phantom des Glücks nach, das niemand kaufen kann.«

Seeliger hat einfach immer das getan, was ihn glücklich machte. In Hameln geboren, zog seine Familie nach Kassel. Dort machte er Abitur und Zivildienst. Während dieser Zeit spielte er in einer Band und lernte bei einem Konzert einen anderen Musiker kennen. Der betrieb einen Musikladen. Seeliger half dort aus – ohne dafür Lohn zu verlangen. Als er nach dem Zivildienst vor der Wahl stand, ein Volontariat bei einer schwäbischen Tageszeitung oder eine Ausbildung zum Gitarrenbauer – offiziell: Zupfinstrumentenmacher – zu absolvieren, entschied er sich fürs Handwerk. Zum Leidwesen seiner Eltern. Sie hatten gehofft, er werde wie der Vater Ingenieur – oder Anwalt, wie einige Verwandte auch.

1979 fing Seeliger in Taunusstein in einem Drei-Mann-Betrieb an, Gitarren zu bauen. Keine Wunderinstrumente, gutes, solides Handwerk. Nach dieser Ausbildung zog er zu seiner damaligen Freundin nach Dutenhofen. Hier baute er weiter Instrumente – auf zwölf Quadratmetern und mit einer Deckenhöhe von 1,90 Metern. Seeliger schmunzelt, wenn er an diese Zeit denkt. »Man musste aufpassen, dass die Gitarren nicht ständig an die Decke stießen.« 1982 eröffnete er in der Liebigstraße in Gießen den Laden »Saitensprung«; hier verkaufte er Akustikgitarren. Nach seiner Meisterprüfung 1984 – er ist seitdem Zupfinstrumentenmachermeister – eröffnete er im Schiffenberger Weg eine Werkstatt. Dort blieb er vier Jahre lang. Bis er auf die alte Zigarrenfabrik von Rinn und Cloos in Rödgen stieß. Seeliger lässt den Blick schweifen. Und sagt: »Hier haben mal 60 Frauen Zigarren gerollt.«

Auf zwei Etagen wurden Gitarren hergestellt, oben unterm Dach wohnte Seeliger zusammen mit seiner Frau und seinen zwei mittlerweile erwachsenen Söhnen. »Damals habe ich gedacht, so viel Platz brauchen wir nie.« Ein Trugschluss. Seeliger ist zusammen mit seiner Familie innerhalb des Gießeners Stadtteils umgezogen. In Buseck hat das Unternehmen in einem Gebäude weitere Lagerstätten und eine zweite Werkbank.

60 Prozent der Gitarren werden in Deutschland verkauft, die übrigen weltweit. China ist ein großer Absatzmarkt, erzählt Seeliger. Zu den Kunden von Lakewood zählen auch Profis wie Gregor Meyle, Wallis Bird oder Sungha Jung. Das erzählt der Geschäftsführer aber nicht; das ist auf der Internetseite nachzulesen. Seeliger sagt lieber, dass bei der Produktion einer Gitarre kein Unterschied zwischen einem 2000 oder 6000 Euro teuren Modell sowie zwischen Kunden gemacht werde. »Jede einzelne Gitarre ist beim Bau die wichtigste der Welt.« Dem 61-Jährigen kauft man diesen Satz ab.

20 Angestellte hat Seeliger; nicht alle sind gelernte Gitarrenbauer. Es gibt Quereinsteiger wie einen Schreiner, der vorher bei einem Orgelbauer angestellt war. Oder einen neuseeländischen Schiffsbauer. Es gibt einen Promoter und eine Fotografin. »Sogar ein Germanist hat sich zu uns verirrt«, sagt Seeliger und lächelt. »Fachliche Defizite kann man ausgleichen, soziale Fähigkeiten kaum.«

Deshalb achtet Seeliger bei Vorstellungsgesprächen darauf, wie sich ein Bewerber verhält, ob er in die Gruppe passt. »Das spürt man bereits, wenn jemand den Raum betritt.« Feine Antennen und Empathie helfen dem 61-Jährigen dabei. Aber auch der Mut zu Veränderungen. Als erster Gitarrenbau- betrieb in Deutschland hat Lakewood seit Kurzem einen Roboter, der beim Polieren der Instrumente hilft. Seeliger geht diesen Weg, um seinen Betrieb fit für die Zukunft zu machen und Jobs zu erhalten – in der Region.

Denn obwohl Seeliger aus Niedersachsen stammt, identifiziert er sich mit seiner mittelhessischen Heimat. Er erzählt dann mit Wehmut in der Stimme, wie Rödgen früher aussah, mit einem Bäcker, Fleischer, Lebensmittelläden, einem mexikanischen Restaurant, vielen Schreinern und Gaststätten. Davon sei eine geblieben. Und ein Friseur. Er vermisst diese Orte, an denen Menschen miteinander sprechen. Vielleicht trifft sich deshalb das Team täglich oben in der Küche um 9.30 Uhr zum gemeinsamen Frühstück.

In Gießen lebt Seeliger gerne. Eine junge Stadt, findet er, deren »fokussierte Gelassenheit im Umgang mit Zuwanderern« ihn beeindruckt. Was fehlt? Bezahlbarer Wohnraum. Und ein bezahlbares Hotel in der Innenstadt, in das er Gäste und Kunden mit ruhigem Gewissen unterbringen könne.

Seeliger führt keinen Terminkalender. Er weigert sich, sein »Gedächtnis in ein Telefon zu entleeren«. Dafür streamt der Vinyl- liebhaber unterwegs auf dem Smartphone seine Lieblingsalben. Dafür verzichtet er auf ein E-Book. »Dazu ist mir die Haptik zu wichtig.« Bis zu drei Bücher liest Seeliger parallel. Eine Chance, alleine in nicht nur eine, sondern gleich mehrere Welten einzutauchen. Auch das Musikmachen ist für ihn zur Privatsache geworden. Er spielt nur noch selten, und dann nur für sich.

Wegen seiner Liebe zu James Taylor und anderen amerikanischen Songwritern stellt Seeliger Westerngitarren her. Doch auch vor Profis aus anderen Genres wie Lady Gaga hat er großen Respekt. »Mich beeindruckt, mit welcher Leichtigkeit und Sicherheit in der Stimme sie das transportieren können, was uns zu Tränen rührt.« Diese Einstellung sei übertragbar: Aufs Schreiben – und auch aufs Gitarrenbauen.

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