Stadt Gießen

Sam Millar hat Gewalt am eigenen Leib gespürt

Der nordirische Schriftsteller weiß aus Erfahrung, worüber er schreibt. Beim Krimifestival stellt er seinen Privatdetektiv Karl Kane vor, Protagonist zweier Romane.
22. Oktober 2013, 17:48 Uhr
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Sam Millar beantwortet offen alle Fragen des Publikums in der Stadtbibliothek. (Foto: abg)

Die Lesung zu »Die satten Toten« von Sam Millar im Rahmen des Krimifestivals beginnt am Montagabend in der Stadtbibliothek ganz klassisch mit der Romaneröffnung. Mit dem in personalisierter Erzählweise verfasstem Prolog werden die Zuhörer von Autor Millar, der aus der englischen Originalausgabe vorträgt, direkt in eine Situation um Menschen, die sich – mit Hobbes gesprochen – gegenüber anderen Menschen als Wölfe gebären, versetzt. Die Moderation übernimmt an diesem Abend Karina Fenner vom Literarischen Zentrum, Unterstützung erhält sie von ihrer Kollegin Madelyn Rittner, die als Dolmetscherin fungiert.

Nicht zuletzt seine nordirische Herkunft hat den 1955 in Belfast geborenen Autor bereits früh mit Gewalt konfrontiert. Die Biografie Millars, der als Jugendlicher 1972 an einer Demonstration (Bloody Sunday) für Bürgerrechte die extreme Gewalt seitens der britischen Einsatzkräfte hautnah miterlebte, ist aufs engste mit der politischen Tragödie seiner Heimat verstrickt. Über die Recherchearbeiten anderer Krimiautoren, so lässt der Autor in der Stadtbibliothek durchblicken, kann Millar, der sich selbst nicht immer lammfromm verhalten hat, nur müde lächeln – viel von dem, was sich andere theoretisch erschließen, kennt er aus persönlicher Erfahrung. Mehrmals saß er im Gefängnis. In den 70er Jahren wegen seiner Tätigkeiten für die IRA im Hochsicherheitsgefängnis in Nordirland, wo er – wie er erzählt – durch Misshandlungen eine Niere verliert. In den 90er Jahren verbüßt er eine Haftstrafe wegen der Beteiligung an einem Banküberfall in den USA.

Dem Erfinder von Privatdetektiv Karl Kane, dem Protagonisten von Millars Krimiserie, sieht man das alles natürlich nicht an der Nasenspitze an. Ein wenig müde wirkt Millar an diesem Abend, zeigt sich aber gleichermaßen interessiert wie offen bezüglich der Fragen, die Karina Fenner und das Publikum an ihn stellen und die natürlich nicht völlig unbeeinflusst von Millars bewegter Lebensgeschichte ausfallen. Biografisch haben Autor Millar und Protagonist Kane, der sich auch mit der Schriftstellerei befasst, jedoch – im Gegensatz zu seinem Erfinder – bislang keinen Erfolg hat, einiges miteinander gemein. Das gewalttätige Ausagieren überlässt der dreifache Vater jedoch seinem Alter Ego Kane und schreibt sich so die Wut aus dem Bauch.

Mehr über Kane, einen Ermittler der Marke »harter Hund«, dessen ironisch-sarkastische Sprüche das Lesevergnügen steigern, erfuhr das Publikum in der Stadtbibliothek durch den gelungenen, nuancieren Vortrag von Roman Kurtz (Schauspieler am Stadttheater), der aus der deutschen Übersetzung las. Durch Kanes Kontakte zur Gerichtsmedizin lernten die Zuhörer einiges zum Thema Knochenaufbau und konnten einen Einblick in den Fall um die »satten Toten« gewinnen. Die Knochen der Leiche auf dem Seziertisch verraten nämlich, dass das Opfer, dem auch die Nieren operativ entfernt wurden, in sehr kurzer Zeit extrem viel Gewicht zugelegt hat. Ein ziemlich gestörter Killer scheint da am Werk zu sein, der seine Opfer stopft, wie es gemeinhin mit Gänsen gemacht wird. Körperhorror kündigt sich hier an, wie man ihn beispielsweise aus David Finchers Film »Sieben« kennt. Auch Millar arbeitet derzeit an einem Drehbuch. Der erste Roman der Karl-Kane-Reihe soll demnächst verfilmt werden.

Bis dahin bleiben die Bilder zu den grausigen Geschichten mit Handlungsort Belfast – dessen Touristenbüro nach Millars Schilderung mit seinen literarischen Repräsentationen der Stadt nicht einverstanden ist – der Imagination der Leser vorbehalten. Diese konnten sich ihre Exemplar von »Die satten Toten« im Anschluss an die Lesung vom Autor signieren lassen und nach einem typisch irischem Imbiss zu Hause nachlesen, was im Laufe der Handlung mit Kanes Tochter passiert.

Anna Brandstätter

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/stadtgiessen/Stadt-Giessen-Sam-Millar-hat-Gewalt-am-eigenen-Leib-gespuert;art71,85833

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