03. Februar 2019, 09:00 Uhr

Versandhandel

Otto: Auch ohne Katalog ein Riese

Otto findet Gießen gut! So könnte man den Slogan des Versandhändlers zumindest umdeuten. Wir beantworten die Frage: Womit verdient »Otto« eigentlich sein Geld?
03. Februar 2019, 09:00 Uhr
Der Otto-Katalog flatterte fast acht Jahrzehnte in die deutschen Haushalte. Heute setzt das Unternehmen auf andere Kanäle. (Foto: dpa)

Am 22. November 2018 war es soweit: Pünktlich um 10 Uhr sprangen die Maschinen der Druckerei in Nürnberg an und produzierten das letzte Exemplar des Otto-Katalogs. Jenes kiloschweren Wälzers, der 78 Jahre lang Einkaufsträume in die Wohnzimmer des Republik gebracht hatte. Frauen konnten sich über die neuesten modischen Trends informieren, Kinder kreuzten auf den Spielwarenseiten ihre Wünsche an den Weihnachtsmann an. Und die (jugendlichen) Männer? Die stibitzten sich den Katalog in einem unbeobachteten Moment, um die Damenunterwäsche etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Diese Zeiten sind vorbei, im Dezember wurde der letzte Otto-Katalog verschickt. Es war das Ende einer Ära – aber nicht das Ende der Erfolgsgeschichte.

Es ist der 17. August 1949, als Werner Otto in Hamburg-Schnelsen sein Unternehmen gründet. Der erste Katalog erscheint im Folgejahr, er umfasst eine Auflage von 300 Exemplaren, war handgebunden und bewarb auf 14 Seiten 28 Paar Schuhe. Von da an geht es steil bergauf, in den folgenden Jahrzehnten steigert Otto Angebot und Auflage, setzt Milliarden um und schluckt einstige Rivalen wie »Quelle«, »Privileg« oder »Neckermann«. Heute ist die Otto Group ein Dienstleistungskonzern mit weltweit rund 50 000 Mitarbeitern. Nicht zur Gruppe gehört die ECE Projektmanagement GmbH, sie ist aber im Besitz der Familie Otto. Das Unternehmen entwickelt und betreibt Einkaufszentren in ganz Europa. Dazu gehören neben den beiden Frankfurter Häusern MyZeil und Skyline Plaza auch das Forum in Wetzlar. In Gießens Nachbarschaft arbeiten rund 700 Menschen in über 110 Geschäften.

Auch in Gießen selbst hätte ECE beinahe ein Vorhaben realisiert. Ende der 1990er Jahre wollte das Hamburger Unternehmen am Berliner Platz ein Einkaufszentrum samt Rathaus bauen. Doch die politischen Entscheidungsträger der Stadt sprachen sich schlussendlich dagegen aus.

Heute, 20 Jahre später, wird die Familie Otto doch noch in Gießen aktiv. Dass der Versandhändler 300 Millionen für einen Neubau auf dem AAFES-Gelände in die Hand nehmen kann, liegt auch an der Weitsichtigkeit der in den 90er Jahren handelnden Personen. Während viele andere Geschäftsleute das Internet seinerzeit entweder als vorübergehende Modeerscheinung oder als Bedrohung einstuften, sahen die Verantwortlichen von Otto eine Chance. Sie sorgten dafür, dass die Kunden bereits 1995 Mode und Co. im Internetshop kaufen konnten. Kurz darauf erschien der gesamte Katalog online. Seither wurde der Onlineshop mehrfach ausgezeichnet, laut der Studie »E-Commerce-Markt Deutschland« waren die Hamburger 2017 nach Amazon der größte Online-Händler in Deutschland, noch deutlich vor Zalando. Nach eigenen Angaben steigerte die Otto Group ihre Umsätze im Geschäftsjahr 2017/18 von 12,5 Milliarden auf 13,7 Milliarden Euro. Umsätze aus dem E-Commerce-Bereich stiegen von 7,0 auf 7,9 Milliarden Euro. Der Gewinn betrug 519 Millionen Euro.

 

Onlineshop seit 1995

Das Unternehmen hat sich also gewandelt. Vom spießig angehauchten Katalog-Versender zu einem Global Player im E-Commerce-Bereich. Das wird auch beim Blick in den Geschäftsbericht deutlich, der von seiner Optik eher an ein Szene-Magazin für Millennials erinnert. Der Erfolg im Internet ist auch der Grund, warum das Unternehmen in ganz Deutschland Logistikzentren errichtet. »Wir bauen jetzt unsere logistischen Kapazitäten konzentriert aus«, sagt Katy Roewer, die als Bereichsvorstand Service für die Logistik zuständig ist. Bisher betreibt Otto in Haldensleben, Löhne und Ohrdruf Logistikzentren. Im nächstes Jahr ist die Fertigstellung in Ansbach vorgesehen, 2022 soll es auf dem AAFES-Gelände so weit sein. Gießen, das hat Roewer betont, ist wegen seiner zentralen Lage und der guten Anbindung an die Fernstraßen attraktiv für das Unternehmen. Aber auch die Hochschulen könnten sich positiv auszahlen, schließlich beherbergen sie viele junge Menschen, die bei Otto Arbeit finden könnten. Laut Pressesprecher Frank Surholt werden wohl vor allem Lagerarbeiter, Sachbearbeiter und Staplerfahrer, aber auch Techniker, kaufmännische Mitarbeiter und Führungskräfte gesucht.

Wenn das Logistikzentrum 2022 seinen betrieb aufnimmt, werden von Gießen aus Onlinebestellungen binnen 24 Stunden an Kunden in ganz Deutschland geliefert. Werner Otto, der kleine Schuh-Händler aus Hamburg, würde staunen.

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