29. Juli 2019, 21:32 Uhr

Reinigungskräfte unter Druck

29. Juli 2019, 21:32 Uhr
Renate Graf (2. v. r.) berichtet aus dem Berufsalltag einer Reinigungskraft. Außerdem hier im Gespräch (v. l.): BAU-Regionalleiter Hans-Joachim Rosenbaum, Moderator Klaus Pradella und der hessische SPD-Chef Thorsten Schäfer-Gümbel. (Foto: se)

Mit ihrer derzeitigen Situation alles andere als zufrieden sind die Männer und Frauen, die in Hessen als Reinigungskräfte arbeiten. Das geht aus einer Erklärung der Industriegewerkschaft Bau-Agrar-Umwelt hervor, die für vergangenen Samstag zu einem »zentralen Putz-Protest« auf den Kirchenplatz geladen hatte. Dabei sagte BAU-Regionalleiter Hans-Joachim Rosenbaum, dass »Hessens 73 000 Reinigungskräfte vor einer ungewissen Zukunft« stünden. Grund: Die Arbeitgeber hätten den Rahmentarifvertrag gekündigt. »Viele Beschäftigte bekommen jetzt neue Arbeitsverträge mit weniger Urlaub und gekürzten Zuschlägen vorgelegt.«

Dabei sieht die Gewerkschaft in Hessen auch das Land und die Kommunen in der Verantwortung. Diese könnten unter Anwendung des hessischen Tariftreue- und Vergabegesetzes Regeln festlegen, »unter welchen Rahmenbedingungen Schulen, Rathäuser, Ämter und andere öffentliche Gebäude gereinigt werden«. »Die Männer und Frauen in der Branche erwarten von den Politikern ein Bekenntnis zu fairen Arbeitsbedingungen«, erklärte der IG-BAU-Regionalleiter.

Appell auch an Landesregierung

Dass der Bundesinnungsverband den Rahmentarifvertrag für die Branche zum 31. Juli gekündigt habe, hängt laut Rosenbaum mit einem aktuellen Urteil des Bundesarbeitsgerichtes (BAG), wonach auch Teilzeit-Reinigungskräfte Anspruch auf einen 25-prozentigen Überstundenzuschlag hätten. Am 15. August stehen Verhandlungen der Gewerkschaft mit den Arbeitgebern über neue Standards in der Gebäudereinigung an.

Im Mittelpunkt des »zentralen Putz-Protestes«, den HR-Reporter Klaus Pradella moderierte, stand eine Podiumsdiskussion, an der sich auch die nordhessischen Landtagsabgeordneten Wolfgang Decker (SPD) und Torsten Felstehausen (Linke) sowie Christoph Hentzen (FDP) aus Darmstadt beteiligten. Felstehausen bezeichnete das BAG-Urteil als überfällig. Er forderte darüber hinaus eine Anhebung des Mindestlohns auf 12,- Euro pro Stunde.

Hentzen warf der IG Bau vor, nicht immer »ihre Hausaufgabe gemacht zu haben«, stieß dabei aber auf energischen Widerspruch des Regionalleiters. Rosenbaum forderte von den Arbeitgebern Respekt und Anerkennung für die Tätigkeit der Reinigungskräfte. Decker appellierte an die Unternehmen der Branche, die Tarifbindung nicht zu lösen.

Zu Gast war auch Thorsten Schäfer-Gümbel, der sich den Fragen von Klaus Pradella stellte und sich dabei als ausgesprochener Reinigungsexperte zeigte. Die »Arbeitsverdichtung« in dieser Branche habe immer mehr zugenommen, erklärte der SPD-Landesvorsitzende.

Den angekündigten Praxistest konnte Schäfer-Gümbel aus Termingründen dann doch nicht machen. Dabei sollten er und die drei Mitstreiter einen mit Möbeln bestückten Container reinigen. Die drei Mitstreiter erreichten in der zur Verfügung stehenen Minute so gut wie nichts.

Rosa Graf, die als erfahrene Reinigungskraft aus dem anstrengenden Berufsalltag berichtete, erklärte, dass einer Kraft für die Reinigung eines solchen Raumes drei Minuten, mit Fensterreinigung vier Minuten zustünden. Damit wurde verdeutlicht, dass die Beschäftigten bei ihrer Tätigkeit sehr stark unter Zeitdruck stehen. Die betroffenen Frauen trugen am Samstag Hüte in Form von Weihnachtsbäumen, um auf ihre Forderung nach Weihnachtsgeld hinzuweisen.

Arbeitskampf möglich

Zur Auseinandersetzung mit den Arbeitgebern bekannte Rosenbaum: »Wir bereiten einen Arbeitskampf vor«, zeigte aber auch Gesprächsbereitschaft: »Wir versuchen, eine Verhandlungslösung zu finden. Aber wir haben nichts zu verschenken und lassen uns nichts abnehmen.«

Die rund 100 Besucher auf dem Kirchenplatz quittierten die Ausführungen der Runde mehrfach mit Beifall.

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