22. Februar 2017, 20:04 Uhr

Revolution im Reich der Mitte

22. Februar 2017, 20:04 Uhr
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Von Dagmar Klein
Sind bei der Feier zum 30-jährigen Bestehen der Shenzhen Arts School zu Gast: Tarek Assam, Agnieszka Jachym, Maria A. Dornio, Sven Krautwurst, Caitlin-Rae Crook von der Tanzcompagnie und Tanzpädagoge Till Becker aus Braunschweig. (Foto: bf)

Gießen (dkl). Dass Ballettdirektor Tarek Assam seit Jahren auch mit der chinesischen Tanzszene in Kontakt steht, darüber wurde anlässlich verschiedener Gelegenheiten berichtet. Die Tanzcompagnie Gießen war mit »Macbeth« auf Gastspielreise in China und eine Delegation aus Shenzhen war einen Monat lang Gast bei der TCG. Ganz abgesehen von ihren Beteiligungen am TanzArt-Festival. Nun ist aus dem eher lockeren Austausch ein auf fünf Jahre angelegter Kooperationsvertrag geworden. Partner sind der überregionale TanzArt-ostwest-Verbund, deren Gesamtleiter Assam ist, und die Shenzhen Arts School im Süden Chinas.

Da begegnen sich Welten

Der Vertrag wurde im Anschluss an das letzte TanzArt-Festival geschlossen. Ziel ist die Erarbeitung eines Lehrplans für zeitgenössischen Tanz, der in das Angebot der Schule aufgenommen werden soll. Das klingt für westliche Ohren unspektakulär, ist auf chinesischer Seite aber eine kleine Revolution. Shenzhen ist damit die erste Arts School of Song and Dance in China, die den zeitgenössischen Tanz als normales Unterrichtsfach einführen will, zusätzlich zur gut 1000-jährigen Tradition des chinesischen Volkstanzes. Da begegnen sich Welten.

Bei diversen Besuchen in Shenzhen hielt Assam Vorträge über zeitgenössischen Tanz und leitete Workshops. Mit dabei waren immer einzelne Tänzer und Tänzerinnen, die den praktischen Part vermittelten. Insofern erhielten die Studierenden und Lehrenden schon eine Idee von dem, was Improvisation im Contemporary Dance bedeutet. Der Eindruck war so nachhaltig, dass Direktor Huang Quicheng Pfingsten 2016 erstmals den Wunsch nach einer festen Kooperation äußerte. Vereinbart wurde die Einrichtung einer Gastprofessur, die Kosten übernimmt das Kulturamt Shenzhen. Dreimal pro Jahr fliegen Tanzpädagogen aus dem TanzArt-Verbund für vier Wochen nach Südchina. Assam übernimmt die Supervision. Das Arbeiten in der Arts School wird mit einem Lehrplan vorbereitet, schriftlich und per Video dokumentiert. Bei allen Gesprächen und Proben ist ein Übersetzer dabei.

Tillmann Becker aus Braunschweig hat sich als Erster auf das Abenteuer eingelassen, er war bereits im Oktober in China. Seine Gruppe bestand überwiegend aus Teilnehmern, die schon mal in Gießen waren, also eine Ahnung von tänzerischer Improvisation hatten. Sie seien sehr wissbegierig und offen gewesen, erzählt er. Das Ergebnis konnte er im Dezember mit einer eindrucksvollen Aufführung der Studierenden zeigen.

Dies geschah im Rahmen der Feier zum 30-jährigen Bestehen der Shenzhen Arts School, zu der rund 300 Schuldirektoren aus allen Provinzen Chinas eingeladen waren. Die Gießener waren auch dort, Assam berichtet, dass der Saal mit seinen 1200 Sitzen bis zum Rand gefüllt war. »Das Interesse war immens und die Begeisterung groß.«

Die nächste Gruppe wird aus Schülern bestehen, die einzig mit ihrem Wissen und der Erfahrung im chinesischen Volkstanz kommen. Da wird sich noch mal anders zeigen, wie westliche Improvisationstechniken bei ihnen ankommen. »Die Studierenden sollen Gefühlswelten auf der Bühne zulassen, aber anders als bisher erlernt«, erklärt Assam. »Improvisation funktioniert nicht ohne Gefühle zu zeigen, und das ist in der von Ritualen geprägten Tanztradition Chinas nicht üblich. Dort wird fast ausschließlich in stilisierter Form getanzt, was aus heutiger Sicht wenig authentisch ist. Insofern ist das Erproben für jeden Einzelnen auch ein großer persönlicher Schritt.« Im Juli wird TCG-Trainingsleiter Paolo Fossa das chinesische Abenteuer wagen und im August folgt Tiago Maquinho, Choreograf in Braunschweig.

Gastprofessur vereinbart

Der Kooperationsvertrag wurde möglich durch das auf wechselseitigem Austausch beruhende TanzArt-ostwest-Festival, das Assam noch in seiner Zeit am Nordharzer Städtebundtheater mitgründete und seitdem koordinierend leitet. Mit seinem Start als Ballettdirektor am Stadttheater Gießen 2002/03 brachte er das Tanzfestival auch nach Mittelhessen, wo es seither jährlich stattfindet. Das Netzwerk ist in den vergangenen 18 Jahren stetig gewachsen und bietet eine optimale Ressource für das Entsenden von Tanzpädagogen nach China. »Das Interesse ist groß«, so Assam. »Es bedeutet für jeden Einzelnen eine besondere Erfahrung.«



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