13. November 2019, 21:43 Uhr

Stromschlagprozess

Opfer sagt aus: »Als würde mein Gehirn brennen«

Im Stromschlagprozess hat jetzt eine junge Gießenerin ausgesagt. Sie war eines der vielen Opfer, die ein Mann zu lebensgefährlichen »Experimenten« überredet haben soll.
13. November 2019, 21:43 Uhr
Nach Anleitung des Angeklagten sollen sich seine Opfer aus Holz- und Metalllöffeln sowie Kabeln Apparaturen für »Experimente« mit Strom gebaut haben. (Foto: pm)

Ganz wohl fühlt sich die junge Gießenerin im Saal des Landgerichts München nicht. Während ihrer Aussage am Mittwochmittag erwähnt sie, dass ihr das, was im Sommer 2017 passierte, sehr peinlich sei. Die 24-Jährige tritt als Nebenklägerin in einem aufsehenerregenden Verfahren auf: Sie war eines von mindestens 88 Opfern, die ein heute 30 Jahre alter Mann über mehrere Jahre hinweg zu lebensgefährlichen »Experimenten« mit Strom überredet haben soll. »Ich war naiv«, sagt sie nach ihrer Aussage gegenüber dieser Zeitung. »Jetzt kann ich endlich einen Schlussstrich unter die Sache ziehen.«

Der Fall der jungen Gießenerin steht exemplarisch für viele andere. Sie hatte vor zwei Jahren bei Ebay-Kleinanzeigen eine Annonce geschaltet, weil sie einen Nebenjob suchte. Bereits zuvor habe sie immer wieder an wissenschaftlichen Studien teilgenommen, sagt sie. Dann habe sich Raik Haarmann bei ihr mit einer ausführlichen E-Mail gemeldet. Er sei Biomediziner an der Universität Gießen und suche Probanden für ein Experiment mit hoher Aufwandsentschädigung. Um aber an der vermeintlich wissenschaftlichen Studie teilnehmen zu können, müsse sie zuerst einen Test absolvieren. Er habe auf sie sehr eloquent gewirkt, sagt die Gießenerin, und habe sein Anliegen fundiert begründet.

Der Angeklagte, der in Wirklichkeit weder Raik Haarmann heißt, noch an der Uni Gießen tätig ist, habe ihr anschließend eine Anleitung geschickt. Sie sollte ein zweiadriges Lampenkabel entgittern und an beiden Adern jeweils einen Metall- mit einem Holzlöffel verbinden. Anschließend wies er sie schriftlich über den Nachrichtendienst Skype an, die Apparatur an die Schläfen oder an die Füße zu halten - während er die Geschehnisse aufzeichnete, um sie sich selbst anzuschauen oder über das Darknet zu verkaufen.

Die Gießenerin sagt, sie habe sich sehr überwinden müssen, dann aber die Schläfen gewählt. Als sie die Apparatur ans Hausnetz angeschlossen habe, sei die Sicherung herausgeflogen und ihr schwarz vor Augen geworden. Wie lange sie weggetreten gewesen sei, wisse sie nicht. Als sie wieder aufgewacht sei, sei sie voller Adrenalin gewesen. Und: »Es hat sich angefühlt, als würde mein Gehirn brennen.« Der Angeklagte habe sich dann wieder bei ihr gemeldet und erklärt, der Versuch sei fehlgeschlagen und müsse wiederholt werden - an den Füßen. Den zweiten Versuch jedoch habe sie nicht mehr gemacht, sagte sie. »Weil ich Angst hatte.« Ein paar Tage später habe sich der Mann erneut bei ihr gemeldet. Sie habe ihm nicht mehr geantwortet, den Gesprächsverlauf gelöscht und ihn auf Skype gesperrt.

Kurz nach dem »Experiment« habe sie sich ihrem Freund anvertraut. Der habe ihr gesagt, warum sie »so einen Mist« mache. Anschließend habe sie nicht mehr daran gedacht, vielleicht auch denken wollen. Erst als sich die Polizei Anfang 2018 bei ihr meldete, sei alles wieder hochgekommen. »Das war sehr traumatisch«, sagt sie. Zeitweise habe sie keinem Arzt über den Weg getraut, unter psychischen Problemen gelitten. Nun wisse sie mit Blick auf die vielen anderen Opfer: »Ich bin nicht alleine mit dieser Last. Es klingt traurig, aber das gibt mir Zuversicht.«

Vertreten wird die Gießener Nebenklägerin vom heimischen Strafverteidiger Alexander Hauer. Er betont, entscheidend bei dem Prozess werden die Sachverständigen sein. Denn die Verteidiger des Angeklagten hatten die Taten ihres Mandanten damit erklärt, er habe das Asperger-Syndrom - eine Form des Autismus - und mit seiner Umwelt kommunizieren wollen. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm 88-fachen versuchten Mord vor, um seinen Fetisch zu befriedigen. Die Eltern des Angeklagten hatten sich laut dpa an die Gießenerin gewandt, ihn als kranken Mann beschrieben und um Verständnis gebeten. »Das war zu viel für mich«, sagt die junge Frau. »Auch Asperger-Autisten haben einen Sinn dafür, was richtig ist und was falsch.«

Schlagworte in diesem Artikel

  • Gehirn
  • Gießen
  • Justus-Liebig-Universität Gießen
  • Lebensgefahr
  • Polizei
  • Psychotraumata
  • Skype
  • Zeitungsanzeigen
  • Gießen
  • Kays Al-Khanak
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 4 + 1: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.