08. September 2017, 14:00 Uhr

Wahl im Netz

Online first – Wahlerfolg second?

Welchen Einfluss haben die Auftritte der Politiker in den Sozialen Medien auf den Ausgang der Bundestagswahl? Wir haben einen heimischen Profi befragt.
08. September 2017, 14:00 Uhr

Eike-Christian Hornig ist Juniorprofessor mit dem Schwerpunkt Demokratie- und Demokratisierungsforschung am Institut für Politikwissenschaft der Justus-Liebig-Universität.

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Eike-Christian Hornig
»Die Digitalisierung ändert alles«, ruft uns Christian Lindner derzeit von den Wahlplakaten zu. Ändert die Digitalisierung auch den Wahlkampf?

Eike-Christian Hornig: Das ist ohne Frage so. Insbesondere die Sozialen Medien bieten den Parteien neue Möglichkeiten der politischen Kommunikation und Ansprache der Bürgerinnen und Bürger. Zugleich ergeben sich daraus aber auch Herausforderungen. Denn die politische Kommunikation in den Sozialen Medien erfordert vergleichsweise viel Know-how, wenn sie erfolgreich sein soll. Eine weitere Schattenseite der Digitalisierung im Wahlkampf haben wir jüngst mit den Cyber-Attacken auf die Internetseite von Julia Klöckner erlebt. Cyber-Attacken waren auch schon im US-Wahlkampf ein großes Thema.

Apropos USA: Donald Trump hat nicht nur im Wahlkampf exzessiv auf Twitter gesetzt, er nutzt den Kurznachrichtendienst auch als Sprachrohr für seine Regierungstätigkeit. Welche Vorteile bietet diese Art der Kommunikation?

Hornig: So lässt sich in Echtzeit und ohne die Übermittlung und eventuelle Selektion durch Medien die eigene Anhängerschaft erreichen. Die Botschaften sind kurz und werden von mehr Menschen wahrgenommen, als dicke Parteiprogramme, die keiner liest.

Entscheidender ist immer noch die politische Großwetterlage

Eike-Christian Hornig

Wenn man sich die elf Kandidaten aus dem Gießener Wahlkreis anschaut fällt auf, dass viele gar nicht in den Sozialen Medien vertreten oder nur private Seite haben. Lediglich drei sind bei Twitter. Eine verpasste Chance?

Hornig: Die Kommunikation über soziale Medien ist ein Baustein im gesamten Prozess der politischen Kommunikation, der unter Umständen förderlich sein kann. Aber entscheidender ist immer noch die politische Großwetterlage. Twitter ist zudem nicht so verbreitet wie Facebook.


Facebook-Fans und Twitter-Follower der Gießener Kandidaten im Überblick:

  • Helge Braun, CDU: Facebook: 4371; Twitter: 9918
  • Matthias Körner, SPD: Facebook: 392; Twitter: -
  • Eva Goldbach, Grüne: Facebook: -; Twitter: 120
  • Uwe Scholz, AfD: Facebook: 907; Twitter: -
  • Hermann Otto Solms, FDP: Facebook: 5007; Twitter: 5977

Für die Auswertung wurden lediglich Facebook-Seiten herangezogen, die als öffentliche Politiker-Seiten gekennzeichnet sind. Private Seiten oder die der dazugehörigen Parteien wurden nicht berücksichtigt. (Stand: 5. September 2017)

Auch die Stände in den Fußgängerzonen werden bleiben, da der persönliche Kontakt der Bürgerinnen und Bürger mit den Kandidatinnen und Kandidaten unersetzbar ist

Eike-Christian Hornig

Also werden die klassischen Infostände in der Fußgängerzone und das Klingenputzen an den Haustüren nicht bald der Vergangenheit angehören?

