29. Mai 2018, 22:24 Uhr

One-Way-Ticket ins Abenteuer

29. Mai 2018, 22:24 Uhr
Tom Degnan arbeitet seit drei Jahren im Punkt und Strich am Kirchenplatz. (Foto: Schepp)

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Tom Degnan hat einen Rucksack und ein Zelt dabei, als er im Frühsommer 1986 in New York City in ein Flugzeug steigt. Mit einem One-Way-Ticket fliegt der 26-jährige Amerikaner nach Europa – um die Welt zu erkunden. »Ich wollte mich treiben lassen«, sagt er. Seine Reise führt ihn von Luxembourg über Amsterdam und per Anhalter durch viele Städte bis zum Nordkap. Doch eine Mitfahrgelegenheit hat sein Leben bis heute nachhaltig verändert: Seine heutige Frau.

»Eigentlich hat sie nie Anhalter mitgenommen«, erzählt Degnan, der mittlerweile seit 32 Jahren in Gießen lebt. »Nur dieses eine Mal ist sie stehen geblieben, als ich mit einem Pappschild an der Autobahn stand.« Sympathisch sind sich die beiden sofort, doch die Reise geht für ihn vorerst weiter. Nach drei Monaten des Vagabundenlebens beschließt er, sich niederzulassen. Sie lebt damals in Rechtenbach und so fällt die Wahl auf Gießen. Schon bald darauf sind die beiden ein Paar.

 

Tausche Army gegen Buchladen

 

Geboren wird Degnan 1960 in Wisconsin. Mit seiner Familie lebt er in dem kleinen Ort Brookfield. Als Erwachsener heuert er bei den US-Marines an und wird im japanischen Okinawa stationiert. Prägend ist für den jungen Mann das gemeinschaftliche Leben mit den Kollegen. »Ich habe Amerikaner aus dem ganzen Land kennengelernt, darunter Schwarze, Indianer und andere Ethnien, die man sonst höchstens aus Sitcoms kannte«, sagt er. Daraufhin habe er sich entschlossen, nach vier Jahren beim Militär auf Reisen zu gehen – um neue Kulturen kennenzulernen.

Als Degnan sich in Gießen niederlässt, hat er daher wenig Interesse mit der in Gießen stationierten Army in Kontakt zu kommen – obwohl er zunächst kein Deutsch spricht. Während er seinen ersten Job noch bei einem von zwei Engländern geführten Autohaus findet, wechselt er bald in die Küche eines vegetarischen Restaurants und beginnt 1990 in Wetzlar eine Ausbildung zum Buchhändler. In der Buchhandlung bleibt er bis die Inhaberin 2014 den Laden schließt. Seitdem arbeitet er beim Gießener Fachgeschäft für Papeterie und Bürobedarf Punkt und Strich am Kirchenplatz – und ist sehr glücklich.

»Dank meiner Jobs fühle ich mich sehr wohl mit der deutschen Sprache«, sagt er. Auch deswegen sei Integration bei ihm nie ein Thema gewesen. In seiner Freizeit unterrichtet er Englisch an der Volkshochschule und bringt nun Touristen Gießen näher – in historischen Stadtführungen. »Ich lebe gerne in Gießen, hier ist mein Zuhause«, sagt er.

In seinem Pass steht noch die Amerikanische Staatsbürgerschaft. Damit sei es an vielen Orten der Welt einfacher – gerade auf Reisen, sagt er. So großes Fernweh wie damals habe er nicht mehr. Er erlebe auch Gießen ständig im Wandel durch die immer neuen Studierenden. Missen möchte er seine Erfahrung jedoch nicht. »Eine solche Reise kann ich nur jedem empfehlen«, betont er und lacht. »Auch wenn man heute wohl nicht mehr trampt, sondern den Flixbus nimmt.«

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