12. August 2019, 06:00 Uhr

Gießener Schanzenstraße

Reste der Stadtmauer gefunden

Hohe Wälle und Bastionen mit Kanonen: Gießen war einst eine mächtige Festung. Bei Bauarbeiten in der Schanzenstraße sind nun beeindruckende Reste aufgetaucht. Erhalten bleiben sie aber nicht.
12. August 2019, 06:00 Uhr
Mitarbeiter der Hessenarchäologie untersuchen einen Mauerrest der alten Stadtbefestigung. (Foto: mö)

Philipp der Großmütige, der bis 1567 die Geschicke der Landgrafschaft Hessen lenkte, war ein weitsichtiger Herrscher. Der Anhänger der Lehre Martin Luthers sah den großen Krieg zwischen Katholiken und Protestanten fast 100 Jahre vor Ausbruch des 30-jährigen Kriegs kommen. Um Gießen, wo er aufgewachsen war, zu einem »Sammelplatz der protestantischen Waffen« zu machen, ließ er die Stadt in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts zur Festung ausbauen. Bis heute zeugen einige Erhebungen in der Innenstadt von den bis zu 14 Meter hohen Wallanlagen, unter anderem der Name Schanzenstraße erinnert an diese Phase der Stadtgeschichte. Dort sind nun in den letzten Wochen bei Ausschachtungsarbeiten für die Tiefgarage einer Wohnanlage Zeugnisse dieser Ära aufgetaucht. »Wir wussten, dass wir hier auf die Festungsanlage stoßen, aber der Umfang hat uns überrascht. Das sind tolle Funde«, sagt Dr. Sandra Sosnowski, die für Gießen zuständige Bezirksdenkmalpflegerin der Hessenarchäologie beim Landesamt für Denkmalpflege.

Schon Mitte Juli hatten Mitarbeiter der Hessenarchäologie auf der Baustelle im Bereich neben dem Biergarten der Gaststätte »Alt Gießen« ein langes Mauerstück freigelegt. Dieser Fund ist mittlerweile dokumentiert. Derzeit wird im Rahmen der archäologischen Baubegleitung ein weiteres Mauerstück untersucht, das Richtung Bahnhofstraße aufgetaucht ist. »Wir sind auf zwei übereinanderliegende Anlagen gestoßen«, berichtet Grabungsleiterin Dr. Esther Lehnemann.

Stabilisiert wurden die Mauern damals durch Pfähle; eine für die einst sumpfige Gießener Innenstadt typische Bauweise. Das Bauholz, das sich im feuchten Untergrund gut erhalten hat, bietet den Archäologen die Möglichkeit, mit einer dendrochronologischen Untersuchung eine Altersfeststellung zu treffen, um so Schlussfolgerungen zur Entstehungszeit zu ziehen. »Die erfolgversprechenden Teile haben wir für die Untersuchungen ausgesucht, die anderen Stücke werden eingelagert«, erläutert Lehnemann.

Wann die Mauern gebaut wurden, lässt sich noch nicht genau sagen. »Klar ist aber, dass es um die Ära der Festung Gießen zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert geht«, fügt der frühere Bezirksdenkmalpfleger Manfred Blechschmidt hinzu. Spätmittelalterlich sei allenfalls der Siedlungsabfall, der in der Nähe des früheren »Ausgerinnes« zur Georgenschanze gefunden wurde.

Bauherr Gevriye Cil sieht die Funde mit gemischten Gefühlen. Für ihn bedeutet die Baubegleitung durch die Archäologen zwar noch keine Zeitverzögerung, da für solche Maßnahmen in jedem Fall zwei Monate plus Puffermonat eingeplant werden, dennoch erschweren sie das Tagesgeschäft auf der Baustelle. »Wir müssen jetzt auf jeden Fall Ende August fertig sein, ansonsten drohen ungeplante Verzögerungen«, sagt Sosnowski.

Zwei Wohnhäuser mit zusammen 32 Wohnungen sollen auf dem Gelände laut Architekt Hans-Jürgen Welker entstehen. Die Herausforderung sei die zweistöckige Tiefgarage mit 128 Stellplätzen, für die eine tiefe Ausschachtung mit Grubenverbau nötig ist. Planänderungen muss der Bauherr durch die Funde nicht fürchten. Letztlich dürfen die alten Festungsmauern abgerissen werden. »Ehe sie durch den Weiterbau unwiederbringlich verloren gehen, werden sie von uns aber dokumentiert«, erklärt Sosnowski. Eine Dokumentation wird dann später auch an die Stadt Gießen übergeben.

Betreten verboten!

Das Betreten einer Baustelle ist grundsätzlich verboten, aber im Fall der Arbeiten in der Schanzenstraße weisen das Landesamt für Denkmalpflege und die Bauherren noch einmal ausdrücklich darauf hin. Ein Blick in die tiefe Baugrube genügt, um diesen Appell nachzuvollziehen. Da es sich zudem um Privatgelände handelt und die Grabungen baustellenbegleitend laufen, ist es nicht möglich - wie bei den öffentlichen Grabungen am Markt- und Kirchenplatz, als die Stadt Bauherrin war -, Interessierte auf die Baustelle zu lassen. Die archäologische Baubegleitung endet Ende August.

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