Hornig: Definitiv nein. Die CDU hat gerade in der Landtagswahl im Saarland gezeigt, dass der Haustürwahlkampf sehr effektiv sein kann. Das primäre Ziel ist dabei die Ansprache und vor allen Dingen die Mobilisierung der eigenen Anhänger. Und auch die Stände in den Fußgängerzonen werden bleiben, da der persönliche Kontakt der Bürgerinnen und Bürger mit den Kandidatinnen und Kandidaten unersetzbar ist. Die Menschen wollen auch mal einen persönlichen Eindruck von »den Politikern« haben.

Für wie erfolgversprechend halten sie den Wahlkampf in den Sozialen Medien?

Hornig: Dies ist Teil einer umfassenderen Gesamtstrategie. Hier lässt sich schnell und direkt ein sehr breiter Eindruck von den eigenen Positionen und auch der Person vermitteln. Dies ist insbesondere für die Ansprache jüngerer Wählerinnen und Wähler wichtig. Allerdings sollte der Auftritt in den sozialen Medien professionell und zugleich authentisch sein, sonst verfehlt er seinen Effekt.

Macht es einen Unterschied, für welche Partei der Politiker aktiv ist? Oder anders gefragt: Kann Die Linke durch Online-Wahlkampf mehr Menschen zum Gang zur Wahlurne mobilisieren als die CDU?

Hornig: Wir wissen, dass es leichte Unterschiede gibt, was die Wählerstruktur der Parteien angeht und hier steht der Aspekt Alter im Vordergrund. Die Grünen haben etwa eine im Durchschnitt etwas jüngere Wählerschaft, bei der ein Wahlkampf in den sozialen Medien eher verfangen könnte. Aber insgesamt kommen so viele Faktoren zusammen, dass nicht allein der Online-Wahlkampf den Ausschlag macht.

Jemanden zu folgen, heißt nicht gleich diese Person auch zu wählen

Eike-Christian Hornig

Helge Braun (CDU) und Hermann Otto Solms (FDP) haben von den Kandidaten aus dem Gießener Wahlkreis die meisten Fans und Follower. Warum gelingt das ausgerechnet zwei alten Hasen aus zwei eher konservativen Parteien?

Hornig: Das hat damit nichts zu tun. Das Interessante ist wohl eher die Tatsache, dass Herr Braun mit der CDU eine sehr große Partei hinter sich hat und Herr Solms eine kleine. Insofern ist die Anhängerzahl bei Herrn Solms eher zu ergründen. Vielleicht spielt es hier eine Rolle, dass Herr Solms durch seine langjährige Arbeit im Deutschen Bundestag, u.a. als Vize-Präsident, sehr bekannt und eben schon lange in der Politik aktiv ist, was diesen Umstand wiederum erklären kann. Herr Braun ist zudem Staatsminister im Kanzleramt, was in der Region sicherlich auch deutlich wahrgenommen wird.

Wird sich die Zahl von Facebook-Freunden und Twitter-Followern am Wahlabend bemerkbar machen?

Hornig: Vermutlich nicht. Denn jemanden zu folgen, heißt nicht gleich diese Person auch zu wählen. Es folgen ja auch viele Journalistinnen und Journalisten den Seiten, aber weniger um diese zu wählen als viel mehr um informiert zu bleiben.

Info

Die privaten Seiten

Eva Goldbach hat auf ihrer privaten Facebook-Seite 557 Freunde. Sie nutzt die Seite auch für den Wahlkampf. Thassilo Hantusch zählt auf seiner privaten Seite 690 Freunde, auch hier wird fleißig Wahlkampf betrieben. Dr. Helge Braun hat neben seiner Politiker-Seite auch einen privaten Auftritt mit 1855 Freunden. Bei Matthias Körner und Ali Abass Jahya Al-Dailami können nur die Freunde sehen, wie viele Freunde sie haben. Peter Klis hat 18 Freunde auf seiner privaten Seite. Die anderen Kandidaten haben zumindest unter ihren offiziellen Namen keine Auftritte bei Facebook.

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