17. März 2016, 18:33 Uhr

Nach den Amis ging es bergab

(chh). Brigitte Haschke ist eine kleine, zierliche Frau. Und trotzdem setzt sie sich seit vier Jahrzehnten in einer rauen Branche durch. Die 65-Jährige ist seit 1976 Taxifahrerin in Gießen. Haschke hat viel erlebt, zwei Ereignisse wird sie jedoch nie vergessen. Selbst einer toughen Frau wie ihr kommen da die Tränen.
17. März 2016, 18:33 Uhr
Brigitte Haschke hat in ihrem Berufsleben viel erlebt. Neben schönen Erinnerungen gibt es aber auch schlimme Erlebnisse. (Foto: chh)

Plötzlich zückt der Mann ein Messer. Brigitte Haschke spürt die 20 Zentimeter lange Klinge an ihrem Hals. Die Taxifahrerin ist geschockt, gibt dem Mann alles, was er will: Geldbeutel, Handy, Autoschlüssel. Dann rennt er davon. Der Überfall dauert nur wenige Sekunden. Doch Brigitte Haschke wird er ein Leben lang begleiten.

Heute, neun Jahre später: Haschke steht mit ihrem Taxi am Gießener Bahnhof. Und wartet. So wie jeden Tag. Über zehn Wagen stehen in der Reihe. Die Männer rauchen, lesen Zeitung, spielen mit den Handys. Fährt einer weg, rücken die anderen nach. Haschke ist die einzige Frau, ihr Mercedes-Kombi steht am Ende der Schlange. »Setzen Sie sich«, sagt die 65-Jährige und klopft auf den Beifahrersitz. Bis ihr Wagen zum Bahnhofplatz vorrückt, wird es dauern. Also kann sie in aller Ruhe erzählen. »Ich habe viel erlebt. Der Raub war noch nicht mal das Schlimmste.« Doch der Reihe nach.

Haschkes Mann war früher Lastwagenfahrer. »Da es in den Wintermonaten keine Arbeit gab, riet uns sein Chef, ein Taxi zu kaufen. Mit einem Taxi seid ihr nie arbeitslos, hat er gesagt.« Doch Haschke, sie war damals in ihren Zwanzigern, stellte sich quer. Ein Spruch schoss ihr durch den Kopf: Die Nacht gehört den Prostituierten und Taxifahrern. »Da wollte ich nicht dazugehören.« Schlussendlich ließ sie sich doch überreden. Ihr Mann übernahm die Nachtfahrten, sie selbst setzte sich tagsüber ans Steuer. Das war vor ziemlich genau 40 Jahren. Heute lebt Haschke alleine, Taxi fährt sie immer noch. Die 65-Jährige hat gar keine andere Wahl.

Während Haschke erzählt, lehnt sie sich in den mit Fell bezogenen Fahrersitz. Auf dem Armaturenbrett klebt ein rotes Herz, von der Sonnenblende baumelt ein silberner Engel. Ein wenig Gemütlichkeit in einer rauen Arbeitswelt. »Ich sitze hier jeden Tag zehn bis zwölf Stunden drin. Urlaub habe ich das letzte Mal vor 20 Jahren gemacht. Die Rente reicht nicht aus, also muss ich weiterfahren.« Doch das Geschäft ist hart: Vor allem die Konkurrenz durch die Minicars macht den Taxifahrern das Leben schwer. Oder, wie Haschke es formuliert: »Die haben uns das Genick gebrochen. « Die ersten drei Wochen des Monats arbeite sie im Grunde nur für andere: Finanzamt, Steuern, Reparaturkosten. Und was sie in der vierten Woche verdiene, reiche zum Leben kaum noch aus. Früher sei das anders gewesen. Vor allem dank der GIs. Die Stationierung der US-Soldaten in Gießen war für die heimischen Taxifahrer ein Segen. »Die sind ja selbst zum Klo mit dem Taxi gefahren«, lacht Haschke. Dann verfinstert sich ihre Miene. Denn die GIs haben der 65-Jährigen auch einen der dunkelsten Momente ihres Lebens bereitet.

