13. Februar 2012, 21:08 Uhr

Ruine in der Bleichstraße ist jetzt Schmuckstück

Gießen (kan). Wo vor einiger Zeit noch der Putz von den Wänden bröckelte und sich der Hausschwamm breit machte, erstrahlt eines der wenigen Gießener Häuser, die nicht den Weltkriegsbomben zum Opfer gefallen sind, jetzt wieder in neuem Glanz.
13. Februar 2012, 21:08 Uhr
Aus der Ruine ist ein Schmuckstück geworden: Der alte Außenputz des Hohmeier-Hauses wurde nicht ersetzt, sondern gereinigt und aufgearbeitet. (Fotos: Schepp)

Vielen Passanten ist in den letzten Wochen aufgefallen, dass sich in dem Gebäude in der Bleichstraße etwas tut. Von außen fallen vor allem die großen Buchstaben auf, die an der Fassade hängen. »Denkmal«, steht dort, außerdem unter anderem »Baukunst«, »Original« und »Lebenswert«. Es sind die Worte, mit denen die Eigentümer Oliver Kuhn und Christian Weber beschreiben würden, was gerade im Inneren entsteht.

Noch dominieren Farbeimer und Bohrmaschinen das Bild im »Hohmeier-Haus«, doch an vielen Stellen lässt sich erkennen, wie es schon in wenigen Tagen aussehen wird: Die alte Bausubstanz aus der Gründerzeit, die abgesehen vom Dach, den Elektro-, Heizungs- und Sanitäranlagen komplett erhalten wurde, trifft auf moderne Ästhetik. 1881 von Malermeister Philipp Hohmeier im italienischen Palazzo-Stil errichtet, ist das Gebäude, das lange in Familienbesitz war, heute Einzeldenkmal. Hohmeier gehörte nach der Gründung des deutschen Reiches zur aufstrebenden Handwerkerschicht. 1898 baute er im Hinterhof eine Werkstatt, die auch Wohnungen für Angestellte bot.

»Wir wollen, dass die Leute hier die Seele des Hauses spüren«, sagt Kuhn. An den meisten Stellen soll das durch die kunstvollen Wandmalereien erreicht werden, die die neuen Eigentümer unter bis zu sechs Tapetenschichten wiederentdeckten. Anstatt die Bemalungen zu restaurieren, wurden sie in Szene gesetzt und geben den Räumen nun ihren ganz eigenen Charakter. »Wohnen in der Gründerzeit – Leben im Heute«, nennen Kuhn und Weber ihr Konzept, das sie mit Hilfe von Architekt Björn Trieschmann umsetzten. So heißt den Besucher nun in der ersten Etage ein mit rosafarbenen Blumen verziertes »Grüß Gott« willkommen, in den »Salons«, wie die Eigentümer die Aufenthaltsräume nennen, stehen Sofas mit geschwungenen Beinen, in der Küche blickt man über dem modernen Anstrich direkt auf die alten Backsteinmauern.

Nicht nur Zeugnisse aus dem 19. Jahrhundert finden sich in dem renovierten Gebäude. Denn auch das Hohmeier-Haus blieb im Krieg nicht völlig verschont. Im Hof sei eine Fliegerbombe niedergegangen, die einen langen Riss im Mauerwerk hinterlassen hat, erzählt Kuhn. Während er von außen geflickt wurde, sei das der einzige Spalt gewesen, den die Arbeiter von innen nicht zuspachteln durften. Und so kann der Gäste-WC-Besucher durch ihn noch immer in die Vergangenheit blicken.

Mit ihrem Wohnkonzept wollen Weber und Kuhn vor allem junge Leute ansprechen, die Spaß am WG-Leben haben. Insgesamt 39 Einzelzimmer wollen sie vermieten, wenn in zwei Monaten auch das alte Werkstattgebäude im Hof renoviert ist. Die Privaträume – oder Kammern, wie Kuhn sie nennt – sind recht klein gehalten, dafür gibt es großzügige Gemeinschaftsflächen, in jeder Etage unter einem anderen Motto. Das erste Obergeschoss mit seinen Originalmöbeln der Jahrhundertwende bezeichnen die Eigentümer als »Beletage«. Im zweiten Stock, der »Musik-Etage«, wartet ein kleiner Flügel auf die Bewohner, die »Herrschafts-Etage« trumpft mit seiner Deckenbemalung auf. Unter dem Dach, in der »Gesinde-Etage«, geht es etwas einfacher zu. Im Keller können sich die Bewohner an der Werkbank, beim Tischtennis oder Kickern austoben. »Ich wüsste nicht, dass es ein solches Wohnkonzept in Gießen schon gibt«, sagt Kuhn stolz.

Doch bis es so weit war, war viel Arbeit notwendig. 40 Container Müll hätten seine Leute aus Haus und Garten abtransportiert, bevor die Renovierung beginnen konnte, sagt Kuhn. In gut zwei Wochen soll nichts mehr an die Bruchbude erinnern, die das Hohmeier-Haus noch bis vor Kurzem war. Dann sollen die ersten Bewohner einziehen in Gießens neues Schmuckstück. Ob lieber in die Herrschafts- oder die Gesinde-Etage bleibt dem persönlichen Geschmack überlassen.

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