18. Juli 2019, 22:02 Uhr

Schnellkraft gegen Schwerkraft

18. Juli 2019, 22:02 Uhr
Arena der Schnellkraft im Gegenlicht: Stangenpark in der Wieseckaue. (Foto: mö )

Der junge Mann hat sich in die Strahlen der bereits tiefer stehenden Sonne gestellt. Mit geschlossenen Augen nimmt er die Wärme auf, die Atembewegungen des Brustkorbs werden langsamer. Nach einer halben Minute hat er genug Sonnenenergie getankt und geht zurück ans Gerät. Er schaut nach oben zur Stange, ein kurzer kräftiger Hüpfer, und schon folgt die nächste Serie mit Klimmzügen.

Es ist kurz nach 19 Uhr am Dienstagabend im Stangenpark in der Wieseckaue. Es sind um die 30 bis 40 vorwiegend junge Männer und Frauen, die sich geschmeidig und schnellkräftig in dem Parcours bewegen und der Schwerkraft trotzen. Daneben steht eine Box, aus der Begleitmusik schallt.

Die meisten der Männer trainieren mit freiem Oberkörper. Man sieht ausdefinierte Schulter-, Rücken- und Bauchmuskulatur, die aber keineswegs zur Schau gestellt wird. Mit egozentrischer Kraftprotzerei hat das sogenannte Street-Work-out offensichtlich nichts zu tun: Der Waldbrunnenweg liegt nicht am Venice Beach. Die folgende Beobachtung mag Zufall sein, aber es sind auffällig wenig Tätowierungen zu sehen.

Die sportlichen und gebräunten Figuren, die sich und die Welt hier auf den Kopf stellen, erinnern an Turner und Turnerinnen. Eine Frau mit blondem Pferdeschwanz federt über den Kunststoffbelag. Aus dem Stand springt sie mehrfach mit einer unfassbaren Leichtigkeit auf einen der beiden hohen Tische und landet ohne einen Wackler. So viel Geschmeidigkeit macht neidisch. »Das ist unfair«, ruft ihr ein Trainingspartner lachend zu. Wenig später stemmt sich die Frau waagrecht in die beiden Ringe, die die Gruppe zusätzlich angebracht hat. Auch Gummibänder erweitern das Übungsspektrum der Anlage. Als wäre ein Klimmzug an einer der hohen Stangen nicht schon schwer genug, hängt sich einer an einen Fuß noch ein rundes Gewicht, eine sogenannte Kettlebell. Beim ersten und zweiten Zug zieht er sich noch bis auf Schulterhöhe zur Stange, dann bis unters Kinn, bei der Nase ist Schluss. Es sieht aus, als kämpft er gegen das Ertrinken. Manchmal tritt ein Sportler aus dem Stangenwald heraus und streut auf der Wiese nebenan gymnastische Übungen ein. Einer läuft auf zwei Händen wie eine Strandkrabbe herum.

Das etwas unübersichtliche Treiben hat etwas von Teambuildingmaßnahmen; man leistet sich gegenseitig Hilfestellung, gibt Tipps und verteilt aufmunterndes Lob. Die Jungen sind dabei nicht ganz unter sich. Etwas am Rande der Anlage macht ein Mittfünfziger mit langer Laufhose etwas verstohlen Liegestütze und andere Kraftübungen. Auch wenn es zu Klimmzügen bei ihm nicht (mehr) reicht, so hat er doch erkannt, um was es im Stangenpark eigentlich geht. »Ziel unseres Trainings ist eine bessere Bewegungsqualität im Alltag und im Sport, also mit seinem Körper das tun zu können, was man tun will. Konkret heißt das, neue Übungen und Bewegungsabläufe zu lernen, die vorher nicht möglich waren oder auch einfach Bürokrankheiten wie Rückenschmerzen entgegenzuwirken«, heißt es bei der Street-Work-out-Abteilung des MTV 1846 Gießen.

Gegen 19.15 Uhr steht die Sonne im Westen noch ein bisschen tiefer. Ein kleiner Junge im schwarz-weißen Fußballtrikot von Juventus Turin mit der Aufschrift »Ronaldo« schaut den Großen beim Training blinzelnd zu. Sixpacks gibt’s hier schließlich auch zu sehen - und zwar ganz ohne breitbeinige Showeinlage.

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