04. August 2019, 10:00 Uhr

Serie Russlanddeutsche

Russendisko: Musik, Geborgenheit und »vodka«.

Das »Fun« in Reiskirchen ist eine »Russendisko«. Es wird zu russischer Musik getanzt, russisch gesprochen und »vodka« getrunken. Die Gäste dort fühlen sich für ein paar Stunden geborgen.
04. August 2019, 10:00 Uhr

Es ist kurz vor Mitternacht. Die Diskothek »Fun« im Gewerbegebiet am westlichen Rand von Reiskirchen ist noch nicht einmal eine Stunde lang geöffnet. »Pass auf, was jetzt gleich passiert«, sagt DJ Denis Schreder. Er zwinkert. Dann greift er zum Mikrofon und spricht ein paar russische Wörter hinein. Sekunden später ist die Tanzfläche voller junger Menschen - und voller Melancholie. Aus den Boxen strömt ein Stück Heimat: das Lied »Detstvo« der russischen Musiker Rauf und Faik. Sie sind gerade mal 20 Jahre alt und in ihrer Heimat schon Stars. Allein dieser Song, der übersetzt »Kindheit« oder »Jugend« heißt, kann mehr als 55 Millionen Aufrufe bei Youtube vorweisen. Die Zwillinge singen über die großen Gefühle. In »Detstvo« geht es um die Erinnerung an die erste Liebe. Schreder, der seit vielen Jahren als DJ Slonik unterwegs ist und sich auf die Musik aus seiner Heimat spezialisiert hat, weiß, was seine Gäste brauchen. Kurz vor dem Refrain dreht er die Lautstärke herunter. Die Männer und Frauen auf der Tanzfläche sind textsicher: »Ich erinnere mich an unsere Jugend, an jeden vergangenen Tag. Ich erinnere mich an unsere Orte. An die Zeit, als wir 16 waren und uns das Küssen nicht mehr reichte.« »Russen lieben es, Lieder mitzusingen«, sagt Alex Gertner, der Hausfotograf im »Fun«. Mit ihren Gedanken sind einige Besucher jetzt gerade wahrscheinlich in Kasachstan, Aserbaidschan oder in Russland, irgendwo zu Hause halt, obwohl sie noch nie einen Fuß in eines dieser Länder gesetzt haben.

Das »Fun« ist heute eine Russendisko. Seit jeher gibt es dort zwei größere Räume mit eigenen Tanzflächen und unterschiedlichen Musikstilen. In einem läuft nach wie vor Hip-Hop. Im anderen, in dem Mitte der 90er noch deutsche Schlager von Wolfgang Petry und Marianne Rosenberg gespielt und Foxtrott getanzt wurde, suchen heute Russlanddeutsche und ihre Nachkommen nach einem Stück Heimat oder nach dem Gefühl, das sie dafür halten. Im »Fun« wird russisch gesprochen - mit den Türstehern, den Barkeepern, mit dem DJ und mit Freunden und Bekannten. Die Musik ist typisch russisch, regelmäßig treten populäre russische Sänger auf. Über der Theke steht »napitki bar« in kyrillischer Schrift. Die Jungs suchen nach der hübschesten Frau, der samaya krasivaya zhenshchinah, und getrunken wird vodka - pur mit Zitronenschnitz gegen den Geschmack oder mit Energygetränk gemischt. »Der Russe trinkt gerne - das ist nicht nur ein Klischee«, sagt Fotograf Gertner.

Smirnoff mit Zitrone

Auch bei Artur, Konsti, Lufti, Maxim und ihren Freunden steht eine große Flasche Smirnoff in Eis auf dem Tisch. Daneben liegt ein Haufen abgekauter Zitronenschalen. Die Jungs sind um die 20. Kinder von Eltern, die Migrationsforscher als die Generation 1,5 bezeichnen. Zu jung, um sie der ersten Einwanderergeneration zuordnen zu können, und zu alt, um zur zweiten Generation der hier Geborenen zu zählen. Auch ihre Kinder - obwohl in Gießen auf die Welt gekommen und zum Teil 13 Jahre lang mit deutschen Klassenkameraden in deutschen Schulen - scheinen noch immer auf der Suche nach Heimat zu sein. »Natürlich bin ich in Deutschland geboren, aber jeder in meiner Familie ist eigentlich Russe. Und ich will auch ein Russe sein«, sagt Artur. Sein Vater ist waschechter Russe, seine Mutter Kasachin mit deutschen Wurzeln. In der »Russendisko« könne er seinen russischen Teil ausleben. Es ist der Teil seiner Persönlichkeit, den er sonst im Alltag gerne versteckt.

Sprachlich auf Augenhöhe

»Hier fühle ich mich geborgen und auf Augenhöhe mit den anderen Besuchern - auch sprachlich«, sagt Konsti. Ein Gefühl, das er in anderen Clubs in der Stadt oft vermisse. Vor ein paar Tagen hat er mit seiner deutschen Freundin Schluss gemacht. Ihre Eltern hätten ihn nie akzeptiert. »Es wäre schön, wenn meine nächste Freundin aus meinem Kulturkreis käme. Das würde vieles einfacher machen.«

Einer der Jungs will bald studieren, einer geht noch zur Schule, ein anderer hat vor ein paar Tagen mit Ach und Krach seine Ausbildung geschafft. So unterschiedlich wie die Freunde sind auch die Sorgen, die sie an diesem Abend im Raucherbereich des »Fun« mit sich herumschleppen und die vom »vodka« auf die Zunge gespült werden. Das Russe-sein-Wollen, die fehlende Akzeptanz, das Selbstwertgefühl, Probleme mit der Sprache, die auch die Schule nicht lösen konnte, da die Eltern zu Hause oft nur russisch sprechen, Zukunftssorgen. »Ich würde gerne studieren, aber weiß nicht, was. Das setzt mich unter Druck, denn mein Vater war in meinem Alter schon beim Militär«, sagt ein 18-Jähriger. Er scheint unsicher zu sein, ob er den Ansprüchen der Eltern gerecht werden kann und welche das eigentlich sind.

Auf der Tanzfläche herrscht gerade bessere Stimmung. »Ich feiere die russische Musik«, hat Lufti vorher gesagt. Er ist damit nicht alleine. Die Besucher tanzen ausgelassen, der Umgang miteinander ist freundlich und offen. »Unter Russen gibt es eine Art Vertrauensverhältnis. Wir gehören alle irgendwie zu einer Gruppe. Das spürt man hier«, sagt Konsti. DJ Schreder beobachtet die Szenerie von seinem Pult aus seit vielen Jahren. »Es hat sich etwas verändert. Die junge Generation ist angepasster geworden«, sagt er. Ein Beweis dafür: »Die Zeit der Schlägereien ist vorbei.« Dass es diese Zeit gegeben hat, mag man kaum glauben, wenn kurz vor Mitternacht Männer und Frauen gemeinsam von Heimat und der ersten Liebe singen.

(Fotos: Friedrich)

Das »Fun« in Reiskirchen ist eine »Russendisko«. An der Bar wird Russisch gesprochen, auf der Tanzfläche zu russischer Musik getanzt, und es wird viel »vodka« getrunken. Doch mehr Klischee ist nicht. Die vorwiegend russischstämmigen Besucher genießen die »Auszeit auf Augenhöhe« und fühlen sich für ein paar Stunden geborgen.

Von Marc Schäfer

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