09. Juni 2019, 09:00 Uhr

Nimmt Gewalt gegen Kinder in Gießen zu?

Die Zahlen, die der Polizei sind, haben sich innerhalb eines Jahres verdoppelt . Das Jugendamt verweist allerdings darauf, dass vor allem die Aufmerksamkeit steigt.
09. Juni 2019, 09:00 Uhr
Das Anzeigeverhalten bei Gewalt gegen Kinder hat sich verändert. (Symbolbild: dpa)

Die offizielle Zahl der Gewalttaten gegen Kinder hat sich in Gießen innerhalb eines Jahres fast verdoppelt. Das erläuterte Polizeisprecher Jörg Reinemer auf GAZ-Anfrage. Die Polizei erfasste 2018 21 Fälle von sexuellem Missbrauch; 2017 waren es 12. Die Zahl der Misshandlungen stieg von 6 auf 12. Bei der überschaubaren Größenordnung sei die statistische Aussagekraft begrenzt, sagte Reinemer. Denkbar sei, dass im Laufe einer Ermittlung weitere Taten ans Licht kommen. Das Bundeskriminalamt hatte am Donnerstag berichtet, deutschlandweit habe die Polizei weniger Gewalt gegen Kinder registriert, in Hessen allerdings mehr.

Im städtischen Jugendamt hat man einen anderen Eindruck. Zwar schildern Mitarbeiterinnen vor Kameras des Hessischen Rundfunks, sie hätten zu wenig Zeit, um jedem »unguten Gefühl« detailliert nachzugehen. Doch im Jugendhilfeausschuss am Donnerstagabend betonte Armin Förster vom Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD), es gebe keine wesentliche Steigerung der Gewalt. »Nur das Anzeigeverhalten hat sich drastisch verändert.« Das zeigten die stabilen Zahlen der »Inobhutnahmen«, in denen das Kind als akut gefährdet aus der Familie genommen wird. Pro Jahr sind es knapp 100. Die Zahlen aus dem Polizeipräsidium lagen in der Sitzung nicht vor.

Stadträtin Gerda Weigel-Greilich (Grüne) wies darauf hin, dass zwei zusätzliche Stellen für das Jugendamt genehmigt sind. Zudem seien die Überlegungen weit gediehen, Arbeitsbereiche zu trennen. Möglicherweise wird sich bald spezielles Personal um Meldungen zur Kindeswohlgefährdung kümmern. Die anderen Mitarbeiter könnten ihre Termine dann einhalten. Schließlich gehe es auch bei diesen Gesprächen um Familien, die dringend Unterstützung brauchten, sagte sie.

Förster erläuterte die weiter stark steigende Zahlen. Im Jahr 2010 gab es 78 Hinweise darauf, dass Kinder in Gießen vernachlässigt oder misshandelt würden. 2018 waren es 533. Ein Hauptgrund dafür sei das wachsende Bewusstsein für Kinderschutz. Die erhöhte Aufmerksamkeit der Bürger und Pädagogen sei gut und notwendig, erfordere aber großen Arbeitsaufwand. 17 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter besetzen die 15 Vollzeitstellen im ASD. Sie kümmerten sich sofort um solche Meldungen und ließen anderes dafür stehen und liegen, sagte Förster. Bei hinreichendem Verdacht besuchen sie unangemeldet die Eltern umgehend zu Hause. Es folgen mehrere Monate zäher Arbeit: von der Familienhilfe bis zum Gerichtsverfahren. In einem typischen Beispielfall zählte das Amt 132 Gespräche, die eine halbe Stunde oder länger dauerten. Der Zeitaufwand lag nach einem Dreivierteljahr bei 120 Stunden.

Monika Schindler vom Kinderschutzbund meinte, das Gießener Konzept zum vernetzten Vorgehen bei Verdachtsfällen funktioniere gut. Gisela Zimmermann vom Caritasverband berichtete allerdings, manchmal müsse eine Kita drei Wochen warten, bevor eine Fachkraft eine erste Einschätzung vornehme.

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