Haschke muss schlucken, als sie auf den Raubüberfall von vor neun Jahren zu sprechen kommt. »Es war ein Montag, ich habe mal wieder am Bahnhof auf Kundschaft gewartet.« Es wurde Nachmittag, als endlich ein Mann einstieg. »Ein GI. Er wollte zum Schwarzacker. Also bin ich losgefahren.« Dann das Messer. Die Taxifahrerin hält inne. Für einen Moment wirkt sie nicht mehr tough, sondern zerbrechlich. »Heute ist er wieder auf freiem Fuß.« Haschke sagt, lange Zeit mit Schlafproblemen gekämpft zu haben. Nicht nur wegen des Raubs.

1990, kurz nach der Wende: Haschke sitzt in ihrem Taxi, als das Telefon klingelt. »Eine Schule rief mich an, ich sollte einen Jungen nach Hause fahren. Ihm gehe es nicht so gut.« Der 17-Jährige sei Epileptiker gewesen. Während der Fahrt habe er dann das Bewusstsein verloren. »Ich bin auf die Straße gelaufen und habe um Hilfe gerufen. Es ist aber niemand gekommen.« Sie habe dann den Notdienst verständigt, der wenige Minuten später eingetroffen sei. »Aber das war zu spät. Der Junge ist gestorben.« Haschke wischt sich eine Träne aus dem Auge.

Seit 45 Minuten sitzt sie nun schon im Wagen. Die Schlange hat sich keinen Meter bewegt. »Das ist meistens so. Hier gibt es nichts mehr zu holen.« Wie viele Fahrgäste sie am Bahnhof pro Woche abgreift? Zehn? Fünf? Die 65-Jährige winkt ab. »Nicht mal.« Im Grunde verdiene sie nur noch Geld mit Krankenfahrten. Vor allem Krebspatienten, die im Umland wohnen und zur Untersuchung nach Gießen müssen. 30 Bestrahlungstermine bedeuten 30 Fahrten mit dem Taxi. Viele Kranke seien Stammkunden, die sie mit den Jahren gut kennengelernt habe. Sie sei sogar schon zu Weihnachtsfesten eingeladen worden. »Mit meinen Stammkunden verbinde ich viele schöne Erinnerungen. Sie sind mir das Wichtigste. Für sie bin ich auch eine Art Seelsorgerin. Ich sage immer: Hier wird nicht geweint, hier wird nur gelacht.« Doch das gelinge nicht immer.

Das Telefon klingelt, Haschke hebt ab. Das Uni-Klinikum, eine Patientin möchte abgeholt werden. »Auch eine Stammkundin, ich habe sie heute Morgen abgeholt und in die Klinik gefahren. Brustkrebs.« Die 65-Jährige startet den Motor und schert aus der Schlange aus. Auf dem Weg zum Krankenhaus erzählt sie von ihren vielen kranken Fahrgästen. »Das ist sehr schlimm. Ich kriege jetzt schon Gänsehaut, wenn ich an die Schicksale denke.« Vergangene Woche habe sie einen Mann zur Klinik gebracht, der besonders schlecht ausgesehen habe. »Ich glaube nicht, ihn noch einmal wiederzusehen.«

Am Universitätsklinikum sammelt Haschke die Patientin ein. Die beiden sprechen herzlich miteinander, Erinnerungen an ein gemeinsames Frühstück werden wach. In diesem Moment wirkt Haschke glücklich. Es ist die Zeit mit ihren Fahrgästen, die sie den Kummer vergessen lässt. Wenn auch nur für einen Augenblick. Denn Haschke weiß: Morgen wird sie wieder am Bahnhof stehen. Und warten. Auf den nächsten Fahrgast, den nächsten Anruf der Klinik. Auf bessere Zeiten? Darauf wartet Haschke schon lange nicht mehr.

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