27. März 2019, 11:00 Uhr

Friedhof

Nur Grabsteine ohne Kinderarbeit erlaubt

Die Gießener Friedhofsordnung wird so geändert, dass Grabsteine aus »ausbeuterischer Kinderarbeit« künftig verboten sind.
27. März 2019, 11:00 Uhr
Grabsteine auf dem Neuen Friedhof in Gießen. In vielen Fällen kommt der Granit aus Indien oder China. (Foto: Schepp)

Die Globalisierung macht auch vor den Friedhöfen nicht halt. Wenn Angehörige heutzutage bei einem Steinmetzbetrieb einen Grabstein für das verstorbene Familienmitglied bestellen, kann es gut sein, dass der Stein in einem Steinbruch im fernen Osten gebrochen wurde. Etwa 50 Prozent aller Steine kommen nach Angaben der Branche aus China oder Indien. Inbesondere die Produkte aus Indien haben einen zweifelhaften Ruf, von Kinderarbeit ist in Berichten von Vertretern christlicher Kinderhilfswerke die Rede. Auf der Grundlage des im vergangenen Jahr geänderten Hessischen Friedhofs- und Bestattungsgesetzes soll die Stadt Gießen auf ihren Friedhöfen Grabsteine aus »ausbeuterischer Kinderarbeit« nun verbieten.

Ein Antrag der Koalitionsfraktionen SPD, CDU und Grüne, die städtischen Friedhofsordnung entsprechend zu ändern, wurde am Montagabend bei Enthaltung von FDP und Freien Wählern einstimmig beschlossen. In der Verurteilung von Kinderarbeit waren sich die Ausschussmitglieder einig, aber schnell kam die Frage nach der Umsetzung einer solchen Vorschrift und mithin die auf, ob mit dem Antrag vor allem das eigene Gewissen beruhigt werden soll. »Ich habe die Befürchtung, dass dieser Antrag rein deklamatorischen Charakter hat«, sagte Michael Janitzki (Gießener Linke). Seine Fraktion habe mit heimischen Steinmetzbetrieben gesprochen. »Die genaue Herkunft der Steine kennen die nicht. Ich frage mich daher, wie diese Vorgabe von der Friedhofsverwaltung umgesetzt werden soll«, argumentierte Janitzki. Auch FDP-Fraktionschef Klaus Dieter Greilich äußerte sich skeptisch und fragte den Magistrat, ob und wie Grabsteine zertifiziert würden, um zu verhindern, dass Kinderarbeit im Spiel ist.

Wir sollten jeden Beitrag leisten, um menschenschinderische Arbeitsbedingungen zu verhindern

Gerhard Merz (SPD)

Aber gibt es die wirklich bei der Produktion von Grabsteinen in Indien? Die Innungen des Steinmetzhandwerks bestreiten dies nämlich. Landesinnungsmeister Karl-Heinz Damm erklärte im vergangenen Herbst gegenüber der GAZ, dass der Granit nicht von Menschen gebrochen würde, sondern von Maschinen, die Kinder nicht bedienen könnten. Es gebe zwar Kinderarbeit in indischen Steinbrüchen, aber die diene der Herstellung von Billigpflaster für den Straßen- und Gartenbau. »Die Steine aus Kinderarbeit findet man im Garten, nicht auf dem Friedhof«, erklärte Damm.

Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz (SPD) verwies in der Ausschussdebatte auf »verschiedene Nachweismöglichkeiten«. Gießen sei schließlich nicht die erste Kommune, die in ihre Friedhofssatzung ein Verbot von Grabsteinen aus Kinderarbeit aufnehme.

Hilfestellung könnte eine vom Bundesentwicklungshilfeministerium eingerichtete Website www.siegelklarheit.de geben. Dort werden für Produkte aus Naturstein vier Siegel genannt, die die Anforderungen in den Bereichen »Glaubwürdigkeit und Soziales« erfüllten, heißt es auf der Homepage.

Tatsächlich haben mittlerweile einige Bundesländer ihre Friedhofsgesetze entsprechend geändert, darunter auch das CSU-geführte Bayern oder das schwarz-gelb regierte Nordrhein-Westfalen. Aus anderen Bundesländern heißt es dagegen, derzeit sei es nicht möglich, solche Regelungen in Friedhofsordnungen rechtssicher umzusetzen.

Der Stadtverordnete Gerhard Merz (SPD), der auch Vorsitzender des Kinderschutzbundes in Gießen ist, sieht die Lieferanten der Steine in der Pflicht. Sie müssten nachweisen, dass das Material nicht unter Einsatz von Kindern gewonnen wurde. »Wir setzen als Stadtverordnetenversammlung nur das Recht, und wir sollten jeden Beitrag leisten, den man leisten kann, um menschenschinderische Arbeitsbedingungen zu verhindern«, sagte Merz.

Zusatzinfo

Gartenschau-Pflaster aus China

Wohl nur die wenigsten Gießener, die im Frühjahr jetzt wieder an den Teichen in der Wieseckaue zahlreich unterwegs sind, werden ahnen, dass sie auf Pflaster aus China laufen. Unter anderem der große Platz am Südufer des Schwanenteichs gegenüber der THM wurde vor sechs Jahren mit Steinen aus der Provinz Fujian belegt. Die Lieferanten der von der Landesgartenschau-Gesellschaft mit der Platzgestaltung beauftragten Baufirma aus Thüringen konnten damals mit Zertifikaten wie Fair Stone nachweisen, dass die Steine nicht unter ausbeuterischen Arbeitsbedingungen produziert worden waren. Die Stadtverordnetenversammlung hatte in zwei Beschlüssen 2008 und 2013 den Magistrat aufgefordert, dass bei Bauarbeiten, die die Stadt beauftragt, sicherzustellen ist, dass nur Produkte verwendet werden, die den Konventionen der Arbeitsorganisation ILO der Vereinten Nationen entsprechen.

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