22. September 2019, 10:00 Uhr

Im Arrest

Selbstversuch: Eingeschlossen in Arrestzelle

Wer in der Arrestzelle sitzt, wird entweder schnell wieder entlassen, oder sein Weg führt für längere Zeit hinter Schloss und Riegel. Wir haben im Selbstversuch getestet, wie man sich in dieser Zelle fühlt.
22. September 2019, 10:00 Uhr
In der 8,5 Quadratmeter großen Arrestzelle findet sich nur eine Liegefläche. (Foto: Schepp)

Es sind nur zehn Minuten, die ich hinter Schloss und Riegel verbringe. Aber bereits nach kurzer Zeit habe ich das Gros meines Zeitgefühls verloren und frage mich, ob mich Thomas S. hier in der Arrestzelle des Polizeipräsidiums Mittelhessen vergessen hat. Denn bevor die Tür mit einem dumpfen Laut zufiel und der Beamte, der seinen kompletten Namen nicht in der Zeitung lesen will, den Schlüssel mehrfach im Schloss herumdrehte, sagte er mit einem Augenzwinkern: »Ich hoffe, ich denke in zehn Minuten noch an Sie.« Viele Menschen, die hier in der Ferniestraße in einer Zelle untergebracht werden, haben diese Perspektive nicht. Für sie kann der unfreiwillige Aufenthalt der Beginn einer längeren Haftstrafe sein.

Im Keller des Polizeipräsidiums befinden sich elf Zellen. Neun sind Einzel-, zwei weitere Großraumzellen, die vor allem bei Sonderlagen wie Demonstrationen genutzt werden. Bis zu 14 Personen haben dort Platz, getrennt nach Geschlecht. In diesen Zellen gibt es lediglich eine Bank, denn sie werden stundenweise genutzt. Die 8,5 Quadratmeter großen Einzelzellen, in denen sich nur ein Podest mit einer abwaschbaren Matratze befindet, sind auch für 24 Stunden oder nach richterlichem Beschluss für einen längen Zeitraum vorgesehen. Die Verbindung zur Außenwelt ist eine Gegensprechanlage, die mit der Wache verbunden ist.

Thomas S. ist während der Tagschicht zusammen mit einem Kollegen der Herr über diese Zellen. Gleichzeitig verantwortet er die Asservatenkammer, die ebenfalls im Keller untergebracht ist. Seit 17 Jahren ist der gelernte Zimmermann bei der Polizei, seit eineinhalb Jahren als sogenannter Gewahrsamsverwalter tätig. »Wer hier sitzt«, sagt der Polizist, »dem stehen später zwei Wege offen«: Entweder er oder sie kann wieder nach Hause gehen oder wird anschließend in ein Gefängnis verlegt. Hier sitzt vom Trunkenbold bis zum Schwerverbrecher alles, mit dem die Polizei täglich zu tun hat.

Kleidung und Körper untersucht

Für alle ist der Ablauf gleich: Nachdem zuvor die Personalien aufgenommen und erste Ermittlungen angelaufen sind, wird der oder die Inhaftierte in den Arrest gebracht. Dort werden Kleidung und Körper der Person untersucht. Die Polizisten notieren, welche Gegenstände eingezogen werden: zum Beispiel Messer, Schlüssel, Smartphone oder Gürtel. Auch die Schuhe müssen wegen der Schnürsenkel vor der schweren Eisentür bleiben. Denn wer in Gewahrsam genommen wird, soll sich oder anderen in oder außerhalb der Zelle keine Gewalt antun.

Die Körper- und Kleidungskontrolle muss ich zum Glück nicht über mich ergehen lassen, gebe aber meine Uhr, mein Handy und mein übriges Hab und Gut ab. Da stehe ich nun mitten in der 8,5 Quadratmeter großen Zelle. Die ist schnell abgelaufen. Kaum eine halbe Minuten verbringe ich damit, den Raum auszumessen. Fünf Schritte vom Liegebereich bis zur Tür, drei Schritte von der einen zur anderen Wand. Ich setze mich auf die Matratze und lasse die Füße baumeln. Dabei versuche ich, die weißen Fliesen, die im Neonlicht noch etwas kälter wirken, abzuzählen, scheitere aber in der ersten Reihe.

»Geht die Tür zu«, erzählt Thomas S., »tritt in der Regel ein Gesinnungswandel bei den Eingeschlossenen ein.« Die einen fallen in ein tiefes Loch, weil sie ins Grübeln geraten und merken, was sie angerichtet haben, wie sich ihr Lebensentwurf gerade in Luft auflöst. Das macht selbst aus einem muskelbepackten Macker einen nahbaren Menschen. Andere werden aggressiv, treten gegen die Tür, schreien. Auch Thomas S. und sein Kollege werden verflucht. »Die Wut ist aber Ausdruck von Hilflosigkeit und nicht gegen mich als Person gerichtet«, sagt der Beamte. Körperlich attackiert worden sei er in den vergangenen eineinhalb Jahren nur ein Mal. Trotzdem dreht der Beamte niemandem, den er wegschließt, den Rücken zu.

Kleine Klappe, ruhiger Tonfall

Augenkontakt und Empathie findet der Polizist für seine Arbeit immens wichtig. Deswegen kommuniziert er in der Regel nicht über die geschlossene Zellentür, sondern öffnet eine dort eingelassene kleine Klappe. In einem ruhigen Tonfall - und wenn es nötig sein sollte, auch mal per Du - spricht er so die Insassen an. »Sie beruhigen sich schneller und können dann auch mal ohne Probleme aufs Klo gehen.« Auch dort müssen sie sich damit abfinden, dass es im Arrest wenig Privatsphäre gibt: Die Toilette hat keine Tür, die Kabinen sind mit halbhohem Milchglas versehen.

Thomas S. freut sich, wenn ihm einer seiner »Gäste« zum Abschied sagt, er sei von ihm gut behandelt worden. An die erinnert er sich gerne. Weniger gerne denkt der Polizist an einen Mann, dem ein Mord vorgeworfen wird. Dieser habe mit ihm auffallend ruhig und sachlich gesprochen. »Der war so gefasst«, sagt er, »dass ich so einem Menschen draußen nicht begegnen möchte.«

Auf dem Flur vor den Zellen ist es ruhig. Plötzlich höre ich Schritte und das Klappern des Schlüsselbundes. Thomas S. pfeift ein Lied, das ich nicht kenne, öffnet das kleine Fenster und lächelt. Die Tür geht auf, die zehn Minuten sind vorbei. Als ich später das Polizeipräsidium verlasse und auf dem Parkplatz stehe, atme ich einmal tief durch. Freiheit ist was Feines, denke ich mir. Man muss gar nicht so viel dafür tun - einfach nur den ganzen Mist seinlassen.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Beamte
  • Gießen
  • Körper
  • Polizei
  • Polizeipräsidium Mittelhessen
  • Richter (Beruf)
  • Gießen
  • Kays Al-Khanak
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 8 + 2: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.