22. Februar 2019, 14:00 Uhr

Mensch, Gießen

Petra Bröckmann: Ein Leben in Little America

Die meisten Gießener haben lebhafte Erinnerungen an die Zeit, als die Amerikaner zum Stadtbild gehörten. Für Petra Bröckmann gilt das ganz besonders. Sie hat fast 30 Jahre für die GIs gearbeitet.
22. Februar 2019, 14:00 Uhr
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Von Christoph Hoffmann
Petra Bröckmann vor ihrem einstigen Arbeitsplatz im US-Depot. (Foto: Schepp)

Petra Bröckmann steht inmitten des ehemaligen US-Depots. Ihr Blick wandert über den Platz. Kaum noch etwas erinnert an die Zeit, als hier das Versorgungszentrum der amerikanischen Streitkräfte angesiedelt war. Und doch fällt der Wieseckerin bei jedem Blick etwas ins Auge, das Erinnerungen weckt. »Das ist der Zaun, in den die Katzengruppe ein Loch geschnitten hat«, sagt Bröckmann. »Das gab vielleicht Ärger.« Schmunzelnd schaut sie auch zur Marshall-Siedlung hinüber: »Einige Frauen haben den Wischmopp falsch herum auf den Balkon gestellt, um zu zeigen, dass sie sturmfreie Bude hatten.« Die meisten Erinnerungen verbindet sie aber mit dem Gebäude, das gegenüber der kleinen Bäckerei steht. Bröckmann drückt gegen die Tür. Sie ist offen.

Amerika im Kleinen, das war der Gießener Osten viele Jahre lang. Die Stationierung der GIs brachte nicht nur Soldaten, sondern auch Halloween, Cherry-Coke und die Leidenschaft für Basketball in die Stadt. Taxifahrer machten das Geschäft ihres Lebens, und im Woodland-Club lernten Gießener Frauen nicht nur Funk und Soul, sondern manchmal auch den Mann fürs Leben kennen. 62 Jahre lang, von 1945 bis 2007, haben die Amerikaner Gießen geprägt. Heute sind sie weg – ihre Spuren sind geblieben.

 

Wehmut kommt auf

Durch die offene Tür gelangt Bröckmann auf einen langen Flur. Der Laminatboden ist neu, die weiße Farbe an den Wänden erst vor wenigen Monaten aufgetragen. Heute ist in den Räumen ein berufliches Bildungszentrum zu Hause. Mehrere Gebäude des Depots wurden in der jüngeren Vergangenheit saniert, andere fielen dem Bagger zum Opfer. Es gibt viele solcher Konversionsflächen in der Stadt. Einstige Militärgebiete, die sukzessive einer neuer Nutzung zugeführt werden. Bröckmann begrüßt das, darauf legt sie Wert. Sie will aber auch nicht verschweigen, dass beim Anblick der Bagger Wehmut aufkommt. Schließlich hat sie ihr halbes Leben auf diesen Flächen verbracht.

Bröckmann ist eine geborene Gießenerin. »In meiner Kindheit konnte ich von unserem Balkon in der Rödgener Straße aus das Treiben der Amerikaner verfolgen. Das war wie ein Eintauchen in eine andere Welt.« Wenn der Besuch von Santa Claus bevorstand, spazierte die Familie durch die amerikanischen Siedlungen und bestaunte die Weihnachtsdeko in den Fenstern. Damals konnte Bröckmann noch nicht wissen, dass sie einige Jahre später selbst Teil der amerikanischen Gemeinschaft werden sollte.

 

1980 ins US-Depot

1980, Bröckmann hatte gerade ihre Ausbildung zur Dolmetscherin abgeschlossen, erhielt die Wieseckerin eine Anstellung im US-Depot. Wie? Ganz einfach: »Ich bin ins Personalbüro marschiert und habe gefragt, ob ich hier arbeiten könne.« Allzu schwer sei der Einstellungstest nicht gewesen. »Ich musste zwei Sätze übersetzen und etwas auf der Schreibmaschine schreiben. Dann hatte ich den Job. Ich wurde in der Liegenschaftsverwaltung eingesetzt.« Auch außerhalb des Depots hatte Bröckmann amerikanische Freunde. Und einer hatte es ihr aber ganz besonders angetan. Sie lernte ihn in einem Club kennen.

