16. Januar 2018, 20:05 Uhr

Schlagkraft mit Gefühl

Schlagzeuger Rainer Römer ist Mitglied des Ensemble Modern, dem führenden Ensemble für Neue Musik. Die Ausbildung von Perkussionisten liegt dem Frankfurter Professor am Herzen – in der Akademie des Ensemble Modern wie auch an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst. Im Interview im Vorfeld des Examenskonzerts seiner Schlagzeugklasse erläutert er, was ihm dabei wichtig ist.
16. Januar 2018, 20:05 Uhr

Herr Römer, was sagen Sie jemandem, der kritisiert, ein komplettes Konzert mit Schlagzeug sei wegen der Lautstärke nur schwer auszuhalten?

Rainer Römer: Dass wir laut spielen können, ist nur eine Seite des Schlagzeugs. In diesem Examenskonzert geht es los mit einem Marimbakonzert, gefolgt von »Glut« des Koreaners Il-Ryun Chung. Da geht es schon etwas intensiver zu, aber nach der Pause folgt Emmanuel Séjournés Marimba-Doppelkonzert – das ist ein jazziges, schön klingendes Werk.

Was hat Sie persönlich zum Schlagzeug gebracht?

Römer: So etwas ergibt sich. Als Zwölfjähriger habe ich in einer Band gespielt. Piano, Bass und Gitarre waren schon besetzt und so bin ich zum Schlagzeug gekommen. Ich habe aber zum Beginn meines Musikstudiums auch sehr viel Klavier gespielt. Letzten Endes hat mich das Interesse an der Musik zum Schlagzeug gebracht. Ich habe gemerkt, dass ich mich über das Schlagzeug in vielerlei Hinsicht betätigen kann: im Orchester, in Bands, solo, im Ensemble. Das Ensemble Modern ist für mich der perfekte Ort, das was ich mache, zu platzieren.

Haben es Schlagzeuger nicht generell schwer in diesem Beruf unterzukommen? Im Orchester spielen viele Geiger, aber nur wenige Perkussionisten.

Römer: Das Berufsbild des Schlagzeugers setzt sich bei jedem Musiker anders zusammen. Das mache ich auch meinen Studenten klar und spreche schon früh mit ihnen, dass man die Leidenschaft für das Instrument in ein Berufsbild umsetzen muss. Man muss wissen, was man kann und wo seine Stärken liegen und wie man dies miteinander verbindet, um daraus einen Beruf zu machen. Da gibt es die unterschiedlichsten Kombinationen. Leute, die in ein Orchester wollen, brauchen starken Willen, Talent, Durchhaltevermögen und eben auch Glück. In Deutschland haben wir immerhin weit mehr als 100 Berufsorchester. Die ganze Welt schaut staunend darauf. Aber andererseits gibt es durchaus auch Stellen an Musikschulen.

Sie haben neben dem Schlagzeug noch ein zweites Standbein. Sie schreiben Hörspiele. Wie kam es dazu?

Römer: Das hat sich entwickelt, als ich bei Musikproduktionen des Hessischen Rundfunks für Hörspiele als Schlagzeuger dabei war. Das mache ich auch heute noch. Ich habe auch für Hörspiele komponiert. Und dann wurde mir angeboten, selbst eines zu machen, in dem ich Regie und Komposition übernehme. Das war quasi folgerichtig.

Was werden wir beim Examenskonzert in der Uni-Aula hören?

Römer: Nach der Pause spielen die Examensstudentinnen Lin Luo und Yu-Ling Chiu – die eine ist Chinesin, die andere Taiwanesin. Sie haben in Stuttgart bzw. Holland studiert und machen in Frankfurt ihren Studienabschluss. Mit Emmanuel Séjournés Doppelkonzert für Marimba und Vibrafon legen sie einen Teil ihrer Abschlussprüfung ab. Im ersten Teil des Konzerts erklingt Ney Rosauros Konzert für Marimba und Orchester, eines der berühmtesten Marimbakonzerte. Mit Rosauros habe ich zusammen in Würzburg studiert. Als er seinen Abschluss machte, wollte er ein Marimbakonzert spielen, fand aber keines. Da hat er kurzerhand selbst eins geschrieben und es wurde eines der berühmtesten – ein sehr nettes, leicht zu hörendes Stückchen. Und das teilen sich zwei Studenten, die neu in meiner Klasse sind: der Spanier Raul Flores Aloy und der Chinese Ziteng Wang. Wir können in Gießen etwas probieren. Es ist nicht mehr nur ein Examenskonzert, sondern thematisch ausgeweitet. Es geht um Schlagzeug, Schlagzeugkonzerte und Schlagzeug im Orchester. Wir bereiten ein Podium, auf dem sich talentierte Studenten auch ausprobieren können.

Und dabei soll auch gezeigt werden, wie viel Gefühl und Romantik in einer Rhythmusgruppe stecken können.

Römer: Das ist auf jeden Fall bei Séjourné und Rosauro der Fall. »Glut« von Il-Ryun Chung ist ein Beispiel für sehr energetische Musik. Da geht es um schamanische Rituale, vom Komponisten quasi formal in Orchesterstücke übersetzt. Man hört leichte Anklänge an koreanische und indonesische traditionelle Musik. Es gibt drei Solisten und zwei Schlagzeuger im Orchester – und so ergibt sich, wie der Titel »Glut« nahelegt, eine Hitzeansammlung, die sich über 20 Minuten steigert. (Foto: Etter)

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