03. September 2019, 14:00 Uhr

Radeln mit Handicap

»Piloten« für neue (Rad)wege gesucht

Für Menschen mit Handicap kam Fahrrad fahren bislang nicht in Frage. Das will die Initiative »ALLrad« ändern. Die Ehrenamtlichen haben Spezialräder angeschafft, um inklusives Radeln zu fördern.
03. September 2019, 14:00 Uhr
Sie wollen Inklusion auch beim Radfahren ermöglichen: Die Mitglieder der Initiative »ALLrad«. (Foto: Schepp)

Mit dem Rad zur Uni, mal schnell zum Einkaufen oder bei schönem Wetter einen Ausflug unternehmen - das ist für Andrea Barany nicht möglich. Die junge Frau hat eine Sehbehinderung. Sie besitzt ein Tandem, aber damit fahren kann sie nur, wenn jemand mit ihr in die Pedale tritt. Das wird auch in Zukunft so bleiben, aber die Studentin hofft, dass es künftig weniger aufwendig sein wird, einen Mitfahrer zu finden. »Radfahren bedeutet ein Stück Freiheit und Unabhängigkeit, ich vermisse es, dass das nicht spontan möglich ist«, sagt sie.

Künftig wird sie immer öfter in Begleitung unterwegs sein - zum Beispiel mit Adrian Frey. Er ist der erste »Pilot« des inklusiven Radelns und freut sich ebenso wie Andrea auf gemeinsame Fahrten: »Ich wünsche mir, dass es selbstverständlich wird, dass behinderte und nichtbehinderte Menschen zusammen unterwegs sind«. Dass sehen alle derzeit acht Mitglieder des »ALLrad-Projektes« so. Und sie alle wünschen sich, dass sich weitere Mitstreiter für ganz unterschiedliche »Jobs« zu ihnen gesellen: Willkommen sind »Piloten« (die andere unterstützen) und »Co-Piloten« (die sich Unterstützung wünschen). Außerdem Leute, die Lust auf die Wartung der Räder haben, Menschen, die zentral gelegene Stellplätze zur Verfügung stellen, Leute, die Geld spenden wollen). Teilhabe aller an der Gesellschaft kann dann funktionieren, wenn sich viele dafür engagieren, betont die Gruppe.

Bis das inklusive Radeln Alltag wird, ist es noch ein langer Weg, darüber sind sich die Initiatoren einig. Doch der Anfang ist gemacht. Insgesamt sechs Spezialräder stehen bislang zur Verfügung, unter anderem zwei Tandems, ein wendiges Parallel-Tandem und ein sportliches Liegedreirad für kleine Menschen. In Kürze wird eine Kooperation mit den Bewohnern einer Wohngemeinschaft der Lebenshilfe begonnen. Hierbei wird nicht so sehr das Fahren mit Assistenz im Vordergrund stehen als die Begleitung durch den städtischen Verkehr. Auch mit einem Seniorenheim hat es bereits Kontakte gegeben. Daniel Witt von »ALLrad« war mit einem alten Herrn in der Stadt unterwegs, was beiden nicht nur große Freude bereitet hat, sondern auch die Erkenntnis brachte: Das ungewöhnliche Vehikel macht nicht nur Spaß, sondern fördert zudem die Kommunikation miteinander und mit Passanten.

Auch Friedhelm Kerl ist leidenschaftlicher Radfahrer. Er hat seit vielen Jahren eine Gehbehinderung und ist froh darüber, dass ihm das Fahrrad Mobilität ermöglicht. Er möchte dazu beitragen, dass auch andere Menschen mit Einschränkung unabhängiger werden.

Die Initiative »ALLrad« hat ihre Aktivität in Gießen mit dem »AllmendeLastenrad« begonnen. Sei verleiht Lastenräder, mit denen vom Großeinkauf bis zum Umzug (fast) alles erledigt werden kann. Dahinter stecken keine kommerziellen Interessen, sondern der Wunsch nach einer Welt, in der es immer weniger Autos und immer mehr Raum für gemeinsame Aktivitäten gibt. Die idealistischen Aktivisten von »AllRad« kämpfen gemeinsam mit anderen Initiativen für die Verkehrswende und beklagen, dass Gießen in Sachen Verkehrspolitik »noch immer rückwärts gewandt ist«.

Die Lastenräder stehen derzeit an sechs verschiedenen Standorten in der Stadt, sie können online gebucht werden. Für den Verleih der Spezialräder und die Vermittlung von »Piloten« will Tobias Kuczborski von »ALLrad« in Kürze eine App entwickeln. Bis es soweit ist, funktioniert die Kontaktaufnahme telefonisch oder per E-Mail.

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