03. Mai 2019, 21:51 Uhr

Ohne Berührungsängste

03. Mai 2019, 21:51 Uhr
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Von Sascha Jouini
Alida Leimbachs neuer Krimi spielt auf der Maiwoche in Osnabrück. (Foto: jou)

Eine Krimilesung im Beerdigungsinstitut – passt das zusammen? Erstaunlich gut, wie sich am Dienstag abermals im Wiesecker Bestattungshaus Kümmel zeigte, als Alida Leimbach ihren neuen Kriminalroman »Die Tote von der Maiwoche« präsentierte. Bei der ausverkauften Veranstaltung war die Atmosphäre trotz des für gewöhnlich ernsten Rahmens ausgelassen; die Besucher wirkten heiter und amüsierten sich köstlich.

Die Busecker Autorin Alida Leimbach hatte das Bestattungshaus für die Premierenlesung nicht zufällig ausgewählt: Einen Tag lang hospitierte sie hier für ihren Roman, Teile davon spielen gedanklich darin, nur verlegte sie den Schauplatz in ihre Heimatstadt Osnabrück. Wie sie gegenüber dem Publikum anmerkte, habe das Kurzpraktikum dazu beigetragen, Ängste in ihr abzubauen. Dass gerade sie als Pfarrfrau Krimis schreibe, sei unter anderem darauf zurückzuführen, dass sie in dieser Rolle oft mit dem Thema Tod konfrontiert werde.

Breitenwirksam erscheint schon allein der Titel, der Bezug nimmt auf das große Osnabrücker Stadtfest im Mai, bei dem viele Bands auftreten. Mitglied einer dieser Bands ist Jessica Wagner. Sie soll die ältere Lead-Sängerin Katharina ersetzen. Vor dem Konzert plagen sie Selbstzweifel, als sie mit ihrer Mutter telefoniert. Pianist Karsten macht ihr Mut. Von ihm fühlte sie sich geliebt, bis er die Beziehung beendete. Nach dem Auftritt geht Jessica allein nach Hause und wird dort am nächsten Tag ermordet aufgefunden.

Leimbach las sehr deutlich und in ruhigem Tempo, machte mitunter bedächtige Pausen. Im weiteren Verlauf porträtierte sie in einzelnen Szenen Jessicas soziales Umfeld sowie die Ermittler Birthe Schöndorf, Daniel Brunner und Carlo Oltmann. Spannend geschrieben mutete etwa die Passage mit Psychologin Kleinschmidt an, zu der ein Patient kommt – ein mutmaßlicher Täter –, der einräumt, einen Fehler begangen zu haben. Prägnant bringt die Autorin hier auf den Punkt, wie schwer es dem Patienten fällt, sich gegenüber der Therapeutin zu öffnen – bis plötzlich die innere Wut aus ihm herausbricht und er mit seiner verkorksten Kindheit hadert, sich vehement rechtfertigt.

Gefährlicher Stalker?

Nach dem Mord fühlt sich Ex-Sängerin Katharina verfolgt. Durch den Mord sensibilisiert, wird das scheinbar Alltägliche zum Bedrohlichen. Dabei verschleiert Leimbach zunächst geschickt, wie gefährlich der Stalker tatsächlich ist. Wie sich herausstellt, handelt es sich um einen skrupellosen Voyeur, der sie nachts durch die Rollädenschlitze beobachtet. In seinem normalen Leben ist er Mitarbeiter eines Bestattungsunternehmens. Fesselnd führte Leimbach vor Augen, wie der Verhaltensgestörte beim Spannen erregt wird. Raffiniert stellte sie potenzielle Täter mit jeweils sehr unterschiedlichen Motiven einander gegenüber und steigerte die Dramatik zum Schluss hin. Besonders haften blieb ihr ebenso klarer wie anschaulicher, ohne Effekthascherei auskommender Stil.



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