»Er war in Kirch-Göns stationiert. Immer wenn wir telefonieren wollten, musste er sich am Münztelefon im Flur anstellen.« Bröckmann heiratete und brachte einen Jungen zur Welt. Doch während immer wieder neue Amerikaner über den großen Teich nach Gießen kamen, wählte Bröckmann den anderen Weg: Sie zog mit ihrer Familie nach Texas. Als ihre betagten Eltern drei Jahre später Unterstützung benötigten, kehrte die kleine Familie jedoch nach Gießen zurück. Und Bröckmann konnte ihre Karriere im US-Depot fortsetzen. Bis 1997 arbeitete sie dann in der Liegenschaftsverwaltung, wo sie unter anderem Reparatur- und Instandsetzungsprojekte koordinierte. Als dann die damalige Pressesprecherin der Armee ausschied, bot ihr der Standortkommandeur den Posten an. Bröckmann sagte zu – und zog als »Public Affairs Officer« in das Gebäude 115 ein. Jene Räume, die heute das Bildungswerk beheimaten.

Amerika ist ein wunderschönes Land mit tollen Menschen – egal, wie die politische Situation auch aussehen mag

Petra Bröckmann

»Hier war mein Büro«, sagt die 61-Jährige, als sie das Ende des Flurs erreicht. Wo früher ihr Computer stand, wird jetzt Essen ausgegeben. »Der Kommandeur hat hier gearbeitet«, sagt Bröckmann und zeigt auf die gegenüberliegende Cafeteria. Und der hatte es eben nicht so mit den Katzen.

Bröckmann muss lachen, als sie an die Anekdote denkt. »Damals gab es hier auf dem Gelände viele freilaufende Katzen. Eine Gruppe von Bürgern hat sich ihrer angenommen und sie versorgt.« Und da sie wussten, dass auf dem abgegrenzten AAFES-Warenverteillager ein Kater streunte, schnitten sie kurzerhand ein Loch in den Sicherheitszaun und stellten ein Katzenhäuschen davor. Ihr Chef sei davon gar nicht angetan gewesen, sagt Bröckmann. »Er hat sie zum Rapport bestellt. Er wollte keine Katzen pflegen, sondern Soldaten versorgen und Kriege gewinnen.«

28 Jahre hat Bröckmann für die Amerikaner gearbeitet. Sie hat viele schöne Momenten erlebt, lustige, aber auch den ein oder anderen traurigen. Zum Beispiel, als sie in ihrem Büro saß und auf dem Fernseher zwei Flugzeuge ins World Trade Center krachen sah. »Alles wurde sofort abgeriegelt, niemand kam mehr rein oder raus.« Sechs Jahre später verließen die GIs Gießen. Als am 28. September 2007 die Flagge eingerollt wurde, endete auch für Bröckmann ein bedeutsamer Lebensabschnitt. »Das war ein sehr trauriger Moment.«

Nach kurzen Episoden bei der Army in Hanau und einer Firma in Stadtallendorf fand Bröckmann eine Stelle an der Justus-Liebig-Universität. Bis heute arbeitet sie am Zentrum für fremdsprachliche und berufsfeldorientierte Kompetenzen. Ihre beruflichen Fertigkeiten bringt sie aber auch im Wiesecker Vereinsleben ein, sie kümmert sich zum Beispiel um die Pressearbeit der örtlichen SPD sowie des Obst- und Gartenbauvereins. Vor allem letzterer liegt ihr sehr am Herzen. Ihre Verbindung zu Amerika ist aber auch heute, zwölf Jahre nach dem Abzug der GIs, nicht abgerissen. »Ich ertappe mich oft dabei, dass ich auf Englisch denke oder etwas vor mich her brabbele. Und: Ich fluche zwar selten, aber wenn, dann auf Englisch.« Nach einem nonchalanten Schulterzucken fügt Bröckmann hinzu: »Das kommt leichter über die Lippen.«

 

USA ins Herz geschlossen

Die 61-Jährige ist auch Vize-Präsidentin des Deutsch-Amerikanischen Clubs »Die Brücke«. Das Depot besucht sie ebenfalls regelmäßig, um in Stadtführungen von »Little America in Giessen« zu erzählen. Mit vielen amerikanischen Weggefährten blieb sie über die Jahre in Kontakt. Bröckmann ist inzwischen zwar glücklich neu verheiratet, ihr Ex-Mann ist aber immer noch ein Freund. Kurzum: Die 61-Jährige hat die USA in ihr Herz geschlossen. Daran kann auch ein umstrittener Präsident nichts ändern. »Amerika ist ein wunderschönes Land mit tollen Menschen – egal, wie die politische Situation auch aussehen mag.«

In einigen Jahren werden die Bagger auch die letzten sichtbaren Überreste der Amerikaner beseitigt haben. In den Köpfen sollen die Spuren aber bleiben. Das wünscht sich Bröckmann. »Ich werde daher weiterhin gerne von ›Little America in Giessen‹ erzählen«, sagt die 61-Jährige. Von Menschen, die als Besatzer kamen, aber als Freunde gingen.



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